Ruth Chepngetich beim Chicago Marathon
Ruth Chepngetich beim Chicago Marathon (Foto: © Clark Adams, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)
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Zweifel am Marathon-Weltrekord: Umfassende Analyse mit interessanten Ergebnissen

Innerhalb von 13 Monaten wurde der Marathon-Weltrekord der Frauen um mehrere Minuten verbessert. Das sorgt für wachsende Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Leistung.

Besonders der kürzlich von Ruth Chepngetich aufgestellte Weltrekord löst Kontroversen aus, selbst unter Profi-Sportlern und in Fachmagazinen.

Ein Weltrekord in Rekordzeit

Als Tigist Assefa beim Berlin Marathon 2023 den Weltrekord von 2:14:04 Stunden auf 2:11:53 Stunden senkte, staunte die Laufszene zunächst ungläubig. Nur ein Jahr später setzte Ruth Chepngetich einen neuen Meilenstein: 2:09:56 Stunden, bei übrigens perfekten Laufbedingungen. Diese beiden Läuferinnen haben somit den Rekord von Brigid Kosgei aus dem Jahr 2019 um mehr als vier Minuten verbessert – eine Ewigkeit im Leistungssport, insbesondere über diese Distanz.https://vg06.met.vgwort.de/na/2daee0c1f80f4aa0a72d143b807bc7c3

Frauen holen auf: Eine historische Betrachtung

HDsports analysierte bereits nach dem Berlin Marathon die Glaubwürdigkeit von Assefas Rekord. Damals schien der Leistungssprung plausibel, da die Frauen im Vergleich zu den Männern einen großen Rückstand aufholten. Zwischen 2007 und 2018 wurden bei den Männern sechs Marathon-Weltrekorde aufgestellt, bei den Frauen hingegen keiner. Als Eliud Kipchoge 2018 den Männer-Weltrekord auf 2:01:39 Stunden setzte, betrug der Abstand zum Frauenrekord noch 13:46 Minuten. Heute liegt der Unterschied bei nur noch 9:21 Minuten. In den letzten sechs Jahren konnten die Frauen den Rückstand also um 4:25 Minuten reduzieren.

Zum Vergleich: 2003 stellte Paula Radcliffe mit 2:15:25 Stunden einen Weltrekord auf, der 16 Jahre Bestand hatte. Zu dieser Zeit betrug der Unterschied zum damaligen Männer-Weltrekord von Paul Tergat nur 10:30 Minuten. Heute ist die Lücke also nur geringfügig kleiner als damals. Diese historische Perspektive lässt Assefas Rekord weiterhin glaubhaft erscheinen. Doch mit der jüngsten Verbesserung auf unter zehn Minuten kommen berechtigte Zweifel auf.

Die sprunghaften Verbesserungen – ungewöhnlich oder plausibel?

Der jüngste Leistungssprung von Chepngetich, die den Rekord um 1:57 Minuten verbesserte, ist auf den ersten Blick bemerkenswert. Allerdings gab es in der Vergangenheit ähnliche Leistungssprünge bei den Frauen. Paula Radcliffe verbesserte 2003 ihren eigenen Rekord um 1:53 Minuten. Assefa steigerte Kosgeis Zeit um 2:11 Minuten.

Obwohl es bei den Männern selten so drastische Verbesserungen gibt, lassen historische Vergleiche solche Sprünge plausibel erscheinen. Der letzte derart große Fortschritt bei den Männern wurde 1967 von Derek Clayton erzielt, als er die Weltbestzeit (offizielle Rekorde gab es damals noch nicht) um mehr als zwei Minuten verbesserte. Die Zeiten waren damals vergleichbar mit den heutigen Frauen-Zeiten, was durchaus ein Indiz ist, dass in diesem Tempobereich solch eine sprunghafte Steigerung nicht unrealistisch ist.

Vergleich der Geschlechter: Weltrekorde auf Unterdistanzen

Um die Leistung von Chepngetich besser einordnen zu können, vergleichen wir die Pace-Unterschiede zwischen den Weltrekorden der Männer und Frauen auf verschiedenen Distanzen:

DistanzPace MannPace FrauDifferenz
100 km 03:39 min/km 03:56 min/km 17 sek/km
Marathon 02:51 min/km 03:05 min/km 14 sek/km
Halbmarathon 02:44 min/km 02:59 min/km 15 sek/km
10 km 02:40 min/km 02:55 min/km 15 sek/km
5 km 02:34 min/km 02:51 min/km 17 sek/km

Die Differenzen zeigen, dass Chepngetichs Marathonzeit mit einer Pace von 3:05 Minuten pro Kilometer nur 14 Sekunden langsamer ist als der Männer-Weltrekord. Auf den kürzeren Distanzen (Halbmarathon und 10 km) beträgt die Differenz 15 Sekunden pro Kilometer. Über die 5 km und die 100 km sind es 17 Sekunden.

Auch dieser Vergleich bestätigt, dass Chepngetichs Weltrekord zwar überdurchschnittlich stark, aber plausibel ist. Zumal Frauen vor allem beim Marathon einen entscheidenden Vorteil gegenüber Männern haben. Denn Chepngetich hatte bei ihrem Rekordlauf zwei Tempomacher, die perfekt auf sie abgestimmt waren. Ihr zweiter Tempomacher begleitetet sie bis wenige Meter vor dem Ziel. Kiptum lief bei seinem Weltrekord einen großen Teil des Rennens alleine.

Warum gibt es trotzdem Zweifel?

Betrachten wir also die Leistung von Ruth Chepngetich rein zahlen-basiert, gibt es am Rekord nichts anzuzweifeln, auch wenn Chepngetich mit ihrer Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:04:16 Stunden sogar unter den Top 5 Halbmarathonläuferinnen All-Time wäre und nur 14 Sekunden über ihren nationalen Halbmarathon-Rekord blieb. Bis vor drei Jahren hätte diese Durchgangszeit sogar zu einem Halbmarathon-Weltrekord gereicht. Wäre sie diese Pace bis zum Ende durchgelaufen, hätte das eine Endzeit im Bereich des Marathon-Olympia-Limits für die Männer ergeben.

Der irische Athlet Stephen Kerr äußerte via Twitter seine Bedenken und erklärte, dass dieser Rekord "den Tod der Leichtathletik als Sportart" bedeute. Seine Zweifel stützen sich nicht nur auf den drastischen Leistungssprung, sondern auch auf die Doping-Vergangenheit Kenias. Zumal waren viele Beobachter überrascht, wie locker Chepngetich auch nach dem Rennen war. Man hatte den Eindruck, als könne sie die Pace noch einige Kilometer weiter laufen.

Aber zurück zur Doping-Problematik.

Denn seit 2015 wurden 270 Athleten aus Kenia von der Athletics Integrity Unit (AIU) disqualifiziert. So etwa Rhonex Kipruto, der 2020 über die zehn Kilometer mit 26:24 Minuten einen Weltrekord aufstellte. Diese Leistung wurde aber nach positiven Dopingtests annulliert. Oder etwa Lawrence Cherono, der bei den Olympischen Spielen 2021 in Japan Vierter über die Marathondistanz wurde. Auch Titus Ekiru ist mittlerweile gesperrt. Er knackte im Jahr 2021 als sechster Läufer die 2:03er Marke über die Marathondistanz. Zuletzt traf es die Läuferin Emmaculate Anyango Achol, die binnen zwei Jahren ihre 10-Kilometer-Bestzeit um fast fünf Minuten drückte und sich so mit einer Zeit von 28:57 Minuten auf Platz 2 in der ewigen Bestenliste vorarbeitete.

Das große Laufbuch der Trainingspläne

Ruth Chpengetich hat sich in ihrer Karriere allerdings bisher nichts zu Schulden kommen lassen. Doch neben Kenias Doping-Skandale hat ihre Leistung einen weiteren Beigeschmack. Sie hat war keinen offiziellen Trainer, allerdings wird die 30-Jährige von Federico Rosa (Agentur Rosa Associati) gemanagt. Und der betreute u.a. mit Rita Jeptoo und Jemima Sumgong weitere Marathon-Läuferinnen mit Doping-Vergangenheit. Sumgong wurde 2016 Marathon-Olympiasiegerin ehe sie ein Jahr später zum zweiten Mal des Dopings überführt wurde. Jeptoo wurde 2014 überführt, nachdem sie im selbigen Jahr die Marathons in Chicago und Boston gewann. Auch die bereits oben erwähnten Titus Ekiru und Lawrence Cherono sind Teil der Associati (gewesen). Allerdings muss man dabei festhalten, dass dies nicht bedeutet, dass diese Sportler gemeinsam trainieren oder betreut werden. Demnach können auch hier Chepngetich keine großen Vorwürfe gemacht werden. Zumal die Läuferin aus Kenia nicht nur von World Athletics regelmäßig getestet wird, sondern auch von den World Marathon Majors. Das heißt, Chepngetich wird in der Regel sogar öfter kontrolliert als viele andere Spitzenläufer.

Marathon-Training: Wie trainieren erfolgreiche Marathon-Läufer?

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die sprunghaften Leistungsverbesserungen im Marathon der Frauen zwar statistisch nachvollziehbar sind, aber dennoch Fragen aufwerfen. Vor allem die Dopingvergangenheit in Kenia belastet den Sport und trägt zu den Zweifeln bei. Letztendlich bleibt es Aufgabe der Anti-Doping-Behörden, durch strengere Kontrollen die Integrität des Sports zu schützen und die Glaubwürdigkeit solcher Rekorde sicherzustellen.

Splitzeiten von Ruth Chepngetich beim Marathon-Weltrekord

DistanzZeit
5 km 15:00
10 km 30:14
15 km 45:32
20 km 1:00:51
HM 1:04:16
25 km 1:16:17
30 km 1:31:49
35 km 1:47:32
40 km 2:03:11
M 2:09:56

Foto: © Clark Adams, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

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Kommentare

Frank
Sonntag, 20. Oktober 2024 05:33
Vielleicht wäre zu untersuchen, welchen Einfluss die neue Schuhtechnologie in Zusammenhang mit dem Körpergewicht zu tun hat. ALSO: wie hoch ist die zurückgebende Energie bei Schuhgröße EUR 40.5 bei einem 58 kg Läufer und einer 41 kg Läuferin….
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Volker
Mittwoch, 16. Oktober 2024 23:17
Ich frage mich, wie in einer so alten Sportart wie dem Marathon-Lauf überhaupt noch neue Weltrekorde möglich sein sollen, ohne dass dabei Doping im Spiel ist. Die einzige Stellschraube, an der man sonst noch drehen kann, sind die Schuhe.
Ich habe zudem auch schon mehr als eine Dokumentation gesehen, bei der es darum geht, unter welchen Druck die Kenianischen Läuferinnen und Läufer stehen. Sie hoffen, durch Spitzenergebnisse beim Laufen aus der Armut herauszukommen, dabei bleiben aber sehr viele Läuferinnen und Läufer auf der Strecke, weil sie die geforderte Leistung nicht erbringen können.
Ich selber bin begeisterter Läufer, kann aber dem Kampf um immer neue Rekorde nicht viel abgewinnen.
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Stefan
Mittwoch, 16. Oktober 2024 22:00
Wenn man mal die 100km weglässt (die zwar in Rekord- und Bestenlisten auftauchen, aber nicht einen Bruchteil des Stellenwerts der anderen Diziplinen haben), lässt sich klar feststellen: Je länger die Strecke, desto geringer der Geschwindigkeits-Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das könnte man als statistisches Ergebnis festhalten und dann ins Fachliche gehen. Warum ist das so? Ein möglicher Grund wird erwähnt: Tempomacher bis kurz vors Ziel, die gibt es auf der Bahn nicht. Leider geht es dann nur aufs Doping, weitere Aspekte werden nicht genannt wie z.B.:
- die Schuhtechnologie
- Verpflegung während der Wettkämpfe
- äußere Bedingungen
- Körperbau und sonstige biologische Merkmale
- die in der Regel treppenförmige Entwicklung von Rekorden
- statistische Ausreißer
- Talent und Niveau der Protagonisten
- verspätete Emanzipation von Frauen in manchen Gesellschaften
- unterschiedliche Motivationen auf der Bahn zu bleiben oder auf die Straße zu wechseln
usw.
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Ein Sportler
Mittwoch, 16. Oktober 2024 14:01
Sehr unrealistisch die gelaufene Zeit. alleine die Anfangspace lässt große Zweifel aufkommen, da diese ja in den roten Bereich frühzeitig rein gelaufen sein muss und scheinbar noch nicht an ihre Grenzen gegangen ist. Ich wäre mal gespannt auf ihre 10 Km Zeit. Demnach müsste sie ja an die 27 Min. kratzen was ich im Frauensport schon für sehr unrealistisch halte. Und wenn der Manager nur mit gedopten Läufern zu tun hatte würde den Verdacht zusätzlich verstärken.
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Angelika
Mittwoch, 16. Oktober 2024 14:00
Ein Schelm der Böses denkt...eh nur 250 Athleten die letzten 9 Jahre positiv getestet aus Kenia. Warten wir ab.
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Laufabenteuer
Mittwoch, 16. Oktober 2024 11:59
Mal ehrlich- die Luft nach oben wird doch immer dünner. Je schneller man wird, desto kleiner sind doch die Verbesserungen. 10 Minuten konnte ich im Bereich 3:40 bis 3h auf Marathon jeweils pro Jahr (1Marathon im Frühjahr, 1 im Herbst)erreichen. Sicherlich kein Maßstab und es gibt Leute die mehr schaffen. Da würde ich sagen spielen Training andere Schuhe ( Wechsel ohne zu mit Carbonsohle) usw noch mit rein. Aber bei Athleten die professionell betreut werden- da würde ich mich eher fragen ob da Parallelen bestehen (gleicher Trainer…). Oder es gibt neue Bahnbrechende Erkenntnisse in der Medizin oder im Material…Ich denke „die Sonne bringt es an den Tag“….Bis dahin gratuliere ich den beiden;-)
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Kö ha
Mittwoch, 16. Oktober 2024 11:44
nein ist keine natürliche Entwicklung. Selbst mit den neuesten Trainingsplänen, mit verbesserter Ernährung, wissenschaftlichen Erkenntnissen, Carbon Laufschuhen und und und ist diese Steigerung nicht zu erklären. Ich denke, hier wurde fleißig mit unerlaubten Mitteln nach geholfen. Kenia ist mittlerweile ja auch dafür bekannt. Nach einer Reportage von Hajo Seppelt ist es in Kenia ein einfaches an Dopingmittel zu gelangen. Der Arzt stellt den Schein aus und du gehst damit in die Apotheke und holst dir das Zeug. Wurde mit versteckter Kamera gefilmt. Ganz easy. Außerdem gab es massive Kürzungen in Anti-Doping-Kampf in Kenia. Sie haben im laufenden Geschäftsjahr nur 14.000€ zur Verfügung. Ich glaube, mehr muss man nicht wissen.
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C.E
Mittwoch, 16. Oktober 2024 10:32
Ziele zu erreichen ist niemals verkehrt! Jedoch ist es kaum nachvollziehbar wodurch die Erreichbarkeit dessen beeinflusst wurde! Spekulieren kann man viel, wissen werden wir es nie. Unnatürlich empfinde ich es aber ganz persönlich schon sehr…… so what…. Ein Hoch auf die Ziele im Leben ….. 🥇
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Thorsten
Mittwoch, 16. Oktober 2024 09:58
Es ist möglich aber die wenigsten kennen die Geschichte der Athleten wie sie leben wie sie trainieren usw.
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Michael
Mittwoch, 16. Oktober 2024 07:11
solange nichts illegales nachgewiesen ist, ist es ok.
Es ist nur eine Frage der Zeit, wann bei den Männern die 1:58er Schallmauer fällt.
Bei den Speedskatern sind wir schon längst, Männer, wie Frauen, im unter 1h Bereich im Marathonbereich angelangt.
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Alltime
Mittwoch, 16. Oktober 2024 03:44
Ich sehe den Rekord sehr skeptisch, wenn man zu vor in London nur eine 2:24 Std. Zeit gelaufen ist.
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