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Meine Marathonplanung für den Herbst 2018 sah ganz anders aus. Sowohl für Berlin als auch für Chicago ergatterte ich in der Lotterie nach mehreren Versuchen wider Erwarten einen Startplatz.

Also umdisponieren, zuerst Berlin. Wegen großer Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Okt. findet der Berlin-Marathom 2018 unüblich bald statt, zwei Wochen früher als sonst.

Freitag Nachmittag bin ich mit Evi am Flughafen Tempelhof um meine Startnummer abzuholen. Das geht ohne nennenswerte Wartezeit. Alle Teilnehmer bekommen ein Armband ans Handgelenk „geschweißt“ welches bis nach dem Marathon dort bleiben muss! Ansonsten wird man gar nicht erst in den Startbereich gelassen, egal ob mit oder ohne Startnummer. Die Marathonmesse ist so groß wie es sich für über 42.000 StarterInnen gehört. Auffallend ist, dass in großem Stil Werbung für die anderen fünf Major-Marathons gemacht wird wobei es die sechs Majors in dieser Form erst seit 2013 gibt als Tokio dazugekommen ist. Und dass von der Teilnehmeranzahl her Paris als Europas größter Marathon eigentlich dabei sein müsste. Leider ist der Paris-M gerne am selben Tag wie Linz, so auch 2019.

Checkpoint Charlie, die maßstabsgetreuen illuminierten Umrisse der 1943 zerstörten Bethlehemskirche in der Mauerstraße, das Brandenburger Tor und eine ganze Reihe von Botschaften gehen sich noch aus. Der Tiergarten ist bereits zu einem guten Teil abgesperrt, ebenso die Start- Zielgerade, sodass wir gleich mehr km machen müssen als ursprünglich vorgesehen. Radfahrer und Fußgeher wirbeln auf den Kieswegen im Tiergarten dichten Staub auf, denn die Wege sind knochentrocken.

Der Samstag gehört v.a. dem Sightseeing, Eindrücke auffrischen von früheren Berlin-Besuchen. Teilweise machen wir das mit dem Schiff und mit der U-Bahn. Viel allerdings per pedes, wegen zusätzlicher Absperrungen mit Umwegen. Die Inline-Skater und Rollschuhläufer haben ihren Marathon bereits am Samstag, anschließend laufen die Schüler ihren Zehntel-Marathon. Nachts regnet es sogar ein bisschen.

Sonnenschein Sonntag früh, Evi und gehen zum Start, vorbei an der Siegessäule. Wegen des Sauwetters 2010 habe ich den Berlin-M als sehr stressig in Erinnerung, wohl auch deshalb, weil ich meine PB laufen wollte. Von der Strecke hatte ich damals kaum etwas mitbekommen vor lauter Gedränge, daher will ich mir heute in erster Linie die Stadt ansehen und unterwegs ein paar schöne Fotos schießen.

Als Vorbereitungsmarathon für die Wachau habe ich mir für heute keine besondere Zeit vorgenommen – das entstresst ungemein.

Wir stehen auf der schattigen und somit kühlen Seite als die ersten Handbiker ihr Rennen aufnehmen. Noch vorher wird ein Rekordversuch gestartet: 42 Sprinter laufen den Marathon als Staffel, das nach Möglichkeit unter 2 Stunden.

In der Startaufstellung brauche ich mein „Opferhemd“ nicht mehr, es ist bereits warm genug. Bis alle Marathonis im Rennen sind vergeht beinahe eine Stunde. 188 Läufer feiern heute ihren Geburtstag. So bleibt einem sein Wiegenfest gut in Erinnerung!

Vier Startwellen gibt es. Die Elite legt um 9h13 los. Während wir da hinten aufrücken bekommen wir auf der Videowand TV-Bilder geliefert. Dass der spätere Sieger Eliud Kipchoge schon von Beginn an im Weltrekordtempo hinter seinen Tempomachern herläuft bekommen wir auch mit. 

Schließlich ist Startblock G an der Reihe. Geradeaus, Bogen um die 67m hohe Siegessäule mit der goldenen Viktoria drauf und weiter. Ursprünglich auf drei Säulen erinnerte sie an die Siege Preußens gegen Österreich, Frankreich und Dänemark.

Über den Landwehrkanal und dann rechts in die Marchstraße es wird eng. Aus sechs Spuren sind zwei geworden. Bei km3 geht es über den Landwehrkanal da fällt mir der Franz Schwengler aus Nürnberg auf, Mr. Planet-Marathon.de, endlich treffen wir uns einmal persönlich. Anwohner feuern uns an. Ein leichter Anstieg über die Gotzkowksy-Brücke und bald schon kommt die erste Wasserstelle. Wie lautes Gänsegeschnatter hört es sich an wenn Zigtausende Läuferbeine erfolglos versuchen, abertausende zersplitterte Plastikbecher in den Asphalt zu treten.

Wir laufen nun direkt gegen die Sonne, links von uns die 5-strahlige JVA Berlin-Moabit.

Wenig Wunder, dass hier keine Anwohner an der Strecke stehen. Die Moltkebrücke über die Spree ist eine der wenigen Berliner Brücken, die den 2. Weltkrieg überstanden hat. Da drauf steht Evi, mit ihr eine Gruppe von 8 Trommlern. Links ist der neue Hauptbahnhof zu sehen, vor uns der Reichstag. Der Zuseherandrang hier ist enorm, die Stimmung ist herrlich. Links, km7, Anstieg über die Kronprinzenbrücke, rechts hat man einen wunderbaren Blick auf das Reichstagsgelände während wir direkt auf den Friedrichstadtpalast zulaufen. Seine Geschichte geht bis ins 19. Jhdt zurück. Er war fixer Bestandteil der DDR-Kulturgeschichte, seit 1984 ist hier ein Revue-Theater.

Den Fernsehturm sieht man immer wieder einmal, bei km11 sind wir ganz nahe. Kurz vorm Alexanderplatz geht es links auf der Karl-Marx-Allee (die hieß von 1949 - 1961 Stalinallee) direkt auf die markanten Häuser im Zuckerbäckerstil zu die den großen Kreisverkehr am Strausberger Platz (km12) flankieren. Das waren in den 1950ern die ersten Häuser mit fließendem Wasser und Toiletten in den Wohnungen und nicht mehr am Gang.

Cheerleader tanzen für uns. Nach 270° rund um den Springbrunnen biegen wir in die Lichtenberger Str. ein, die uns bald wieder über die Spree führt. Bei km15 informiert uns ein Streckensprecher über den soeben gelaufenen Fabel-Weltrekord: 2h01:xx, die Sekunden verstehe ich nicht.

Meine Beine machen sich bemerkbar. Das kommt vom vielen Sightseeing am Vortag. Etwas langsam geht es dann gleich besser.

Eine Soul-Sängerin macht ihre Sache recht gut, die Strecke wird beliebig. Immer aber ist sie breit genug, es funktioniert auch die Versorgung mit Wasser und Tee und einem Energiedrink aus Rauna (dt.: Roten Rüben) tadellos.

An den Lärm der vielen zertretenen Becher gewöhne ich mich nach und nach.

Bei km20 überhole ich eine Gruppe aus Römern und Galliern, um 12h habe ich die Halbmarathondistanz hinter mir. Schöneberg, John. F. Kennedy-Platz, über die A 100 und unter der S-Bahn durch, Innsbrucker Platz, leichter Anstieg.

Jemand hält ein Pappschild in die Höhe: „Ihr seid Weltrekord: 2h01:39!“ Dieser Eliud Kipchoge hat den bisherigen Weltrekord geradezu pulverisiert. Das war der 11. Marathon-Weltrekord der in Berlin gelaufen worden ist. Dabei gibt es flachere Strecken.

Mittlerweile ist es halbwegs warm geworden. Von Balkonen herunter werden wir angefeuert, die machen das jedes Jahr! Bei km25 kann man sich am Mittelstreifen sogar massieren lassen. Noch sind nicht alle Liegeplätze besetzt.

Leichtes Gefälle ab km27, gleich läuft es sich spürbar leichter. Es geht nun wieder Richtung Innenstadt. Ich überlege schon, ob ich in 4h44 einlaufen soll, so eine Zeit habe ich noch nicht. Jedenfalls muss ich einen bemitleidenswerten Eindruck machen, denn plötzlich bietet mir eine Zuseherin eine Flasche Coca-Cola an und warnt mich zugleich: „Die Kohlensäure ist noch nicht rausgeschüttelt!“ Die Flasche kommt mir wie gerufen – ich mixe das Cola mit dem Wasser in meiner Flasche, da kann ich es schneller trinken. Bald fühle ich mich kräftiger und ich werde auch schneller. So laufe ich Karl-Alfred Erber auf, wie immer ist er mit seiner Fahne vom Fußballklub St. Pölten im Rennen. War der Verein im Vorjahr Letzter ist er nun mit dem neuen Trainer Tabellendritter, das macht gute Laune. In der Wachau sehen wir uns wieder!

Olivaer Platz, rechts in den Kurfürstendamm, ab hier ist mir die Strecke von früheren Besuchen geläufig. Ein leichter Anstieg zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche rauf. Vorbei an den Nobelmarken der Welt, am Spielmannszug aus Pankow, an einem 2,5m hohem Godzilla in orange in welchem eine junge Asiatin steckt.

Eine sportliche junge Dame mit Trillerpfeife im Mund hält ein Schild in die Höhe:

„Nicht aufgeben! Leide jetzt und lebe den Rest deines Lebens als Champion!“

Am KaDeWe vorbei geht es auf den Wittenbergplatz und weiter.

Nach km36 erwartet mich Evi am Nollendorfplatz und hat doch tatsächlich Coca Cola für mich, wunderbar. Ich kann meine Flasche auffüllen, ich werde es gut versorgt bis ins Ziel schaffen. Viele sind es nun die uns in der Potsdamer Straße anfeuern. Vor dem Varieté bzw. der Bar Wintergarten hören wir Saxophon-Musik, natürlich Live!

Wir laufen über den Landwehrkanal und sind bei km38 am Potsdamer Platz. Der war bis 1989 eine große Brache an der BRD/DDR-Grenze. Den Platz habe Anfang der 90er Jahre noch als riesige Baustelle erlebt die man von Containern herunter besichtigen konnte. Ich finde, der Platz ist gelungen! Ab jetzt sind wir also wieder in der ex-DDR bzw. Berlin-Mitte.

Am Zaun vor dem Bundesratsgebäude wird Werbung für die Feierlichkeiten zum großen Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober gemacht und wenig später, weil es sie kaum mehr gibt, wird auf einem Podest eine Telefonzelle präsentiert. Telefonzelle, das war einmal.

Weiter die Leipziger Straße, km39, vorbei an einer ganzen Reihe von etwa 25-stöckigen Wohnhochhäusern. Das Ende ist nah, es geht links in die Jerusalemer Straße, links in die Mohrenstraße. Bei km40 bin ich 4h21 unterwegs, bis 4h44 werde ich nicht warten.

1 min Wartezeit kostet in Berlin gleich einmal 250 Plätze, das ist mir dann doch zu viel.

Rechts in den Gendarmenmarkt. Nach meiner Meinung der schönste Platz Berlins.                                                                                                            Zuerst der Deutsche Dom aus dem frühen 18. Jhdt. mit seiner Kuppel mit Ø 13m.

1943 wurde der Dom durch einen Brand zerstört und von 1983 - 1996 wiederaufgebaut. Darin befindet sich die Parlamentshistorische Ausstellung des Deutschen Bundestages, dann das Konzerthaus Berlin und der Französische Dom, der auf den ersten Blick fast ein Zwilling des Deutschen Doms ist. Gegenüber Jugendstilhäuser in denen man ganz hervorragend zu Abend essen kann, z.B. im Amici.

Dort hat sich ein Kranwagen postiert in dessen Korb über uns zwei Fotografen knipsen was das Zeug hält, ich knipse zurück.

Links, bereits km41 in der Französischen Straße, vor der Komischen Oper in der Glinkastraße drischt eine Formation in grünen Hemden auf ihre Taiko, dicke japanische Trommeln, ein. Jetzt haben wir es bald geschafft, links „Unter den Linden“, die Gerade zum Brandenburger Tor, zuvor aber noch zwei blaue Erdinger alkoholfrei-Bögen und ein Streckensprecher. Vorbei am noblen Hotel Adlon Kempinski (1907 eröffnet, 1945 zerstört, 1997 neu erbaut) aufs Brandenburger Tor zu, ich habe keine Eile. Ich schieße ein paar Fotos und genieße die Location. Beim London-Marathon auf der Tower Bridge erging es mir ähnlich, da ist aber erst km20.

Ich laufe durchs Tor, was jahrzehntelang nicht möglich war. Zu Kaiserzeiten verließ man hier Berlin und betrat man Brandenburg. Darum ist auch der Reichstag außerhalb der ehemaligen Stadtgrenze, das wollte der Kaiser Wilhelm II so. 

Es ist schon ein toller Schlussabschnitt. Wobei die letzten 200m eines Marathons genau genommen eh immer lässig sind. Links jubelnde Zuseher auf den Tribünen, rechts unzählige Zuseher an den Absperrungen die winken, knipsen und filmen. 

Ein Costa Ricaner hat auf seinem Shirt ein Bibelzitat stehen: they shall run and not be weary

Wir haben es geschafft! Wir sind im Ziel, die Sonne scheint und wir sind Weltrekord!

2010 war ich 27min schneller, heute habe ich aber 100 Fotos von der Strecke ins Ziel gebracht. Tausende sind schon da, tausende werden noch kommen.

Hinter der Ziellinie steht medizinisches Personal welches die Neuankömmlinge mit prüfendem Blick ansieht ob sie noch alle richtig ticken.

Es gibt viele Helfer die den strahlenden Finishern die Medaille umhängen. Das geht ohne jede Wartezeit. Der neue Weltrekordler ist auch gleich auf der Erinnerungs-Medaille abgebildet, ist da aber nicht leicht zu erkennen. Viele Läuferinnen und Läufer haben sich heute einen Traum erfüllt auf den sie lange hingearbeitet haben.

Ich habe nun auch keinen Koffer mehr in Berlin, ich habe hier alles erledigt.

Berlin ist für mich nun nicht mehr gleichbedeutend mit Stress. Berlin ist allemal eine Reise wert, ich brauche jetzt aber keinen Marathon mehr um hierher zu fahren.

Die Zielversorgung mit Beutel voller Lebensmittel und Erdinger alkoholfrei ist auch bestens durchorganisiert, nirgendwo Staus. Der Aufwand der hier betrieben wird ist schon enorm.

Die vielen notwendigen Absperrungen machen den Rückweg zum Hotel extra lang, ich habe aber keine Hektik. Bis zum Abendessen mit Christine und Lothar im Klipper-Restaurant (S9-Bahn Station Plänterwald) bei sommerlichen Temperaturen auf der Spree haben Evi und ich ja noch etwas Zeit.

Während der Eliud Kipchoge einsam und sehr locker ins Ziel lief war das Siegerpodest der Damen innerhalb von nur 44 Sekunden vergeben.

Leistungen beim Berlin-Marathon

EURO 108,- Startgeld  (2019 dann 125,-)

Startnummer, Champion-Chip Zeitnehmung

Alle 2,5km Wasser, alle ca. 5km Elektrolyte; Bananen;     Massagen ab km25!

Tempoläufer, Streckenfaltplan, Öffi-Freifahrt am Renntag mit Startnummer

Kleiderbeutelabgabe und Duschen; Urkunde ausgedruckt und zum Downloaden

Ziellabe: Erdinger alkoholfrei, Beutel mit div. Lebensmittel, Äpfel, Bananen

Sieger:

Eliud Kipchoge             KEN     2h01:39 

Amos Kipruto               KEN     2h06:23

Wilson Kipsang            KEN     2h06:48

Siegerinnen:

Gladis Chereno             KEN     2h18:11

Ruti Aga                       ETH     2h18:34

Tirunesh Dibaba           ETH     2h18:55

40.773 Marathonfinisher   (12.329 f  +  28.444 m)

Berlin Marathon 82 1537464634

Berlin Marathon 19 1537464634

Berlin Marathon 62 1537464634

Berlin Marathon 46 1537464635

Berlin Marathon 40 1537464635

Berlin Marathon 63 1537464635

Berlin Marathon 10 1537464635

Berlin Marathon 46 1537464636

Berlin Marathon 97 1537464636

Berlin Marathon 65 1537464636

Berlin Marathon 35 1537464636


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