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Wider Erwarten stehe ich nun zwischen Kolosseum und Piazza Venezia und warte auf den Start. Die Nacht war kurz – Zeitumstellung! Es zieht ungemütlich. Wie ein Anfänger habe ich längst meinen Kleiderbeutel abgegeben und keinen alten Pullover dabei, der mich die 1 Stunde bis zum Start etwas wärmen würde.

Es ist Ende März, normal habe ich um diese Zeit über 600 Lauf-Km in den Beinen, heuer sind es keine 200! Noch am Montag habe ich das Hotelzimmer storniert, weil ich krank war. Am Donnerstag suchte ich mir ein neues Hotel. Gut, dass man in Rom lange brauchen darf, sonst wäre ich gar nicht erst hier. Es gab in den letzten zwei Jahren dermaßen viele Absagen, dass ich diese Rom-Reise durchziehen wollte. Dafür habe ich bei der Startnummernabholung am Freitag die Finishermedaille vom 2020-Rom-Marathon bekommen, welcher nie stattgefunden hat. Schön ist sie. Das Motiv zeigt die Innenansicht der Kuppel des Pantheons.

Mit mir am Start weitere 8.500 Läufer, darunter an die gut und gerne 100 Schrittmacher.

Rom Marathon 59 1650061229

Über den langsamsten davon schweben 6h30-Ballons! Ich war in den letzten beiden Tagen vollauf mit Sightseeing beschäftigt, eine schlechtere Vorbereitung kann man sich gar nicht vorstellen. Das zu meiner Untrainiertheit dazu. Das Einzige was heute für mich spricht ist meine umfangreiche Erfahrung mit Marathons. Auf einem Rücken lese ich:

ARRIVO…. CON CALMA, MA ARRIVO!!! Das soll mein Motto für heute sein.

In der Startaufstellung selber ist es nicht mehr ganz so kühl, man steht relativ eng. Es herrscht Maskenpflicht, zumindest eine OP-Maske soll es sein. Etwa 95% der Leute scheren sich nicht darum.

Rom Marathon 75 1650061231

Die Musik die gespielt wird ist sensationell und könnte nicht passender sein. Hier auf der Via dei Fori Imperiali, das Kolosseum im Rücken und nur 2km vom Circus Maximus entfernt, wird man akustisch an den Start vom Wagenrennen in „Ben Hur“ versetzt. Da kriegt man fast eine Gänsehaut.

Enttäuschend die an sich schmissige italienische Hymne. Die wird in Italien vor dem Start oft lauthals mitgesungen, besonders beeindruckend habe ich da Reggio Emilia in Erinnerung. Hier in Rom gar nicht. Vielleicht, weil hier relativ viele Nicht-Italiener am Start sind?

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Ich stehe im Startblock B, in den ich gar nicht hingehöre. Bei der Anmeldung 2019 wurde man nach der Bestzeit in den letzten 3 Jahren gefragt, das war bei mir 4h02.

Es war einmal.

Rom Marathon 64 1650061231

Bald ist mein Startblock an der Reihe. Das weiteste in einem Rutsch heuer waren bescheidene 26km, ich werde das Rennen hintergründig anlegen. Gleich geht es in einem weiten Linksbogen um das Reiterstandbild von Viktor Emanuel II.

500m, die Masken dürfen entsorgt werden – wer denn noch eine hat. Links auf den Treppen spielt eine etwa 60köpfige Polizeimusikkapelle auf, sehr zur Freude der Zuseher.

Armband Love Running

Es geht hinunter zur Piazza della Bocca della Verità, 1km. Den Mund der Wahrheit sieht man zwar von hier aus nicht, ich habe mich aber gestern überzeugt, er ist da.

Rom Marathon 3 1650061231

Anstieg zum Circo Massimo. Ich denke nun, ich werde heute halbwegs über die Distanz kommen. Ich bin noch sehr mit meinem Befinden beschäftigt, als wir am Grabmal des Caius Cestius, in Form einer 36,4m hohen Pyramide, vorbeilaufen. Sie stammt aus dem Jahr 12 v. Chr. Da hat man sich wohl ein bisschen was von den Ägyptern abgeschaut. Die weiße, frisch renovierte Pyramide steht gleich neben dem ehemaligen Stadttor Porta S. Paolo. Sie war damals knapp außerhalb der Stadt.

Ab km3 ein lang gezogener Anstieg, dann rechts unten ein Rangierbahnhof.  Eine kleine Tankstelle - ich sehe, dass das Benzin in etwa dasselbe kostet wie bei uns, dabei war es bis vor kurzem in Italien immer wesentlich teurer als in Österreich. Jetzt nicht. Auf der Christoph-Kolumbus-Straße überqueren wir ein Bündel an Eisenbahnschienen, dann geht es hinunter.

Ich werde natürlich ständig überholt. Nichts anderes war zu erwarten. Die Versorgung ist herausragend und kommt in kurzen Abständen. Plastikflaschen in rauen Mengen. Das allermeiste der Getränke wird leider verschüttet, bzw. weggeworfen. Ich aber fülle meine Getränkeflasche immer wieder auf. All das, was ich nehme, konsumiere ich auch. Die Blutorangen schmecken ganz fantastisch, eine wahre Freude.

Rom Marathon 56 1650061232

Wir laufen über die markante weiße Ponte Settimia Spizzichino, die ist mir schon von der U-Bahn aus aufgefallen.

Km10 nach 67min – so langsam war ich noch nie, klar. Aber es läuft.

Die Temperatur passt mir gut, noch ist es bewölkt. Immer wieder Musikkapellen und Cheerleader. Bei km13 erfolgt der erste Staffelwechsel, ganz in der Nähe vom Bocca della Verità. Der Legende nach verliert jeder seine Hand, der sie ihr in den Mund legt und dabei nicht die Wahrheit sagt. Nun, das ist eher unwahrscheinlich. Ich habe in Rom niemanden gesehen, dem eine Hand gefehlt hätte. Vermutlich war diese Scheibe die ein Gesicht zeigt, dereinst ein Kanaldeckel.

Anstieg ans Tiberufer, vorbei an einer Synagoge, weiter auf der Ponte Vittorio Emanuele II

Rom Marathon 17 1650061232

über den Tiber, rechts ist nun die berühmte Engelsburg zu sehen. Sie war einst als Grabmal für Kaiser Hadrian (117–138 n. Chr.) gedacht.

Die Sonne ist rausgekommen, jetzt kann ich endlich schöne Fotos machen.

Links, km16, direkt vor mir nun der Petersdom – sehr lässig! Wir laufen vor bis zum Petersplatz, zicken ihn an und laufen an der Fontana delle Tiare vorbei, unmittelbar an der Grenze zur Città della Vaticano. Die linke Straßenseite der Via di Porta Angelica bildet die Staatsgrenze.

Km17, extatische Sambatrommler. Abertausende bunte Schwämme bedecken erneut den Boden. Es folgt die mit Palmen bestandene Piazza Cavour, sieht gut aus. Dann geht es erneut über den Tiber. Ich bekomme Kreuzschmerzen. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Ist aber leider so. Mir fehlt nicht nur das Lauftraining, nein, auch Gymnastik und Krafttraining musste ich vernachlässigen.

Rom Marathon 85 1650061232

Den Halbmarathon schaffe ich nach 2½ Stunden, da tut mir allerdings schon alles weh. Mühsam ist es geworden. Okay, dann also nach 5½ Stunden im Ziel, rechne ich hoch. 2½ Std bei Halbdistanz, das kenne ich eher von Bergmarathons.

Die Wolken meinen es gut mit uns und dämpfen das Sonnenlicht. So wird es nicht allzu warm, denn die Bäume haben noch ganz kleine Blätter und tragen daher kaum zur Schattenbildung bei. Dass ich ständig überholt werde, hat längst aufgehört, mittlerweile bewege ich mich unter Läuferinnen und Läufern in meiner derzeitigen Leistungsklasse. Ich schwimme quasi mit im Strom.

Wir kommen am Olympiagelände vorbei und überqueren auf der unspektakulären Ponte Duca d’Aosta erneut den Tiber, links weiter nach Norden dem Fluss entlang. Zwischen uns und dem Fluss immer wieder Tennisplätze und Schwimmbäder, treffend heißt die Straße Via die Campi Sportivi. Wir fangen an, den spärlichen Schatten zu suchen. Hinter einem Zaun eine Moschee, die dürfte neu sein. Es folgt der markante Anstieg bei km30. Der junge Thomas aus Augsburg ruht sich auf einem Mauervorsprung aus. Ich nehme in ein Stück des Weges mit, wir plaudern etwas. Dann geht es bergab, es riecht nach Pferd und dann höre ich auch schon eines davon wiehern.

Rom Marathon 10 1650061232

Bergab läuft es sich gut, da habe ich gar keine Kreuzschmerzen!

Den nördlichsten Punkt haben wir nun hinter uns. Ein Läufer fordert mit seinem Shirt das Ende der russischen Invasion „STOP PUTIN – STOP WAR“.

Eine spanische Läuferin steuert einen der Streckenposten an und nimmt sich verletzungsbedingt aus dem Rennen. Sie fragt nach einem Transport zum Ziel.

Nach km 31 wird es international: Via Argentina, Via Venezuela, Via India, Via Austria...

Kaum mehr Läufer nun beim letzten Staffelwechsel, was mich gar nicht überrascht.

Rom Marathon 11 1650061233

Wir folgen eine Weile Schatten suchend dem Tiber. 100% Schatten dann in der Sottopasso di Ripetta. In diesem Tunnel parkt ein Rettungsauto, man kümmert sich um zwei an der Tunnelwand lehnende Mädchen. Sie genießen die Kühle.

Als ich aus dem Tunnel rauskomme, steht da eine rothaarige junge Dame mit einem Schild: „1 Parkrun to go“, also noch 5km.

Jetzt tut sich städtebaulich auch wieder etwas. Im Nu sind wir in der Via del Corso, einer Einkaufsstraße, die Fahrbahn gehört uns Läufern, die Fußgänger drängen sich auf den Gehsteigen. Es geht direkt auf den Obelisken auf der Piazza del Popolo zu. Diesen Obelisken umrunden wir fast zur Gänze. Bevor der Kreis sich schließen würde, geht es in die Via Bobuino, km38, die zum Spanischen Platz führt.

Rom Marathon 51 1650061233

Der Mantel bei Chanel um € 7.660,- die Handtasche um € 5.300,-. Wie diese Preise wohl zustande kommen? Bei dieser Preisfindung wäre ich gerne dabei.

Spanische Treppe – endlich einmal Touristen die uns auch anfeuern. Rechts runter und wieder ein Stück auf der Via del Corso. Km 40 und letzte Labestelle, hier wird schon eifrig aufgeräumt, für uns Läufer wird aber noch gesorgt. Voll mit Urlaubern ist die Piazza Navona, an deren oberen Ende bereits km 41 liegt. Der schöne Brunnen dient vielen als Fotohintergrund. Im Museo di Roma ist heute der letzte Tag einer Klimt-Ausstellung.

Rom Marathon 43 1650061234

In der Via del Plebiscito, 500m vor dem Ziel, sitzen in einem Gastgarten 4 Burschen und ein Mädchen, mit Medaille um den Hals und Bier in der Hand. Sie applaudieren – ich bleibe stehen und knipse sie – sie jubeln mir zu. Sehr schön.

Und dann bin ich auch schon da, Piazza Venezia, km 42, und Zieleinlauf mit Blick auf das Kolosseum am Horizont. Endlich, Rom-Marathon absolviert, ich bin erleichtert! Dieser Marathon hat mich mehr als 2 Jahre lang beschäftigt. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt.

Rom Marathon 30 1650061234

Auch die Zielversorgung ist gut, das Wetter ist geeignet sich niederzulassen und sich in aller Ruhe zu stärken. Bei LKW 2 bekomme ich meinen Kleiderbeutel und ziehe mir trockene Sachen an. Für den Spazierweg ins Hotel nehme ich mir alle Zeit der Welt.

Abends treffe ich mich mit Reinfried Englmair und Claudia, mit Wolfgang und Désirée. Da sperrt die U-Bahn-Station Colosseo gerade auf, die war wegen des Marathons heute nämlich gesperrt.

Rom Marathon 99 1650061235

Reini hatte im Vorfeld u. a. im Flavio al Velavevodetto am/im Monte di Testaccio einen Tisch reserviert, unweit der o. e. Pyramide. Ein interessantes Lokal mit Aussicht auf Unmengen zerborstener Amphoren, woraus der Hügel v. a. besteht.

Seine Wahl am Vorabend, das La Carbonara in der Via Panisperna, war noch besser.

Rom Marathon 61 1650061236

Sieger:            Tefera Fikre BEKELE        (ETH)           2h06:48          

Siegerin:         Adugna Sechale DALASA (ETH)          2h26:09

8.395 Marathon-Finisher  

Startgeld: € 74,95 + € 15,- + € 2,81

Sehr schöne Medaille,

Rom Marathon 86 1650061235

ein zu kleines Finishershirt – wie immer in Italien

Erstklassige Versorgung, leider sehr viel Müll

Weitere Fotos vom Rom Marathon


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