Anti Corona Run

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Heute, einen Tag nach Eliuds Glanzleistung im Wiener Prater, ist wieder einmal Graz-Marathon.

Im Vorjahr noch habe ich Eliud in Berlin zu seinem Weltrekord gepusht. In Graz muss ich ohne ihn laufen, er hätte sicher auch gekonnt. Man hatte den Eindruck, so richtig an seine Grenze ist er gestern nicht gegangen. Da wäre mehr möglich gewesen.

Was gezielte Vorbereitung doch ausmacht, gepaart mit perfekter Organisation.

Startnummer kriegst du in Graz NICHT am Veranstaltungstag, vielleicht hat das die Teilnahme von Eliud verhindert? Schließlich war er gestern beschäftigt. Ich war auch beschäftigt, habe diesbezüglich aber einen Vorsprung! Dankenswerter Weise hat Aigner Günther meine Startnummer behoben und übergibt sie mir 35min vor dem Start. Da war ich schon mit Susanne Schöberl im Gespräch, die heute, wie in der Wachau, die Pace für unter 4h30 macht.

5 Jahre ist es her, dass ich zuletzt hier gelaufen bin. Damals habe ich den Lemawork Ketema, der da noch Äthiopier war, zum Sieg getrieben. Das wenn Eliud wüsste!

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Vollmond, 2 Grad und Nebel hatte es heute früh am Schoberpass. Wenigstens kaum Verkehr so früh am Sonntag. Kurz vor dem Start in Graz scheint die Sonne, die Cheerleader üben schon seit halb 9 mehrfach ihre Tanzschritte, in der Sonne ist es mittlerweile fast schon zu warm. Ich nehme mir ein Becherchen mit Magnesium von Dr. Böhm. Mit Magnesium bin ich seit längerer Zeit sehr nachlässig, vielleicht hilft es ja.

Die Startaufstellung der Marathonis liegt im Schatten der Oper und das ist gut so.

Ich fühle mich nicht sehr fit, dennoch deutlich besser als noch vor einer Woche. Von meinem 94. Finish sub 4h30 wage ich nicht zu träumen, ich will die Susanne aber möglichst lange auf Distanz halten. Die Strecke ist über weite Strecken neu für mich, zu Beginn geht es erst einmal in den Süden. Relativ winkelig, was mir taugt, an der Messe vorbei und schnurgerade aufs Stadion zu. Die Conrad-von-Hötzendorf-Straße runter ist jetzt im Trubel noch ganz lustig, beim zweiten Mal könnte es hier fad werden. Noch bevor ich zum Stadion komme bin ich halb taub, weil ein Polizist auf Motorrad mittels Folgetonhorn Platz für den schnellsten Halbmarathoni freitutet, der zehn Minuten nach uns gestartet ist.  

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Unangenehm für die meisten der Marathonis und sicher noch viel unangenehmer für die schnellen Läufer auf der Halbdistanz die sich durchs Feld der normalen Leute kämpfen müssen. Leute, die regelmäßig trainieren, um deren Zeit sich kaum wer schert, sicher keine Zeitung und kein TV-Sender, die aber trotzdem Freude an ihrer Leistung haben und stolz darauf sind, wenn ihnen einmal ein guter Lauf ausgekommen ist. So wie ich.

Wende beim Stadion, noch vor der 5km-Labe sausen die schnellsten Damen an uns vorbei. Auf der rechten Spur begegnet mir Susanne mit ihrer 4h30er-Fahne am Rücken.  Geblendet werden wir vom grellen Sonnenlicht das weit vor uns in der Grazbachgasse ein Haus mit verglasten oberen Stockwerken reflektiert. Erst, als wir näher kommen und sich der Winkel ändert, hört die Blendwirkung auf.

Km6, links weg, Schatten und leichtes Gefälle. Ich fühle mich nicht ganz so gut. Ein Blick auf meine sekundenzeigerlose Swatch zeigt mir aber, die Zeit ist in Ordnung für mich.

Wir überqueren die Mur kurz vor km8 und rennen am rechten Murufer flussaufwärts. Da kommen wir bald in Zentrumsnähe und hier stehen die Zuschauer dicht an dicht. Die Sonne haben wir im Rücken, rechts oben der Uhrturm, links das seinerzeit umstrittene Kunsthaus das mir 2003 schon gefallen hat, als Graz Europäische Kulturhauptstadt war und die Finishermedaille eine CD die ich noch nie abgespielt habe.

Dann wird es bedrohlich eng. Ich komme zum Staffelwechsel und da ist fast kein Durchkommen mehr. Tempo raus, mit Ach und Krach gehen sich da zwei Läufer nebeneinander aus. Die B-Läufer stehen Ausschau haltend nach ihrem A-Läufer im Weg herum. Das sind zum Glück nur ein paar Meter. Am Lendkai haben wir dann wieder freie Bahn, wegen einer Unterführung gibt es wieder ein paar Höhenmeter. Viele der Streckenabschnitte kenne ich von früher, oft aber in anderem Zusammenhang und aus der Gegenrichtung.

Für 10km brauche ich gut 58min. Nach 58min hatte Eliud gestern schon den 20. km hinter sich. Dafür hatte er Nebel und 41 Windschattenläufer, ich habe unzählige davon, nur dass die nicht annähernd so konzertiert laufen. Alleine denen gestern beim Laufen zuzusehen, war eine Freude. Klar, das waren allesamt Weltklasseläufer, frisch von der Weltmeisterschaft in Doha. Dass wir hier im Grunde dasselbe machen wie die gestern, ist auf den ersten Blick eher nicht zu erkennen.

Mir fallen zwei Herren im Partnerlook auf, beide in Rot. Während sich der eine mit diesem Tempo spielt ist der andere bereits überfordert. Der sieht gar nicht gut aus.

Links rein in die Neue Bienengasse, links in die Wiener Straße, links in die Keplerstraße die auf die Keplerbrücke führt und über die Mur. Nicht zu übersehen das gelbe Antenne-Radio und nicht zu überhören die Musik und der Streckensprecher, der hier ganz zentral steht und ständig den Mund offen hat. Hier ist sowohl km12 als auch km18,5, jeweils 21km später kommt man da wieder vorbei. Als ich bei km12 bin läuft in Gegenrichtung gerade die zukünftige Halbmarathonsiegerin.

Links, nun geht es direkt nach Norden. Da sehe ich den einen in rotem Trikot. Er speibt und liegt mehr als dass er steht. Sein Antreiber kommt von der nahegelegenen Labe mit einem Becher in der Hand daher gerannt. Ob das noch was wird mit denen?

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Labestelle bei km13, nun gibt es zum flüssigen Peeroton auch Gel. Da kann man schon verkraften, dass das SPAR-Cola sehr stark verdünnt ist.

Wenig später überholen mich zwei Halbmarathonis im Oberbank-Leiberl. Jemand treibt seinen Generaldirektor vor sich her oder er darf ihn nicht überholen. Gerhard Hartmann, ja genau, DER Gerhard Hartmann, ehemals schnellster Marathonläufer Österreichs läuft in deren Windschatten hinterher, eine Startnummer kann da ich keine erkennen.

Die Wende am nördlichsten Punkt kommt eher als vor fünf Jahren, stört mich gar nicht. Autohäuser, Tankstelle, Baumärkte, daher kaum Anwohner, daher kaum Anfeuerungen, kaum Schatten in diesem Abschnitt der Weinzöttlstraße. Mittlerweile suche ich den Schatten auf, wenn der Umweg nicht allzu groß ist. Nun also wieder nach Süden, die Grabenstraße. Bei km18 stehen wir fast am Schlossberg an. Hier, in dessen Schatten fühlt es sich an wie in einem Kühlhaus, das sind einige Grade weniger als noch vor ein paar Schritten. Kurzer Anstieg, rechts weg.

Den Streckensprecher höre ich schon wieder, „nur mehr 2km!“ Also ganz so stimmt das nicht. Ob es 2km oder 2,5km sind, macht für einen Läufer schon einen Unterschied.

Vor allem dann, wenn man eine Zielzeit anpeilt. So wie Eliud gestern und so wie ich heute.

Die Halbmarathonis werden spürbar unruhiger und eifriger. Ein Stück der Mur entlang und dann biegen wir vom Kaiser-Franz-Josef-Kai bei der Talstation der Schlossberg-bahn in die enge Sackstraße ein. Vom Schlossbergplatz führen links die Treppen rauf zum Uhrturm, gegenüber in einer Toreinfahrt singt ein vielstimmiger Damenchor. Km19

Dann sehe ich vor mir das schöne Grazer Rathaus, muss aber gleich rechts abbiegen. Die Stimmung ist gut, viele Zuseher die den Sieger sehen wollen, der ist heute aber nicht sonderlich schnell, sodass ich im Gegensatz zu Košice nicht überrundet werde.

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Nach km20 komme ich von der Rückseite des Rathauses her auf den Hauptplatz und habe den Postkartenblick auf den Uhrturm und die Häuserzeile darunter vor mir.

Gute Streckenführung, gefällt mir. Livemusik, in weitem Rechtsbogen laufen um die Rathausfront in die Herrengasse, die ist leider mit Altstadtpflaster gepflastert und mit Straßenbahnschienen verschient. Einige Pflastersteine sind zerbrochen oder liegen lose da, zum Teil aufgekantet, gar nicht ganz ungefährlich.

Da wo man gut laufen könnte, da stehen die Zuseher – dieselbe Misere wie beim Linz-Marathon auch.

Aber wir werden angefeuert und mit den zielnahen Halbmarathonis bin ich schneller geworden. Als die dann links abbiegen nehme ich den Flow mit und stelle fest, dass es mir mit meinen Oberschenkeln besser geht als noch am Start. Jetzt wird es ruhiger und ich genieße das. Beim 2. Staffelwechsel kommt man locker durch, gar kein Gedränge. Beim Messegelände ist wieder Schatten, nur dann die lange Gerade runter zum ehemaligen Arnold-Schwarzenegger-Stadion, jetzt Merkur Arena, die liegt in der Sonne.

Mir ist gar nicht fad, ich kann es so richtig genießen. Ich bin eine Spur schneller als die Läuferinnen und Läufer in meiner Nähe und das spornt natürlich an. Vor dem Stadion spricht mir ein Polizist seine Anerkennung aus, das freut mich.

Dann begegnet mir Susanne mit ihrem Rudel. „Tu nicht so hetzen!“, rufe ich ihr zu, sie winkt. Wenn Sie mich überholt, habe ich verloren. Wenn nicht, habe ich gewonnen. 4h30 ist für die Susanne ja keine Herausforderung. Die Herausforderung ist es, konstant zu laufen und ich kenne einen Schrittmacher, der kann das gar nicht. Oder er will nicht. 

Ein kurzes Gespräch mit Gerhard Wally als ich ihn bei km26 überhole. Labestelle, ich fülle meine Flasche auf. Bis km27 steigt es leicht an, links weg, Schatten und leichtes Gefälle. Ein Pärchen, das ich heute schon den ganzen Tag über immer wieder sehe, läuft links von mir, als sie sich am Augarten auf einer Mülltonne abstützt weil sie sich übergeben muss. Er steht ratlos daneben. Dann sehe ich die beiden nicht mehr.

Auf der Augartenbrücke sehe ich den Günther vor mir. In Košice hat er mich klar distanziert, heute bin ich schneller. Das Gebäude mit der schönen Glaskuppel links vor uns ist eine Synagoge, eingeweiht am 9. 11. 2000. Sie sieht auch ziemlich neu aus.

Wir laufen den Grieskai hinauf. Gut gelaunte junge Damen feuern gerade den Günther an, als ich an ihm vorbeilaufe. Da höre ich mehrmals meinen Namen. Maria, die mittlere Tochter meines Cousins ist in der Stadt und ganz zufällig sieht sie mich da laufen. Fein, dass sie sich bemerkbar macht. Es ist immerhin schon eine Weile her, dass wir uns zuletzt gesehen haben.

Kunsthaus, km30 und erneuter Staffelwechsel, ohne Halbmarathonis ist Platz genug.

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Wir folgen der Mur noch eine Weile, dann 3x links und wieder über die Keplerbrücke.

Der redselige Streckensprecher versucht die weniger gewordenen Zuseher bei Laune zu halten und geht immer wieder auf einzelne Läufer ein. Der Name auf der Start-nummer erleichtert ihm sie anzusprechen.

Labe 13 = Labe 34, man hat auch unverdünntes Cola und noch ein Gel-Beutelchen für mich. Bei km35 habe ich noch 50min, bevor die 4h30 um sind. Grob 7min/km habe ich also Zeit. Das sollte ich ohne Hektik hinbekommen können und das reicht auch um nicht überholt zu werden. Ganz im Gegenteil. Als ich am nördlichsten Punkt umdrehe bin ich schon gespannt, wann mir denn die Susanne wieder begegnen würde. Es dauert schon ein bisschen und das macht mich zuversichtlich.

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Bei km38 liegt ein Läufer auf der Bank einer Haltestelle, das Rote Kreuz ist schon bei ihm. Im Bereich der Labestelle ist schon ziemlich gut aufgeräumt, die Papier- und Plastikbecher sind schon in den Mülltonnen oder zumindest aufgehäuft. Da versenke ich meine Becher gleich direkt in die Tonne. Ein letztes Mal am Streckensprecher vorbei, an diesem betriebsamsten Punkt der Strecke ist es bereits ruhiger geworden.

Die Anfeuerungen der Mur entlang kommen jetzt ganz persönlich und überraschend häufig. Zum Teil von Läufern die ihre Medaille bereits um den Hals haben. Diese können die Laufleistung viel besser einschätzen als Nicht-Marathonläufer. Das vermute ich, denn Nicht-Marathonläufer bin ich schon lange nicht mehr.

Am Hauptplatz herrscht immer noch Trubel, bald komme ich von der Rückseite.

Noch einmal komme ich an dem Garmin-Foto-Punkt in der Neutorgasse vorbei, da ist minimales Gefälle, es passt alles. Extrem viel Vogeldreck liegt später am Asphalt der Kaiserfeldgasse. Die Bäume hier scheinen bei Tauben sehr begehrt zu sein. Ein Streckenposten zeigt mir den Weg in die Schmiedgasse, km41. So kurz vor dem Ziel liegt da ein junger Bursche am Boden und hat offenkundig Krämpfe. Eine Polizistin hilft ihm beim Dehnen. Hoffentlich kommt er bald wieder auf die Beine.

Ich komme wieder vor das Rathaus, Livemusik und wieder das tolle Fotomotiv mit Uhrturm im Sonnenlicht. Die letzten Meter kann ich richtig genießen. Sollte ich mich wieder einmal fragen: warum tust du dir das an? Darum, für dieses Gefühl das so unbeschreiblich schön ist und das man nicht kaufen kann.

Weiter die gepflasterte Herrengasse hinunter, ich werde ständig gelobt und angefeuert – was will man mehr? Rechts das schöne Landhaus, links die Stadtpfarrkirche zum Hl. Blut mit dem bunten Ziffernblatt. Der Platz Am Eisernen Tor ist gut besucht so wie die Gastgärten rundum auch. Die goldenen Marienfigur auf der Säule blinkt und blitzt im Sonnenlicht und ich biege links ein in den Opernring. Das ist die Zielgerade. Ein leichter Anstieg, einige Zielbögen diverser Sponsoren und mit gerade noch 4h26 bin ich durch.

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Ich habe gewonnen, yesss! Vor 4h30 ins Ziel! Hätte ich mir heute nicht zugetraut, umso größer die Freude.

Schon zum 3. Mal heuer eine 4h26er Zeit. Fein, ich kann zufrieden sein mit meinem letzten Graz-Marathon. Eliud wird es niemals erfahren wie es sich anfühlt in Graz zu finishen.

90sec schneller als vor 5 Jahren. Ich habe damals viele Fotos gemacht unterwegs und die kosten richtig Zeit. Das oftmalige Bremsen und wieder Anlaufen kosten außerdem zusätzlich Kraft. Auch das kennt Eliud gewiss nicht.

Susanne kommt mit ihrem Gefolge vor halb drei ins Ziel. Sie hat ihren Job als 4h30-Schrittmacherin wieder perfekt hinbekommen.

Eine Wasserflasche bekomme ich sofort und ein Medaillchen auch. Bier nicht, das muss man kaufen. Das kann Linz besser.

Dann kriege ich Dr. Böhms Magnesium zu trinken und Peeroton und Weckerl und Obst so viel ich will. Nachdem ich meinen Kleiderbeutel ausgefasst habe lasse ich mich knipsen und wage mich unter die eiskalte, und ich meine eiskalte, Dusche.

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Die Sonne scheint, die Temperatur ist angenehm, auch mit nassen Haaren, denn ich habe noch ein frisches Schlauchtuch dabei. Leute sitzen in der Sonne oder im Café und genießen ihre heutige Leistung oder lassen sich feiern. Helena Barcot kommt gerade ins Ziel. Sie sieht noch gut aus.

Mein altes KTM-Libero steht bei km41, ich radle damit in die Nähe vom Bahnhof, denn dort parkt mein Auto. Fahrrad rein, Klappe zu, ab nach Linz.

Nächste Woche Wolfgangseemarathon.

Die schnellsten Marathondamen:

Victoria Schenk          AUT     02:43:14

Ricarda Gerlach         DEU    02:54:03

Elisabeth Smole         AUT     03:01:30

Die schnellsten Herren:

  1. Mathew Kemboi KEN 02:15:12
  2. Georg Schrank AUT 02:32:07
  3. Stefan Schriebl AUT 02:33:44

549 Marathonfinisher

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Startgeld 71,- EURO   

Cheerleader am Start und im Ziel, Finishermedaille (5cm x 5,8cm)

an den Labestellen: Wasser, Bananen, Spar-Cola, Peeroton, Riegel, Gel,

Ziellabe, Eiskalte Duschen, Kleiderbeutelabgabe, viele Helfer

Finisher-Urkunde zum Herunterladen 

KEINE Startnummernausgabe am Sonntag!


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