Berlin ist bekannt für schnelle Zeiten – doch manchmal schreibt das Wetter seine eigenen Geschichten.
Beim Berlin Marathon 2010 war es strömender Regen, der Patrick Makau den Weltrekord vermasselte. 15 Jahre später waren es zu warme Temperaturen, die Sabastian Sawe an der ganz großen Sensation hinderte. Was bleibt, ist trotzdem ein außergewöhnlicher Lauf, der in die Annalen der Marathongeschichte eingehen wird.
Vom Regenrekord zum Hitzerekord
Damals kämpfte Makau gegen tiefe Pfützen und klebrige Schuhe – und siegte dennoch in 2:05:08, schneller als je jemand zuvor unter solchen Bedingungen. „In gutem Wetter wäre ich eineinhalb Minuten schneller gewesen,“ meinte er damals. Ein Jahr später kam er zurück, nutzte perfekte Bedingungen und stürmte in 2:03:38 zum Weltrekord.
Am vergangenen Sonntag spielte sich beim Berlin Marathon eine ganz andere Wetter-Story ab. Dieses Mal brannte die Sonne gnadenlos auf die Strecke. Sabastian Sawe biss sich durch und stoppte die Uhr nach 2:02:16. Damit lief er die neuntschnellste Marathonzeit der Geschichte und zugleich eine Art „Warmwetterrekord“, wenngleich auch Temperaturen zwischen 22 und 25° Celsius keine Hitze waren. Nur 101 Sekunden fehlten ihm auf die globale Bestmarke.
Die Einschätzung des Trainers
Sawe, dessen Bestzeit bei 2:02:05 steht, bekam nach dem Rennen viel Lob von seinem Coach. Der Italiener Claudio Berardelli erklärte: „Ich weiß, dass er in außergewöhnlicher Form war. Aber ich kann nicht sagen, was bei kühleren Bedingungen möglich gewesen wäre.“
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Dass Sawe überhaupt diesen Weg einschlagen konnte, grenzt an Zufall. Aufgewachsen im kleinen Dorf Cheukta bei Eldoret, blieb er lange unentdeckt. Viele Talente verschwinden in Kenia, weil ihnen die Türen zu großen Trainingsgruppen verschlossen bleiben. Auch Sawe trainierte in Iten, ohne dass ihn jemand bemerkte.

Ein Onkel öffnet die Türen
Sein Durchbruch kam erst, als er sich an seinen Onkel Abraham Chepkirwok wandte. Der ehemalige 800-Meter-Star Ugandas brachte ihn ins Gespräch. Chepkirwoks Nachbar, Olympiamedaillengewinner Abel Mutai, arbeitete als Assistent im Camp von Berardelli und überzeugte den erfahrenen Coach: „Weil Abel es war, habe ich Ja gesagt. Zuerst kam Sawe ins Bahnteam, dann wechselte er zu den Marathonläufern – und sein Talent wurde sofort sichtbar.“
Seit über 20 Jahren baut Berardelli in Kapsabet im Hochland Kenias Spitzenläufer auf. Mit Gianni Demadonnas Management im Rücken fand er in Sawe einen Rohdiamanten.
Der internationale Durchbruch als Pacer
2022 war es soweit: Sawe flog als Pacemaker nach Sevilla – und überraschte alle. Statt die Gruppe nur zu ziehen, lief er durch und gewann den Halbmarathon in 59:02 Minuten. Weltjahresbestzeit! Berardelli erinnert sich: „Ich dachte, wir sollten es probieren. Und er war sofort vorne dabei.“
Seitdem gilt Sawe als einer der komplettesten Läufer. „Er ist wie ein Geschenk für mich. Starke Trainingsmoral, mental unglaublich robust und gleichzeitig bescheiden,“ sagt Berardelli. „Ich weiß nicht, was alles möglich ist – aber ich freue mich darauf, es herauszufinden.“
Ein Versprechen für die Zukunft
Auch Sawe selbst zeigte sich trotz der Hitze optimistisch: „Ich wollte sehr schnell laufen und habe mein Bestes gegeben, aber es war zu heiß. Nächstes Mal habe ich hoffentlich besseres Wetter. Die Strecke ist fantastisch.“
Die Chancen stehen also gut, dass er beim Berlin Marathon 2026 erneut antritt. Vielleicht wiederholt er dann, was Patrick Makau damals gelang: erst ein Wetterdrama – und dann der ganz große Wurf.
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