Das große Laufbuch der Trainingspläne

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Veranstalter Wolfgang Konrad bei der Gesprächsreihe zum 30. Jubiläum des Vienna City Marathon

Der VCM Laufschuhexperte war wieder prächtig gefüllt mit interessierten Gästen, die am 31. Jänner zum vierten Abend der Gesprächsreihe „Let’s talk about Marathon“ gekommen waren. Im Mittelpunkt stand diesmal der Blick auf die Gesamtentwicklung der Veranstaltung. Wolfgang Konrad, seit 25 Jahren Kopf des VCM, warf zwei Stunden lang einen Blick zurück auf die wichtigsten, schönsten und schwierigsten Stationen von Österreichs größtem Sportevent.

„Ich habe zu einer Zeit an den Marathon geglaubt, als das Laufen noch alles andere als populär war“, sagte der Olympiateilnehmer von Moskau 1980 im 3000m Hindernislauf. Hier ein paar Passagen aus fast zwei Stunden über organisatorische Herausforderungen, wichtige Innovationen und entscheidende Begebenheiten.

Der Einstieg: Vom Läufer zum Veranstalter
Von Anfang an hat Wolfgang Konrad den Vienna City Marathon bzw. Wiener Frühlingsmarathon, wie er in den ersten Jahren hieß, aus verschiedenen Perspektiven kennen gelernt. Bei der [ersten Auflage am 25. März 1984] war er 30 Kilometer weit als Begleiter für seinen Trainer Hubert Millonig im Rennen. 1988 lief der die volle Distanz und schaffte es nach 2:23:17 Stunden ins Ziel. Bereits davor hatte er in der Marathon-Organisation mitgearbeitet und auch eigene Laufveranstaltungen und Triathlonbewerbe veranstaltet. So erhielt er am Tag des Marathonlaufs 1988 das Angebot, für 1989 die Leitung der Organisation zu übernehmen. Eine neue, attraktive Strecke mit Start vor dem Schloss Schönbrunn traf auf viel Zustimmung. Dazu sorgte ein Streckenrekord von 2:10:28 Stunden durch Alfredo Shahanga für Aufsehen – „das war damals eine richtig gute Zeit!“

Innovationen und Trendsetter
Der VCM hat viele Neuheiten in der Laufszene erstmals umgesetzt, in Bereichen, die heute wie selbstverständlich funktionieren: „Keine Innovation in den letzten Jahrzehnten im österreichischen Laufsport ist ohne das Engagement des Vienna City Marathon entstanden“, so Konrad. Dazu braucht es einen Blick zurück. Zumindest drei Bereiche stellten alle Veranstalter von großen Events früher vor enorme Herausforderungen. Die Zeitnehmung, die Produktion beständiger Startnummern und die Abwicklung der Anmeldungen auf dem Postweg. „Beim ersten Marathon in Wien wurde die Ergebnisliste anhand der Zielfotos erstellt, auf denen auch die Zieluhr zu sehen war. Startnummern waren nicht strapazierfähig genug. Die Anmeldungen haben wir wäschekorbweise von der Post geholt. Wir mussten sie einzeln bearbeiten, Schecks einlösen … - das war ein ungeheurer manueller Aufwand“, schildert Konrad.

In allen drei Bereichen hat der VCM Lösungen auf den Weg gebracht. 1995 war Wien der erste große Marathon weltweit, der die gesamte Zeitnehmung mit dem ChampionChip durchgeführt hat und Nettozeiten stoppen konnte. Für haltbare Startnummern wurde ein Papier gefunden, das auch bei Logbüchern der amerikanischen Armee und für Zylinderkopfdichtungen bei Autos verwendet wurde. Ebenso hat der VCM das erste funktionierende Online-Anmeldesystem bei einem österreichischen Marathon entwickelt, was die Papierflut eingedämmt und die Abläufe vereinfacht hat.

Zum E-Book Trainingspläne für Läufer und Läuferinnen

Der Staffelmarathon im Rahmen des VCM 1995 war ebenfalls eine Österreich-Premiere. Seither ist der größte Staffelmarathon der Welt daraus geworden, und ein solcher Bewerb ist bei kaum einem großen Laufevent im Land mehr wegzudenken.

Erstmals in Österreich ein Marathon live im Fernsehen
Zur zehnten Auflage 1993 fand die erste Live-Übertragung des Marathons im ORF statt. Die jährliche Direktübertragung des Vienna City Marathon hatte enormen Effekt auf die Popularisierung des Laufsports. Was auch heute noch ein Großprojekt mit großem technischem und personellem Aufwand ist, war damals in Österreich völliges Neuland. Konrad: „Ich habe eine Reise nach Berlin organisiert. Dabei haben sich die verantwortlichen Leute des ORF im Gespräch mit den Berliner Fernsehmachern das nötig Know-How für die Live-Sendung geholt.“

Die schwierigsten Momente
Was viele nicht wissen: Der Marathon war im Herbst 1991 bereits abgesagt. Konrad: „Ich habe am 24. Oktober 1991 ein Telegramm vom Veranstalter, dem Kongresszentrum Hofburg, bekommen. Darin stand, dass der Marathon 1992 nicht stattfinden wird.“ Ebenso wurden die Sponsoren und der Leichtathletikverband darüber informiert. Ratlosigkeit und Verunsicherung waren groß. Wolfgang Konrad, der bis dahin als Auftragnehmer des Kongresszentrums den Marathon organisiert hatte, übernahm das unternehmerische Risiko und wurde zum alleinigen Veranstalter.

Eine Ausnahmesituation war für Konrad der erste – und bisher einzige – Todesfall im Rahmen des VCM im Jahr 1994. „Wir waren einfach nicht darauf vorbereitet und wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Die Ärzte stellten mir keine Informationen zur Verfügung. Es war auch persönlich sehr schwierig, mit der Familie zu sprechen.“

Am Beeindruckendsten
Die schönsten Momente beim Marathon kehren für den Veranstalter jedes Jahr wieder: nämlich die letzten 30 Sekunden vor dem Start: „Wenn man auf das riesige Läuferfeld blickt und alle wissen, jetzt geht es gleich los, das ist jedes Jahr überwältigend!“ Unvergesslich bleiben die Begegnungen mit den beiden Weltstars und Laufpersönlichkeiten Haile Gebrselassie und Paula Radcliffe, wie Konrad schildert: „Die Ausstrahlung, die Freundlichkeit und die Energie dieser beiden hat mich tief beeindruckt. Paula hat sich nach ihrem Rennen letztes Jahr entschuldigt, weil sie nicht besser gelaufen ist. Ich habe gesagt: Niemand braucht sich für eine schlechte Leistung entschuldigen. Mit Haile haben wir Tränen gelacht. Er hat Witze und Geschichten erzählt, war unglaublich gelöst und offenherzig.“

Hat der VCM die Gesellschaft verändert?
Das Gesicht des VCM hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Der Laufsport ist populärer denn je. Hat auch der Vienna City Marathon zur gesellschaftlichen Veränderung beigetragen? „Oberflächlich betrachtet ist dies eine gewagte Fragestellung. Doch so abwegig ist sie nicht. Ja, der Vienna City Marathon hat zumindest in Österreich und speziell in Wien die Gesellschaft mitverändert. Seit 30 Jahren erzeugt der VCM in der Bevölkerung Lust auf Bewegung und Sport. Große Events – der VCM und andere – sind eine Triebfeder dafür. Blicken wir zurück: Früher wurden Läufer belächelt. Kinderläufe waren unbekannt. Sport zur Mitarbeitermotivation und Gesundheitsvorsorge war kein Thema. Nur sehr wenige Frauen haben an Bewerben teilgenommen. Der Vergleich mit heute zeigt ein eindeutiges Ergebnis: Die Österreicher sind sportiver geworden. Dazu hat der VCM als größtes Event beigetragen.“

Foto VCM / Niki Wagner; Quelle Vienna City Marathon


Kommentar schreiben


Blogheim.at Logo