Das große Laufbuch der Trainingspläne

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Montenegro = Schwarzenberg = Crna Gora = Црна Гора = Mali i Zi, ist in etwa so groß wie Oberösterreich bei halb so vielen Einwohnern, nicht bei der EU, hat aber den € als Währung. Ist ja interessant. Da fallen schon einmal die horrend hohen Wechselgebühren der Kreditkartenfirma weg.

Vom Flugzeug aus sehe ich stark zerklüftete Berge mit Schluchten und kurvige Bergstraßen, die 1,3km tiefe Tara-Schlucht erinnert mich an den Grand Canyon.  Die Hauptstadt Podgorica selber ist es flach. „Am Fuße der Berge“ heißt das, ein sehr treffender Name. „Nicht weit vom Meer“ oder „An der Grenze zu Albanien“ würden auch passen.

27°C hat es Samstag zu Mittag als die Fokker 100 der Carpatair nach 75min-Flug ab Schwechat landet. Mangels Öffi habe ich mir ein Taxi bestellt, damit fahre ich am Weg ins Zentrum schon einmal einen Teil der Marathonstrecke ab. Flach, kaum wo ein Baum, das war zu erwarten. Wegen der Schönheit der Strecke bin ich nicht hier.

Den Horizont bilden Berge.

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Mein Hotel ist nur ein paar Schritte von Start und Ziel entfernt. Die Rezeptionistin spricht tadelloses englisch und ist sehr hübsch. Auf einem Zettelchen bekomme ich von Vera alle möglichen Infos ausgehändigt. Code für die Tür, Wifi… u.a. ihre private Tel.-Nr. und die ihrer Kollegin, falls was sein sollte. Die zwei Nächte zahle ich gleich bei Ankunft, das macht € 60,-. Das DZ ist tadellos, modern und sauber.

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Am Platz der Republik ist schon viel für die morgigen Rennen vorbereitet worden, unter den vielen Fahnen ist ganz zuvorderst die von Österreich, schließlich haben wir heute Nationalfeiertag! Ich erkunde die Innenstadt indem ich von Schatten zu Schatten gehe,

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die Millenium Bridge liegt in der Sonne, ebenso die Auferstehungskathedrale. Innen findet gerade eine serbisch-orthodoxe Hochzeit statt. 36% der Bevölkerung gelten als Serben, 60% sind Montenegriner, der Rest alles mögliche.

Davon, dass 400 Jahre lang die Türken da waren, bemerkt man nicht viel.

In einer halbwegs baufälligen Schule, oder wird sie gerade renoviert?, erhalte ich um 10 € (zehn) Startgeld die Startnummer mit RFID und dazu ein BW-Shirt. Auch das Diplom, da muss ich nur mehr meinen Namen einsetzen. Schon der 26. Podgorica-Marathon wird morgen stattfinden.

Eine Stunde vor dem Start sehe ich mir das Startgelände an und schieße ein paar Fotos. Beim Marathon werde ich die Kamera nicht dabei haben, zu öde ist die Strecke. Schade um den Aufwand. Einige dunkle Teilnehmer in Trainingsanzügen schlendern umher, genießen den Springbrunnen. Die Erinnerungsmedaillen werden von jungen Leuten fein säuberlich sortiert aufgelegt, Bananen in Stücke geschnitten, Becher mit Wasser befüllt. Das Zelt für die Doping-Kontrollen steht schon.

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Kurz vor der Startaufstellung treffe ich auf Ewald Eder, heute ist sein Geburtstag und darum ist er da. Er und sein Spezl aus Peilstein verbringen hier einen Kurzurlaub, gestern waren sie mit dem Mietauto im Hinterland. Der Hesse Herbert Adams ist auch da, wie immer ist er gut gelaunt. Zuletzt haben wir uns in Jerusalem getroffen. Er ist auf Billigflieger spezialisiert. Ab Memmingen hat der Glückliche da viele Möglichkeiten, u. a. eben Podgorica.

Gleichzeitig mit uns Marathonis starten Leute über 5km + 10km. Nicht jedoch die Halbmarathonis, die nehmen ihr Rennen in Danilovgrad in Angriff und laufen von dort nach Podgorica.

Es ist schon recht warm als wir kurz nach 9 Uhr loslegen, für 11 Uhr werden uns 26°C prophezeit. Teilnehmerrekord mit 1.150 Teilnehmern in allen Bewerben, 240 davon beim Marathon. Seit Tallinn am 8. Sept. 2019 ist das mein 7. Marathon, vorige Woche der Wolfgangsee, bis gestern hatte ich Muskelkater vom Falkenstein. Bin gespannt, wie sich das Pensum der letzten Wochen heute auswirken wird.

Erst einmal ist es eher eng, nach 1km geht es über die weiße Milleniumsbrücke mit einem zentralen Pylon von dem strahlenförmig die Stahlseile weggehen, alles in weiß. Guter Kontrast zum blauen Himmel. Tief unter uns der Fluss Morača.

Die Strecke steigt leicht an, nach einem Kreisverkehr haben wir links von uns die Aufer-stehungskathedrale. Drinnen ist gerade Messe, die Tore sind offen, heraußen stehen auch Gläubige. Ich bleibe stehen und höre mir eine Weile den Gesang an. -  Ehrlich, die machen das echt gut.

Nun leichtes Gefälle, vorbei am Brunnen vor dem Capital Plaza, darin das Hard Rock Café. Mittlerweile sind wir Marathonis unter uns, die 5er und 10er sind links abgebogen. Für uns geht es geradeaus weiter, eine leichte Senke, es geht über die Krivi-Brücke.

Die Häuser links geben etwas Schatten, den nutze ich.

Die mehrstöckigen Wohnhäuser nehmen zu. Linksknick und beinahe hätte ich es übersehen: Km5, auf einem Plastiktisch stehen ein paar Becher Wasser. Zwei Mädchen sind für diese Labestelle zuständig. 29min bis hierher.

Ich laufe im Grunde jetzt schon alleine, eine Schweizerin schließt auf zu mir, schwer atmend. Am Start noch hatte sie bezweifelt ob sie heute den Marathon hier schaffen würde. Das bezweifle ich jetzt auch. Erstmals gibt es nun ein paar Anfeuerungen vom Streckenrand.

Rechts weg, Kreisverkehr und geradeaus weiter. Ortsende Podgorica. Die Straße ist vierspurig, da und dort ein paar vereinzelte Läufer, bei Einmündungen steht ein Polizist oder eine Polizistin. Wolkenloser Himmel, es ist absolut eben. 5km schnurgerade dahin, ab und zu ein neuer Gewerbebetrieb, dazwischen Brachen, alle 2km ein großer Kreisverkehr.

Wir Läufer haben die zwei Fahrspuren nach Süden für uns, der Gegenverkehr darf fahren, es fährt da aber kaum wer. Im Grunde ist das die Straße von und zum wenig frequentierten Flughafen oder auch bis zum Badeort Sutomore an der Adria. 

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Labe bei km7,5, ein Mädchen notiert auf einem Clipboard unsere Startnummern, es gibt Wasser in Bechern, Zitronenspeigerl und Würfelzucker, die nassen Schwämme ergeben bei dem Wetter richtig Sinn. Schnurgerade weiter. Beim nächsten Kreisverkehr steht mir ein telefonierender Polizist mit dickem Bauch im Weg. Er steht genau auf der Ideallinie. Logistikcenter, Brache, eine Tankstelle, Brache, ein Honda- und Kawasaki-Händler, dann wieder eine Brache die aussieht wie die Steppe. Ein Engländer rennt an mir vorbei und klopft mir auf die Schulter. Ein Wegweiser nach rechts weist auf ein Kloster hin.

Dann rechts ein Friedhof, ein Linksbogen und in Folge ein paar Häuser. Hier stehen und sitzen einige Männer neben ihren Autos und sehen uns zu. Da und dort sagt einer „Bravo“ oder „Dobre“, einige applaudieren. Die Schweizerin habe ich vorhin bei Labe km10 verloren, dafür hat mich ein Bursche in orange überholt.

Kreisverkehr und Abzweigung zum Flughafen. „No Drone Zone“ sagt ein Schild.

Es wird wieder gerade, Labe km15 (1h31)erreiche ich von oben, denn da war gerade eine Brücke über die Eisenbahn. Die Hoffnung, dass es einmal etwas anderes geben würde als Wasser, Zitronenspeigerl und Würfelzucker habe ich nicht mehr.

Mein Cola das ich am Start mit hatte, ist aufgebraucht.

Eine Läuferin die die Landessprache spricht, kommt von hinten. Ein Polizist regelt in Golubovci den Verkehr und fast übersehen wir 2, dass wir da links abbiegen müssen.

Mit dem kühlenden Gegenwind ist es nun vorbei, gefühlt steht die Luft. Die Umgebung ändert sich. Es wird kurvig, wir laufen an Bungalows vorbei oder Häusern mit fertig ausgebautem Erdgeschoss und erstem Stock noch im Rohbau. In vielen Gärten sieht man Apfelbäume, Weinreben und Gemüse. Immer wieder auch Kiwis, die sind noch nicht abgeerntet. Mit den Häusern kommen die Kinder, maximal Volksschulalter. Immer wieder werde ich gefragt „Where are you from?“ Einmal löst meine Antwort einen wahren Freudentaumel aus. Ich habe den Eindruck, einer der Buben hat deswegen gerade etwas gewonnen. Überhaupt ist der Marathon international stark besetzt. Aus 36 Nationen kommen laut Startsprecher die Teilnehmer.

Ein kurzes Stück ist die Straße aufgerissen, schon wieder planiert aber noch nicht asphaltiert. Da irgendwo muss die Halbdistanz sein. 2h11, mit sub 4h30 wird das heute nichts für mich. Höchste Zeit für mein erstes PowerGel.

Wir biegen ab nach Norden. Die Labe in Mataguži (22,5km) ist personell stark besetzt. Es sind durchwegs junge Leute im Alter so zwischen 14 und 16 Jahren, die uns schon mit dem Wasserbecher in der Hand entgegenkommen. Wir sind hier nur 5km vom großen Skutarisee entfernt. Der war beim Landeanflug gut zu sehen. Ich überhole den Burschen in orange, wenig später braust eine Rettung mit Blaulicht an uns vorbei.

27,5km, ein Helfer füllt mir ungefragt meine Flasche mit Wasser, sehr aufmerksam. Die Bungalows werden weniger, die Gärten auch. Ab und zu ein kleines Bauernhaus mit Gerätschaften davor und einer Viehweide wo Gestrüpp wächst. Da und dort steht hinter rostigem Stacheldraht eine einzelne schwarze Kuh. Autofahrer mit Familie warten an den einmündenden Straßen, weil sie wegen uns Läufern nicht weiterfahren dürfen. Eine Rettung kommt uns entgegen, die hat keine Eile.

Als der Muezzin ruft ist es 12 Uhr. In Tuzi ist Markt. Albanien, das Land der Skipetaren ist nur 8km Luftlinie entfernt. Eine Parkwächterin sitzt auf ihrem Plastiksessel und feuert mich an, Schuhe werden angeboten. Von der katholischen St.-Anton-Kirche (links) bis zur Moschee (rechts) sind es nur 100m, der Tümpel dazwischen geht fast über vor lauter Plastikmüll. Die Lokale am Straßenrand sind gut besucht.

Ortsende Tuzi, vor mir die nächste Gerade. Mittag, wolkenloser Himmel, ich habe kaum noch etwas in der Flasche als ich die Labe km30 ansteuere. „No more water, sorry!“ Er notiert meine Startnummer. Na super, muss mein Schluckerl in der Flasche jetzt bis ins Ziel reichen oder gibt es ab km32,5 wieder etwas?

Mir geht es nicht so wunderbar, es gibt aber welche, denen geht es viel schlechter.

Platz um Platz mache ich gut. Eine Tankstelle, ein Handwerksbetrieb, sonst ringsum trockene, ebene Landschaft, die Berge rechts markieren die Grenze zu Albanien.

Erleichterung bei km32,5, es gibt wieder Wasser. Ein Mädchen schöpft aus einem Plastikfass Wasser und füllt meine Flasche auf. Ich fühle mich etwas kraftlos und nehme ein Stück Zucker und mein zweites PowerGel. Eine leichte Senke, auf einer Brücke überquere ich den Cijevna-Fluss. Ein paar Buben sitzen im Flussbett. Sie lassen die Beine von einem Felsen baumeln, einige Meter unter ihnen fließt Wasser. Das Flussbett ist für viel mehr Wasser ausgelegt als da jetzt gerade daher rinnt. Leichter Anstieg.

Die nächsten 4km sind wieder schnurgerade. Während unsere Straße weitgehend menschenleer ist müssen die Autofahrer auf die Savanne daneben ausweichen. Da achtet die Polizei darauf. Obwohl die Autos kaum schneller fahren als ich noch laufen kann, wirbeln sie Staub auf. Das dürre Gestrüpp ist bauchhoch, vereinzelt wachsen da ausladende Föhren. Die Autos schleichen durch wie auf Safari, Zebras und Gnus würden gut ins Bild passen. Die ich die gesamte Fahrbahn für mich habe kann ich mir aussuchen, nach welcher Seite mein Geläuf weghängen soll. Das ist viel besser als hätte man nur eine Fahrspur die immer nach derselben Seite schief ist.

Km35 ist eine Schlüsselstelle. Wer hier nach 4Std 30min herkommt, wird aus dem Rennen genommen. So gesehen bin ich 35min zu früh dran. Dann bin ich wieder in Podgorica, ein Kreisverkehr und eine Unterführung wo ich heute schon einmal war.

Rauf zur Labe km37,5. Gut, dass hier gelbe Pfeile auf dem Asphalt aufgemalt sind. Ich bin weit und breit alleine und die Polizisten sind mit dem Verkehr beschäftigt. In der Bracana Bracanovića freue ich mich über Schatten, erst den von Bäumen, dann von den Wohnhäusern, das tut gut. Dazu leichtes Gefälle, gleich läuft es sich viel leichter.

Runter zum Bulevar Crnogorskih Serdara, ab da kenne ich mich aus. Da links ist die Schule wo ich gestern meine Startnummer abgeholt habe.

Vielleicht kriege ich endlich eine 4h44 hin? Ich werde überholt. Der ist minimal schneller als ich und hat 6 Jahre in Deutschland gearbeitet. Auf der Union Brücke laufen wir über den Fluss Morača, ein leichter Anstieg und gleich rechts. Ein Pärchen überholt mich, er Pole, sie Ungarin.

Bei der Labe km40 laufe ich an denen wieder vorbei, aber bald haben sie mich wieder.

Wir passieren das Denkmal des russischen Musikers Wladimir Wyssozki (1938-1980), der war mir bislang kein Begriff. Nun geht es rechts die Millenium Bridge hinunter. Ich gehe davon aus, dass die letzten 2km dieselben sind wie die ersten zwei. Das mit 4h44 wird sich ausgehen, zur Not warte ich ein, zwei Minuten.

Km41, ich höre schon die Siegerehrung, da sehe ich, dass das Pärchen vor mir nicht wie erwartet links in die Zielgerade einbiegt, sondern noch ein Stück geradeaus läuft, bis zu einer Spitzkehre vor dem Hilton Hotel. Autsch – mit diesem Appendix habe ich nicht gerechnet. Die 4h44 wackeln bedenklich!

Ich laufe die ul. Slobode rauf, die roten Zahlen über der Ziellinie kann ich noch nicht entziffern. Dann sehe ich 4h44 - aber ich bin noch nicht da! Zefix, wieder nix!

Ein etwa 20jähriger Zuseher mit Down-Syndrom ist hoch erfreut mich zu sehen und will mich in die Arme schließen. Ich umlaufe ihn rechts und kämpfe mich durch die Zuseher die gerade der Siegerehrung beiwohnen.

4h45:38, exakt die selbe Zeit wie vor vier Jahren in Debrecen, damals hatte ich Probleme mit der Rückenmuskulatur und kam frisch vom Physio.

Soll ich mich ärgern?

Ach was, Länderpunkt Montenegro, ich bin heute wieder um ein paar Erfahrungen reicher geworden. Die Medaille ist super, 8cm Ø mit leuchtend rotem Band. Ich greife mir zwei Becher warmes Cola, die vergammelten Bananen würdige ich keines Blickes.

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Wie gesagt, mein Hotel ist in unmittelbarer Nähe, so bin ich im Nu unter der Dusche.

Als ich saniert wieder zum Zielgelände komme, wird da schon abgebaut. Ein älterer

Teilnehmer der nach 5h32 ankommt findet keine Medaille mehr vor, nicht einmal warmes Cola, sogar die Zeitnehmung ist schon demontiert worden.

Wahrscheinlich gäbe es nicht gar so viele DNF, würde das Ziel 6 Stunden offen bleiben.

Das Pärchen von vorhin ist immer noch da. Der Pole Wojtek Machnik feiert seinen Weltrekord und hat auch gleich das passende Transparent mit dabei, Kinga Tóth hilft ihm beim Halten. 64 Marathons in 64 Ländern in 1 Jahr, unfassbar.

Abends feiern Lois und ich mit Ewald seinen Geburtstag: 63.0, wie er sagt. Es schmeckt uns hervorragend und zu Ewalds Glück sind die Preise sehr konsumentenfreundlich.

Fotos (C) Herbert Orlinger

>> Weitere Fotos

€ 10 Startgeld (inkl. BW-Shirt)

Startnummer mit RFID-Chip Zeitnehmung

Alle 2,5km Wasser + Würfelzucker, bei km30 nichts.  Durchgangskontrolle alle 2,5km

Kleiderbeutelabgabe und Duschen im Stadion;  Blanko-Urkunde VOR dem Start

Ziellabe: Ziellabe? Sehr witzig      Wer nach 4,5 Std nicht bei km35 war, fliegt raus.

 

Sieger:

  1. Hosea Kiplagat Tuei KEN    2:15:50
  2. Nduva Boniface Wambua KEN 2:17:05
  3. Laban Cherutich Eldorat KEN 2:20:55

 

Siegerinnen:

  1. Ruth Chemisto Matebo KEN 2:42:53
  2. Tunde Szabo HUN 2:45:49
  3. Gladys Jepkurui Biwott KEN 2:46:49

148 Marathonfinisher,  88!!! DNF  


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