Als Eliud Kipchoge beim Berlin-Marathon 2018 seinen ersten Marathon-Weltrekord aufstellte, kannte Kelvin Kiptum nahezu niemand.

Innerhalb von fünf Jahren ist Kelvin Kiptum zum derzeit besten Marathonläufer der Gegenwart aufgestiegen. Der 23-Jährige gewann seine bisherigen zwei Marathon-Starts souverän und das jeweils mit Zeiten unter 2:02 Stunden. Auf den Marathon-Weltrekord fehlen ihm nur noch 16 Sekunden.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Kelvin Kiptum auch den Marathon-Weltrekord von Eliud Kipchoge knackt. Doch dem Kenianer ist sogar noch mehr zuzutrauen. Er könnte der erste Läufer auf unserem Planeten werden, der bei einem offiziellen Marathon-Wettkampf eine Zeit unter zwei Stunden läuft. Das gelang zwar bereits Eliud Kipchoge im Jahr 2019 in Wien, damals allerdings unter nicht rekordtauglichen "Labor-Bedingungen" (durchgehende Unterstützung von Tempomachern).https://vg06.met.vgwort.de/na/6a5102119d6a4fdb9b916690058fd8ee

Portrait von Kelvin Kiptum: Die bisherige Karriere

Seinen ersten offiziellen Wettkampf als Profi bestritt Kelvin Kiptum im Jahr 2018 beim Eldoret Half Marathon in Kenia, den er damals im Alter von 18 Jahren prompt in einer Zeit von 1:02:01 Stunden gewann.

Viele Halbmarathons im jungen Alter

2019 trat der Läufer aus Chepkorio auch erstmals außerhalb von Kenia bei internationalen Wettkämpfen an. Im März 2019 gelang ihm beim Lissabon-Halbmarathon als Fünfter mit einer Zeit von 59:54 Minuten erstmals ein Halbmarathon in unter einer Stunde. Im Herbst steigerte er in Frankreich seine Bestzeit um eine Sekunde. Über die 10 Kilometer gelang ihm zudem eine Zeit von 28:17 Minuten - eher bescheiden für internationale Verhältnisse.

2020 lief Kelvin Kiptum bei einigen weiteren Halbmarathon-Wettkämpfen. Im Dezember 2020 belegte er beim Valencia-Halbmarathon mit neuer persönlicher Bestzeit von 58:42 Minuten Platz 6.

Über die 10.000 Meter viel zu langsam

2021 konnte er sich für die Olympischen Spiele qualifizieren, wo er über die 10.000 Meter mit einer Zeit von 28:27,87 Minuten auf Platz 8 allerdings gänzlich chancenlos im Kampf um die Medaillen war. Über die Halbmarathondistanz lief er 2021 zwei Mal Zeiten unter einer Stunde, aber nicht unter 59 Minuten.

Kiptum schockt die Leichtathletik-Welt

Als er im Dezember 2022 beim Valencia-Marathon sein Debüt über die 42,195 Kilometer gab, rechnete niemand mit Kelvin Kiptum. Denn der hatte im gesamten Jahr 2022 kein einziges internationales Resultat auf seiner Vita. Auch die bisherigen Halbmarathon-Resultate der vergangenen Jahre waren zwar gut, aber keinesfalls überragend. Doch zwei Tage nach seinem 23. Geburtstag schockte er die gesamte Leichtathletik-Welt. Mit einer Zeit von 2:01:53 Stunden pulverisierte er den Streckenrekord um unfassbare 67 Sekunden. Plötzlich war er neben den zwei Legenden Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele der einzige Läufer mit einer Marathon-Zeit unter 2:02 Stunden.

Schnellstes Marathon-Debüt aller Zeiten

Interessant an seiner Leistung in Valencia: Er lief zwischen km 30 und 35 die fünf Kilometer in 14 Minuten. Eine Pace, mit der er einen Marathon sogar in unter zwei Stunden laufen könnte. Es war zudem das schnellste Marathon-Debüt aller Zeiten. Auf der zweiten Marathonhälfte lief er eine Zeit von 60:16 Minuten. Demnach legte er die zweite Marathonhälfte über eine Minute schneller zurück, als die erste Marathonhälfte.

 

Historisches Novum

2023 gelang ihm bei seinem zweiten Marathon-Start der zweite große Triumph. Nur eine Woche nach Kipchoges langsamsten Marathonlauf aller Zeiten beim Boston Marathon hätte Kiptum beim London-Marathon gar Kipchoges Marathon-Weltrekord ausgelöscht. Und auch da war seine Taktik ähnlich wie in Valencia. Er erhöhte auf der zweiten Streckenhälfte das Tempo sukzessive. Nach 1:01:40 Stunden erreichte er die Halbmarathondistanz. Niemand dachte zu diesem Zeitpunkt an eine Zeit unter 2:02 Stunden. Doch Kiptum zündete nach 30 Kilometern den Turbo und lief die zweite Marathonhälfte in spektakulären 59:45 Minuten. Er ist damit der erste Mensch, der bei einem Marathon-Wettkampf die zweite Hälfte in unter einer Stunde zurücklegte.

Nach 2:01:25 Stunden erreichte Kiptum mit neuem Streckenrekord das Ziel. Nur 16 Sekunden fehlten auf den Weltrekord von Eliud Kipchoge, der wohl bei seinem nächsten internationalen Marathon-Start gehörig wackeln könnte.


Die Marathon-Taktik von Kelvin Kiptum: Negativ-Split

Anhand seiner zwei Marathon-Leistungen lässt sich die Marathon-Strategie von Kelvin Kiptum sehr leicht eruieren. Der Kenianer startet kontrolliert in den Marathonwettkampf und erhöht ab Kilometer 30 sukzessive das Tempo.

Anbei noch einmal der Vergleich seiner Halbmarathon-Splits bei den zwei Marathon-Starts.

Marathon1. Hälfte2. HälfteSteigerungEndzeit
Valencia Marathon 2022 61:37 60:16 81 Sek. 2:01:53
London Marathon 2023 61:40 59:45 115 Sek. 2:01:25

 

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Bei beiden Marathons konnte sich Kiptum also um über 80 Sekunden steigern. Das entspricht einer Pace von zwei bis drei Sekunden pro Kilometer. Das sind auf Weltklasseniveau Welten.

Mehr dazu auch hier:


Gelingt Kelvin Kiptum die erste Marathon-Leistung unter 2 Stunden?

Aufgrund seiner massiven Tempoerhöhungen auf der zweiten Marathonhälfte scheint es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Kiptum ein neuer Marathon-Weltrekord gelingt.

Der Kenianer ist wohl der derzeit einzige Kandidat, dem auch ein Marathon in unter zwei Stunden unter offiziellen Wettkampfbedingungen zuzutrauen ist. Addiert man aus seinen Marathons in London und Valencia die Zeiten der zweiten Marathonhälfte, käme Kiptum auf eine Endzeit von 2:00:01 Stunden. Bei einer etwas offensiven Rennstrategie wäre also durchaus das Potential für eine Zeit vorhanden, die der 2-Stunden-Barriere zumindest sehr Nahe käme.

Doch es gibt auch einige Argumente, die gegen einen weiteren Höhenflug in der Karriere von Kelvin Kiptum sprechen:


Was spricht gegen Kelvin Kiptum?

Kelvin Kiptum könnte vor allem eines zum großen Verhängnis werden: Der Kenianer fokussierte sich von Beginn an auf lange Distanzen. Das kann langfristig gesehen zu einigen Nachteilen führen.

Zu früher Einstieg in den Marathon?

Kelvin Kiptum gab mit 23 Jahren sein Marathon-Debüt. Das ist zwar nicht ungewöhnlich früh, aber deutlich früher als im Vergleich zu anderen Marathon-Legenden wie Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele.

Dieser zu frühe Einstieg könnte zumindest langfristig zu einem großen Problem werden. Denn betrachten wir seine Bestzeiten auf kürzeren Distanzen, bleibt wenig Spielraum nach oben.

Bestzeiten auf den Unterdistanzen erlauben wenig Spielraum nach oben

Kelvin Kiptum hält eine Bestzeit von 28:17 Minuten über die 10 Kilometer. Das entspricht einer Pace von 2:50 Minuten pro Kilometer. Der Weltrekord ist fast zwei Minuten schneller als Kiptums Bestzeit. Natürlich würde das derzeitige Leistungsvermögen eine deutlich schnellere Zeit für Kiptum ermöglichen. Denn Beim London-Marathon 2023 lief er die zehn Kilometer zwischen km 30 und 40 sogar in 27:50 Minuten (= 2:47 Minuten pro Kilometer) und damit deutlich schneller als bei seinem Olympia-Start 2021 über die 10.000 Meter.

Doch der frühe Einstieg auf lange Distanzen ab der Halbmarathon-Distanz könnte Kiptum womöglich das Potential gekostet haben, die Schnelligkeit auf ein höheres Level aufzubauen, wie es etwa Kipchoge oder Bekele gemacht haben. Denn die liefen in ihrer Karriere die 10.000 Meter in unter 27 Minuten. Bekele hielt sogar lange die Weltrekorde über die 5.000 Meter und die 10.000 Meter.

Das Leistungsvermögen von Kiptum erlaubt hingegen kaum Spielraum nach oben.

Ein gänzlich anderer Karriereverlauf als Kipchoge

Es gibt nur wenige erfolgreiche Läufer, die ihre Marathon-Karriere nicht über Unterdistanzen aufgebaut haben, ehe sie sich voll und ganz dem Marathonlauf gewidmet haben.

Kipchoge gab im Jahr 2013 beim Hamburg-Marathon im Alter von 28 Jahren sein Marathon-Debüt. Zehn Jahre vor seinem ersten Marathon-Start gewann Kipchoge im Jahr 2003 über die 5.000 Meter WM-Gold. In den folgenden Jahren kamen einige WM- und Olympia-Medaillen über die 5.000 Meter hinzu, ehe er nach einer verpassten Olympia-Qualifikation im Jahr 2012 den Umstieg auf den Marathon wagte.

Kipchoge hatte also mindestens zehn Jahre lang auf der Laufbahn große Erfolge gefeiert und an seiner Schnelligkeit gearbeitet, ehe er auf den Marathon umstieg. Über die Marathondistanz war Kipchoge in zehn Jahren nahezu unschlagbar. Er wurde zwei Mal Olympiasieger und lief mehrmals Weltrekorde. Die Grundlage für diese lange Konstanz holte er sich mit seinen Vorleistungen aus den kurzen Distanzen.

Kelvin Kiptum hat den ersten Karriereteil Kipchoges gänzlich übersprungen und sofort den Einstieg auf Wettkämpfe ab der Halbmarathon-Distanz gewagt. Die Wahrscheinlichkeit ist demnach hoch, dass Kiptum früh seinen Leistungszenit erreicht.

Erinnerungen an Tsegaye Mekonnen

Es gibt übrigens viele Marathonläufer auf Weltklasseniveau, die einen ähnlich schnellen Durchbruch vollziehen konnten, wie Kelvin Kiptum. Traurigstes Beispiel ist Tsegaye Mekonnen. Der überraschte im Jahr 2014 im Alter von 18 Jahren beim Dubai Marathon, als ihm mit 2:04:32 Stunden eine Junioren-Weltbestzeit gelang. Doch Mekonnen kam nie wieder nur annähernd an seine Marathon-Bestzeit heran.

Zwischen 2019 und 2022 bestritt er keinen Wettkampf. 2023 gab er in Dubai sein Marathon-Comeback, welches mit einer Zeit von 2:13:24 Stunden gänzlich in die Hose ging. Im April versuchte er sich beim Hamburg-Marathon erneut. Da erreichte er allerdings nicht mehr das Ziel.

Doping?

Natürlich dürfen wir auch das Tempo Doping nicht außer Acht lassen. Solche abrupten Leistungssprünge sind für den einen oder anderen Leichtathletik-Insider durchaus verdächtig. Doch Kiptum ließ sich bisher nichts zu Schulde kommen. Für ihn gilt also die Unschuldsvermutung.

Der Generalverdacht ist allerdings bei Läufern aus Kenia mittlerweile da. Denn im vergangenen Jahr wurden weit mehr als 20 Weltklasseläufer aus dem Land der Läufer überführt. Zuletzt traf es sogar den Weltrekordhalter über die 10.000 Meter:

Ein weiterer schaler Beigeschmack: Laut N-TV ist Marc Corstjens der Manager von Kelvin Kiptum. Corstjens hatte bereits einige Profis unter Vertrag, die mit Doping in Zusammenhang standen. Dazu zählt auch Olympiasiegerin Ruth Jebet, die 2018 wegen eines EPO-Dopingtests für vier Jahre gesperrt wurde.


Training von Kelvin Kiptum

Weiterer interessanter Fakt zu Kelvin Kiptum: Einen Trainer hat er nicht. Er trainiert sich selbst. Das ist höchst ungewöhnlich für afrikanische Spitzenläufer, auch wenn er ab und zu in einer Gruppe mit vielen anderen Profis aktiv ist. Einen Großteil seines Trainingsumfangs läuft er allerdings alleine. Das Strecken-Terrain ist hügelig und fast immer abseits von Asphalt, wie es auch bei allen anderen Profis aus Afrika der Fall ist.

In einer Pressekonferenz im Rahmen des London-Marathons sagte er, dass er vor allem "viel und lange" trainiert.

Weitere Details zum Training sind (noch) nicht bekannt. Das Marathon-Training wird aber vergleichbar sein, wie jenes von Kipchoge:


Schuhe von Kelvin Kiptum

Wie auch viele andere Weltklasseläufer ist Kelvin Kiptum mit Carbon-Laufschuhen von Nike unterwegs. Allerdings gibt es dazu eine interessante Geschichte: Denn Kiptum hatte einen Detail mit der in Europa nahezu gänzlich unbekannten chinesischen Marke Qiaodan abgeschlossen.

Zum London-Marathon trat Kiptum allerdings in Nike-Schuhen an. Nun drohen ihm aufgrund eines Vertragsbruches rechtliche Folgen.


Berlin Marathon 2023 mit Kelvin Kiptum?

Derzeit ist noch offen, wo Kelvin Kiptum seinen nächsten Marathon läuft. Im Herbst ist womöglich der Berlin-Marathon die realistischste Option. Da könnte Kiptum sogar den Weltrekord von Eliud Kipchoge knacken. Kiptum wäre dann mit 23 Jahren 14 Jahre jünger als Kipchoge bei seinem Marathon-Weltrekord im Jahr 2022.

2024 scheint im Sommer ein Start beim Olympia-Marathon wahrscheinlich. Kiptum könnte da zum großen Spielverderber von Eliud Kipchoge werden. Denn der möchte als erster Mensch zum dritten Mal Marathon-Olympiasieger werden.

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