Vienna Night Run

Das Organisationsbüro des Vienna City Marathons hat als Deadline für die Anmeldung den 3. April 2023 bis Mitternacht ausgegeben. Doch sich nicht daran gehalten und früher geschlossen – so sind Hunderte wie auch ich etwas zu spät gekommen.

Am dritten Sonntag im April haben Läufer wahrlich die Qual der Wahl, mehr als ein Dutzend Rennen über die 42,195 km finden in Europa statt. Ich entscheide mich alternativ zu Wien für Krakau und die dortige 20. Ausgabe. Der VCM kann auf doppelt so viele Austragungen verweisen, das 40. Jubiläum wird mit viel Trara in den Medien beworben. Ein findiger Pressereporter entdeckt beim Zählen, dass es bisher gar nicht 40 sind, sondern nur 39.

Der Veranstalter zieht einen Vergleich mit der unvollständigen Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert, von der nur zwei vollständige Sätze vorliegen. So habe man 2020 alles getan, um den Marathon wie geplant durchzuführen, aber wegen Corona dann absagen müssen. Auch ohne Austragung habe man das Rennen in die Zählstatistik einbezogen. Soweit der Sachverhalt, jeder kann sich seinen Reim darauf machen.https://vg06.met.vgwort.de/na/600ee9546d104860862250c089d1369b

Anmeldung über Datasport

Krakau Marathon 4 1682374007

Ich melde mich am 3. April noch in der Nacht für den Krakau Marathon über das Portal Datasport, wo ich schon seit Jahren einen Account habe, an. Die Website ist in mehreren Sprachen verfügbar, ich wähle Deutsch. Mit 160 Zloty (1 Euro = 4,6 Zloty) ist die Teilnahme in der letzten Online-Anmeldephase um 50 Euro günstiger als in Wien (129 Euro). Bei Marathons in Polen bekommen Senioren ab 60 vielfach einen Rabatt, beim Solidarnosc Marathon in Danzig im August sind es sogar fünfzig Prozent. Krakau geht eigene Wege, Rabatt gibt es nur mehr für Behinderte, auch das Marathonshirt ist nicht mehr gratis, ist aber um 60 Zloty (weniger als 15 Euro) sehr günstig gegen Voranmeldung zu erwerben.

Krakau Marathon 29 1682374292

Neuerdings orientiere ich mich an den Ergebnislisten der letzten Jahre, um herauszufinden, wie lange die Marathons de facto offen haben. Krakau hat sich in der Ausschreibung (Regulamin) auf 6 Stunden festgelegt, doch auch voriges Jahr hat man einige Nachzügler noch in die Wertung genommen. Diese sportliche Toleranz ist für mich eine Rückversicherung anzuschreiben. Ich bin dabei, mich wieder langsam an eine Finisherzeit sub 6 h heranzutasten. Nur zu gerne wieder ich wieder an frühere Jahre anknüpfen, als ich mit 65 bei Marathons um eine gute Stunde „schneller“ das Ziel erreichte.

Anreise, Unterkunft und Abholung der Startnummer

Krakau Marathon 85 1682374049

Als ich am 4. April beim OEBB-Schalter in Wien-Mitte eine Bahnkarte kaufen will, behauptet die junge Angestellte, dass der ganze Zug am 22. April ausgebucht sei, sie könne laut System kein Ticket mehr verkaufen. Das erstaunt mich, haben sich vielleicht einige Hunderte Ukrainer entschieden, übers Wochenende Wien den Rücken zu kehren und in Polen ihre Verwandten zu besuchen? Ist der Zustrom zum Marathon in Krakau so groß, dass vielleicht sogar Italiener in Scharen kommen? Ich sehe am Namenschild, dass über die Mittagszeit ein Trainee eingesetzt ist und meine Skepsis wird bestätigt: Zwei Stunden später buche ich über oebb.at von zu Hause aus mein Ticket mit dem Seniorenrabatt um 61 Euro je Strecke inkl. Sitzreservierung.

Die Preissteigerungen haben auch vor Polen nicht halt gemacht: auf booking.com gibt es im Zentrum von Krakau keine gehobene Unterkunft unter 100 Euro mehr. Ich entscheide mich für das 4-Sterne Sky-Hotel, 100 m vom Hauptbahnhof Krakow Glowny und am Beginn der Altstadt (Stare Miasto) gelegen. Für 2 Nächte inklusive Frühstück belaste ich meine Kreditkarte mit 1234 Zloty, ca. 240 Euro.

Am 22.April fährt der Zug pünktlich um 8.10 Uhr in Wien ab, die drei Wagons nach Krakau sind schon in Wien tatsächlich voll besetzt, daher ist anzunehmen, dass im freien Online-Verkauf nur einige wenige Restplätze übrig waren. Die in Ausbildung befindliche junge Dame hat vielleicht das Buchungssystem nicht ausgereizt.

Krakau Marathon 95 1682374049

Der polnische Zug bleibt immer wieder länger stehen, im tschechischen Grenzort Breclav sogar 40 Minuten. In Bohumin werden die vorderen Wagons abgehängt, für die Fahrgäste geht es verspätet nach Prag weiter. Nicht um 13.49 Uhr erreichen wir Krakau, sondern 1 ½ Stunden später. Nach dem Aussteigen aus dem Zug entscheide ich mich für die falsche Richtung im Untergeschoss des Bahnhofs, das Navi am Handy dirigiert mich dann zum sehr nahen Hotel zurück.

An der Rezeption bekomme ich einen Gratisstadtplan, der allerdings nur die Altstadt abdeckt. Krakau ist mit ca. 780.000 Einwohnern nach Warschau die zweitgrößte Stadt Polens. Seit 1978 steht Krakau auf der Liste des UNESCO-Welterbes, war im Jahr 2000 Kulturhauptstadt Europas und trägt seit 2013 den Titel UNESCO-Literaturstadt. Ob ich dazukommen werde, zumindest einen sehr geringen Teil der Sehenswürdigkeiten der Altstadt zu besichtigen, das würde sich eventuell nur heute und morgen nach dem Marathon ausgehen.

Krakau Marathon 48 1682374051

Ich lasse mir den Weg zur Expo im Henryk Reyman Stadion erklären, die heute am Samstag bis 20 Uhr offen ist. Die Straßenbahn 20 soll dorthin fahren, es sind ca. 3 km. Draußen auf einen Kreuzungspunkt für mehr als 1 Dutzend Tramways in alle 4 Himmelsrichtungen ist die Linie 20 nur an der Haltestelle in die Gegenrichtung vermerkt. Ich frage einige Leute, wo ich mich anstellen soll, keiner hat eine Ahnung. So entschließe ich mich in die Richtung zu gehen, wohin der 20er fahren soll. Einen Kilometer weiter steht am Display der Haltestelle, dass diese Linie in 15 Minuten nachkommt. Soll ich warten? Nein, ich benutze das Navi am Handy, das mich in einem Zickzackkurs in einer halben Stunde ans Ziel bringt. Ich bin mindestens 1 km Umwege gegangen. Daher werde ich fix mit dem 20er zurückfahren.

Die Expo im Erdgeschoss der Heimspielstätte des Fußballvereins Wisła Krakau ist mickrig, es gibt keine Aussteller, fixer Gast (wie schon oft gesichtet) ist der ehemalige polnische Spitzenmarathonläufer Jerzy Skarżyński, Jahrgang 1956 und 15. der Europameisterschaft 1986. Seine persönliche Bestzeit liegt bei 2:11:42, erzielt in Debno 1986. Er signiert wie immer sein Buch, das er vor Ort verkauft. Der Andrang ist bescheiden, dieser Rekord ist mehrfach unterboten worden, den aktuellen polnischen Rekord hält Henryk Szost mit 2:07:39, erzielt beim Lake Biwa Marathon in Japan 2003.

Krakau Marathon 38 1682374051

Ich muss mich ausweisen, bekomme dann die Startnummer 6242 mit auf der Rückseite befestigtem Chip, dazu einen kleinen Tragebeutel in blau, den man am Renntag mit persönlichen Utensilien gefüllt bei der Kleiderablage mit etikettierter Startnummer abgeben kann. An Goodies im Beutel finden sich u.a. eine Hautcreme und ein Gel.

Das große Laufbuch der Trainingspläne

Das vorbestellte Shirt kann man anprobieren, ich wähle XL, um dann am Abend im Hotel festzustellen, dass L besser passen würde. Ohne einen Gutschein vorweisen zu müssen, kann man auch mehrmals die Ausgabestelle für drei verschiedene Pasten aufsuchen. Ich nehme Nudeln mit Fleischsauce. Dann spaziere ich durch den Park nach Süden. Bei der Straßenbahn angekommen, erinnere ich mich, dass 2010 der Zieleinlauf des 9. Cracovia Marathons genau hier erfolgte. Meine Finisherzeit damals war 4:37:54. Übrigens haben die Veranstalter nicht wie in Wien die wegen Corona ausgefallenen Rennen dazugezählt.

Auf einem Plakatständer ist angekündigt, dass hier morgen ein Skaterbewerb durchgeführt wird. Dieses Rennen gab es auch schon vor 13 Jahren. Die Uhr zeigt ¾ 6 abends an, ich muss mich beeilen, in die Altstadt zurückzukommen, um den Startort des Marathons zu besichtigen. Mit der Tramway Nr.20 geht es zurück, der Fahrschein am Automaten kostet 4 Zloty.

Krakau Marathon 97 1682374050

Frühabendspaziergang zum Marktplatz in der Altstadt

Von der Ausstiegsstelle der Tramway 20 bei der ul. Basztowa geht es hinein in die Altstadt, wo man gleich zu Beginn am Barbakan Krakowski, einem befestigten Tor aus dem späten 15. Jh. vorbei kommt. Stadteinwärts zu Linken befindet sich das Florianstor, ein mittelalterlicher gotischer Torturm aus dem 14. Jahrhundert an der Wehrmauer der Stadt. Die Altstadt wird von einem Park, dem Planty, umschlossen. Dem Besucher fällt das wunderschöne, 1893 errichtete Teatr Słowackiego auf, ein vielseitiges Theater-Opernhaus im Herzen von Krakau gelegen und UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Herzstück und Wahrzeichen von Krakau ist zweifellos die 1347 von Kasimir III. erbaute 80 m hohe Marienkirche, ein römisch-katholische Basilika mit 2 Türmen, geschnitztem Altar und stündlichem Trompetensignal vom gotischen Wachturm. Um dieses historisch bedeutsamen sakralen Bauwerks haben die Veranstalter die „Marathonzeltstadt“ beim großen Marktplatz aufgebaut, die alles abdeckt, was morgen benötigt wird: ein vom Norden nach Süden beim Start und umgekehrt vom Süden nach Norden beim Zieleinlauf führender Korridor mit blauer, reißfester Schutzplane auf dem Kopfsteinpflaster, ein großer Bereich zum Umziehen getrennt für Männer und Frauen, eine Abgabestelle für Kleidung, Duschgelegenheit, ausreichend mobile Toiletten, eine Ambulanzstation, Gravurstelle, u.a.m.

Krakau Marathon 16 1682374052

Es ist ein wunderschöner Frühlingstag mit 20 Grad C Lufttemperatur, keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Hunderte Touristen, darunter viele Marathonteilnehmer und deren Angehörige sind wie ich zum Lokalaugenschein gekommen. Die Sperrgitter stehen bereit, sie werden gerade aufgebaut. Ich spaziere beginnend am Plac Wszystkich Świętych die ul. Grodzka, eine wichtige historische Straße mit Kirchen und Palästen, nach Süden inmitten vieler Einheimischer, die an diesem Samstag frühabends flanieren – auf dem Gehsteig links und rechts der breiten Absperrung oder einfach mitten drin – noch ist dies ja erlaubt.

Ich komme an der barocken St.-Peter-und-Paul-Kirche (Kościół św. Apostołów Piotra i Pawła) sowie der Andreaskirche mit Kloster (Kościół św. Andrzeja w Krakowie), beide aus dem 14. Jh., vorbei. Den Gebäuden auf dem kleinen Innen- oder Altstadtplan sind Nummern zugeordnet, zu denen es auf der Rückseite eine kurze Beschreibung zum Bauwerk gibt – das dient der besseren Orientierung.

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Der Marathon wird morgen – wie ich am Plan ersehen konnte, vor der ul. Podzamcze zwar in nordwestliche Richtung abbiegen, aber trotzdem nahe an der am Wawelhügel gelegenen Königlichen Basilika und tausendjährigen Erzkathedrale der Heiligen Stanislaus und Wenzeslaus vorbeiführen. Ich habe ja schon die ganze Zeit wieder meine Digicam im Anschlag – meine Tochter hat mich unlängst daran erinnert, dass heutzutage kein Mensch mehr so fotografiert, sondern alle ihr Handy verwenden. Ich müsste mir eine andere, größere Bauchtasche besorgen, um zukünftig mit dem Smartphone bei Marathons zu knipsen. Bezweifle aber, dass ich zurechtkommen würde.

Es ist längst knapp vor 8 Uhr abends, wegen der Sommerzeit ist es aber noch hell. Am Weg zur Weichsel (Havel) hinunter, vielleicht 500 m von der ul. Grodzka entfernt, treffe ich auf einen großen Strom von Spaziergängern. Unten am Fluss, der in seinem Mittelauf durch Krakau fließt, sitzen Hunderte auf der Uferböschung im Gras, reger Bootsausflugsverkehr ist im Gange, die Menschen genießen die Sonnenstrahlen auch noch am Abend, das Gegenlicht legt einen Schleier auf meine Fotomotive.

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Erst gegen 21 Uhr spaziere ich durch den Planty Park, dem Grünzug um die Altstadt, der auch den Lärm der stark befahrenen Westerplatte unterdrückt, zum Bahnhof und meinem Hotel in der ul. Lubicz zurück. Im Einkaufszentrum Galeria suche ich einen McDonalds auf, nach zwei Teller Nudeln mit Fleischsauce bei der „Pasta-Party“ brauche ist nur einen kleinen Imbiss. Im Hotelzimmer befinden sich ein Kühlschrank, Wasserkocher, Tee- und Kaffeebeutel, auch Kekse. Und morgen werde ich beim Frühstück zulangen.

Marathonrenntag am 23. April

Bereits um 7 Uhr ist das Buffet geöffnet – die meisten Gäste sind reine Stadtbesucher, nur ein junges Paar scheint das Quartier wegen des Laufevents gebucht zu haben, ihrer Sportkleidung nach zu schließen. Ich lasse mir wie vorgenommen eine ganze Stunde Zeit, ein Mann von der Bedienung stellt sich einen Meter neben meinen Tisch, um vielleicht die Gäste durch seine Anwesenheit beim Zugreifen einzubremsen. Mich kann er nicht beeindrucken oder abhalten, man nehme kleine Mengen und dies oft.

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Der Wetterbericht verspricht über 20 Grad zu Mittag, trotzdem entscheide ich mich für ein Langarmshirt, die Ärmel kann man hochkrempeln. Einen Knieschutz rechts lege ich an, auf den für das linke Knie verzichte ich. Erstmals habe ich einen Trinkgurt dabei, dessen Befestigungskorb ich im Durchmesser auf die Breite einer 0,5 Literflasche verstelle. Der beim Kauf erhaltene Becher ist beim Verschluss undicht, eine Kaufflasche lässt sich besser verschließen. Ich fülle eine Dose Red Bull um, daraus zu trinken beginnen würde ich erst ab Kilometer 25.

Um 8.15 Uhr spaziere ich ca. 500 m zum Start. Dort ist schon viel „gesunde“ Hektik zu erkennen, Nervosität bei einem Marathon ist auch bei „alten Hasen“ normal, je mehr man sich vorgenommen hat. Mein erster Weg führt mich zum Zelt, wo auch noch am Renntag Kaufleibchen ausgegeben werden. Problemlos tauscht man die Größe XL auf L um. Anschließend deponiere ich meinen nur spärlich gefüllten blauen Beutel an der Abgabestelle.

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Wenn man meine Startnummer 6242 als Indikator nimmt, dann sollten die vorgegebenen 6300 Plätze bis heute erreicht worden sein. Ich habe mir selbst eine Finisherzeit von 5:30 bis 6:00 Stunden verpasst, wäre richtig froh, wenn ich das schaffen könnte.

Ein Läufer mit dem Clubshirt vom Country Marathon Club fällt mir auf. Ich spreche ihn an und schlage eine gemeinsames Belegfoto vor, dass ich dann an den Präsidenten John Wallace schicken würde. Für Tim, so heißt der aus Finnland kommende Kollege, ist Polen ein neues Land, Ich hingegen nutze meine Teilnahme nur, um mich wieder ans Marathonlaufen zu gewöhnen und wieder irgendwie Fuß zu fassen. Die Schäden an den Knien werden dadurch nicht größer, rede ich mir ein.

Krakau Marathon 39 1682374127

Der Start erfolgt gestaffelt, zwischen den Blöcken wird kurz pausiert, wie dies bspw.in Prag gehandhabt wird. Ich drücke bewusst die Uhr schon vorher und komme mehr als 4 Minuten später erst zu Zeitnahme.

Es geht zunächst auf der Grodzka den langen Korridor leicht abschüssig nach Süden bis zur Richtungsänderung beim Wawelhügel oben mit der Kathedrale. Tausende eilen nun nach Nordwesten. Schon auf den ersten 3 km sind nur mehr einige Dutzend hinter mir, es ist das Anfangstempo, dass mir fehlt. Die frühe Erkenntnis lautet: ich muss wieder laufen lernen, einfach durch Training mit Tempoeinheiten.

Krakau Marathon 45 1682374127

Die Wende erfolgt bei der Al. Mickiewicza, benannt nach einem großen polnischen Dichter des späten 18. Jh. Tim, der Finne im gelben Country Club Trikot ist mit 2 Freunden 200 m vor mir, wir winken uns zu. Eine mir bekannte Läuferin um die 60 mit rot gefärbten Haaren aus Boras in Schweden ist auch wieder dabei – in den 22 Jahren meiner Hobbymarathonlaufkarriere habe ich sie an den Schauplätzen schon oft angetroffen.

Krakau Marathon 59 1682374127

Wir kommen zu einer Straßenteilung knapp vor Kilometer4, in deren Mitte sich der Blonia Karkowskie, ein großer Park nach Westen erstreckt. Für die Nachzügler geht es auf der Al. 3 Maja weiter, auf der linken Seite kommen uns auf der Al. Focha bereits Hunderte entgegen, die schon 7 Kilometer geschafft haben und sich an der Labestelle gegenüber bedienen. Zu meiner Rechten befindet sich das Stadion, wo gestern die Startnummern ausgegeben wurden. Ein Mann um die 40 mit Knieschutz überholt mich und hinkt dabei. Er hat einen tragbaren Lautsprecher in der linken Hand und lässt die Musik dröhnen. Er macht so viel Lärm und auf sich aufmerksam, dass die Ordner, Helfer und Polizisten nicht wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen – die Hand schütteln oder zurückstecken. Bei der ersten Labe bleibt er stehen – seine Begleiterin feuert ihn mit derben Worten wie „kurva“ an, dass erneut die Helfer verzagt sind.

Krakau Marathon 15 1682374127

Bei der Umrundung des Parks gelingt es mir knapp vor der Versorgungsstelle, wo es bereits zum 2. Mal Mineralwasser in Bechern, ein Isogetränk und Bananenstücke gibt, den lärmenden Einheimischen einzuholen. Er bleibt dann hinter mir wie zwei andere Mitstreiter auch. Aber das Feld nach hinten umfasst kaum mehr als zwei Dutzend „Läufer“, die es langsam angehen.

Krakau Marathon 52 1682374128

Der Marathonkurs dreht nach Süden, die ul. Krasinskiego führt bei Kilometer 8 über die Weichsel, man spürt den langgezogenen Brückenanstieg. Hier herrscht erneut Gegenverkehr, die Straße ist durch ein Sperrgitter getrennt. Links kommen uns Massen entgegen, sie haben die Wende bei Kilometer 10 schon hinter sich gebracht, drehen nun auf ihrer Seite bei Kilometer 12 nach rechts ab hinunter zum Weichselufer.

Bei der Wende treffe ich wieder auf Timo mit Freunden, zur Linken erblicke ich jetzt erstmals die Schlussläufer – drei 6-Stunden Pacer sind aufgeboten, sie haben einen Kilometer Abstand, das sind 8 Minuten. Am Wege zum Kilometeranzeige 12 kann ich erneut mehrere Läufer ein- und überholen. Kurze Laufeinheiten mit Gehphasen könnte heute wieder eine probate Methode sein.

Krakau Marathon 26 1682374129

Zunächst führt der Kurs fast bis zum Ufer hinunter in südöstliche Richtung. Die Schwedin aus Boras fällt zurück, ebenso zwei weitere Läufer. Ich knipse das Riesenrad und den Heißluftballon, der gerade gelandet ist – ob geschätzt zwei Dutzend Fluggäste glücklich sind, aus 1000 m Höhe wieder gut herunter gekommen zu sein?

Der Marathonkurs ändert seine Richtung bei Kilometer 14, es geht nach Nordosten. An den bisherigen Versorgungsstationen sind Dutzende Helfer, durchwegs Jugendliche, im Einsatz. Sie tragen eigene Kleidung, worauf sie wohl auch stolz sind.

Krakau Marathon 97 1682374210

Bei Kilometer 17 geht es erneut über eine Brücke, aber diesmal auf die andere Seite der Weichsel zurück. Ich liege im Plansoll, vor allem wenn ich die 4 Minuten Zeitguthaben einbeziehe. Eine fesche Frau um die 40 macht bei der Labe schlapp, ein Schnappschuss im Drehen auf der Brücke gelingt nicht ganz, aber sie wird zurück bleiben.

Auf der anderen Seite der Brücke kommt es wieder zu Gegenverkehr, es sind die Superschnellen, die bereits 37 km gelaufen sind, während wir Nachzügler erst 19 km in den Beinen haben. Ich nutze die Gelegenheit und mache endlich wieder einmal Fotos von Läufern, die ich von vorne ablichten kann. Einige winken mir zu, gut möglich, dass sie daran denken, sich vielleicht auf einer Laufplattform wiederzufinden.

Krakau Marathon 60 1682374210

Auf der Aleja Pokoju dauert der Gegenverkehr bis knapp vor Kilometer 20. Erneut bestätigt sich für mich, dass man sich einen Vorsprung am Anfang herauslaufen muss, dann kann man in der zweiten Hälfte zurückstecken. Einige Kollegen auf der anderen Straßenseite schleichen völlig erschöpft dahin, dass ich in diesem Moment fest überzeugt bin, sie noch einholen zu können.

Krakau Marathon 35 1682374179

Die zweite Hälfte des Marathons beginnt

Die Wende erfolgt 200 Meter vor dem Erreichen der Halbmarathonsdistanz, meine Garmin GPS Uhr zeigt 2:55 h an.

Krakau Marathon 48 1682374179

Der Kurs führt nun jäh nach Norden, zur Linken ist die Anzeige für erreichte 35 km, die Läufer aus der Gegenrichtung haben nur mehr 7 km vor sich, viele halten sich daher länger an der Labe auf. Für uns Nachzügler liegen weitere 13 Km, das sind bei einer Kilometerleistung von 8 ½ bis 9 min fast 2 h. Und der Kurs, der jetzt nach Osten geht und an der Tauron Arena vorbei führt, weist immer wieder leichte Anstiege auf. Was immer im Kopf bei einem Marathon passiert, plötzlich ist meine Zuversicht weg, auch die Kraftreserven, ich spüre Müdigkeit. Würde mir mein mitgeführter Red Bull Energydrink Flügel verleihen? Bei der Versorgungsstation am Kilometerpunkt 25 probiere ich es – ein kräftiger Schluck mit Iso und Wasser ergänzt soll neue Energie zuführen.

Krakau Marathon 15 1682374180

Zwar kann ich wieder mehrere Kollegen ein- und überholen, aber neue Energie spüre ich nicht. Um die Mittagszeit hat die Außentemperatur zugenommen, ich schätze, dass es mehr als 20 Grad C hat. Einige Male habe ich mir Wasser auf den Kopf geleert.

Dann höre ich bei der Wende zwischen Kilometer 28 und 29 jemand laut „Anton“ rufen. Ich denke zunächst an meinem alten Kollegen Drago Boroja aus Novi Sad nahe Belgrad, der seit vielen Jahren in Polen lebt, aber Chef des 100 Marathon Club Serbia geblieben ist. Er war früher oft Tempomacher für 4 Stunden. Bei einem Neujahrsmarathon in Katowice 2013 habe ich ihm sogar einige Minuten abgenommen. Aber es ist nicht Drago – wer dann? Der Kollege will und will mich einholen. Auf der kilometerlangen nach Westen in die Sonne führenden Aleja Jana Pawla II, benannt nach dem polnischen Papst Johannes Paul II., beginnt ein langer Kampf gegen die Zeit und gegen sichtbar zwei Dutzend Verfolger, die mich plötzlich alle einholen wollen.

Krakau Marathon 98 1682374257

Bald darauf kommen gut sichtbar die Allerletzten nach, darunter auch wieder der Pole, der immer mit einer Fahne und oft barfuß unterwegs ist. Die Nachzügler werden in einem großen Abstand von einer Autokolonne begleitet, die hinter ihnen im Schritttempo nachfährt.

Krakau Marathon 66 1682374257

Ich trinke im Gehen bzw. Halblaufen, halte mich an den Laben nicht auf, damit ich den knappen Vorsprung nicht vertue. Aber bei Kilometer 34 ist es dann doch soweit – ausgerechnet der junge Mann Mitte 20, den ich bei Kilometer 24 eingeholt habe, dreht den Spieß um und zieht mit einer schnellen Laufeinheit an mir vorbei. Die Strecke ab Kilometer 35 bis 37 ist leicht abschüssig, hier kann man wieder etwas Zeit gutmachen. Bald danach ändert der Marathon die Richtung, einige Kilometer führen nach einem kurzen Anstieg zum Weichselufer hinunter, wo sich ein Geh- und Radweg befindet, Viele Spaziergänger sind bei dem schönen Sonntagswetter unterwegs. Nicht immer weichen sie aus. Ich kann mein 9-Minuten Gehtempo halten. Mein verbissener Zurufer von vorhin kann mich trotz großer Anstrengung nicht einholen. Da er eine Kappe trägt, ist sein Gesicht in der Sonne in 200 Meter Entfernung für mich schwer auszumachen.

Krakau Marathon 46 1682374258

Beim Kilometerpunkt 40 macht der Fluss eine Krümmung, es geht leicht nach Norden und aufwärts in Richtung Altstadt. Ich blicke mich um, trotz der vielen Spaziergänger erkenne ich in der Ferne sich zielgerichtet in meine Richtung bewegende Gestalten, die ich an den Farben ihrer Trikots zuordnen kann. Sie werden 10 bis 20 Minuten nach mir ins Ziel kommen, der Kollege in orangen Shirt wird hingegen bald nach mir eintreffen.

Krakau Marathon 8 1682374290

Ganz Krakau scheint an diesen Sonntag unterwegs zu sein, besonders am Flussufer ist sehr viel los, die Menschen achten aber nicht mehr auf die Nachzügler des heutigen 20. Jubiläumsmarathons. Es ist Ausflugs- und Spazierwetter. Doch dort, wo eine Absperrung ist, geht niemand rein, diese Gitter werden im Gegensatz zu Italien auch noch am Schluss eines Rennens akzeptiert.

Bei Kilometer 41 bin ich wieder in der Altstadt, der letzte Kilometer führt auf der Grodzka leicht ansteigend zum Ziel bei der Marienkirche. Ich bekomme viele Applaus, besonders wenn ich statt zu gehen wieder langsam laufe. Die letzten 195 m dann bemühter. Mit 6:18 habe ich meine Vorgabe wieder verfehlt, doch alle hinter mir kommen auch in die Wertung.

Krakau Marathon 65 1682374290

Ich warte auf meinen Zurufer – er nähert sich dem Ziel: Es ist Simon Alexander aus der Slowakei, Jahrgang 1947und über die Jahrzehnte ein übereifriger Marathonsammler mit mehr als 1000 Finishes, darunter aber Hunderte Privatmarathons mit oft nur einer Handvoll Teilnehmern. Wir begrüßen uns kurz, Simon muss dringend aufs WC.

Die Medaille ist schwer und aus Messing. Ich habe sie mir heute verdient.

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Mein Fazit

In 22 Jahren, seit ich an Marathons teilnehme, habe ich etwas die Übersicht verloren, aber der 20. Jubiläumslauf in Krakau wird mir in bester Erinnerung bleiben – wegen der herausragenden Organisation, der aufgebauten Zeltstadt bei der berühmten Marienkirche in der Stare Miasto, dem Getränkeangebot (Mineralwasser, Iso) inkl. fester Nahrung (Bananenstücke, Rosinen, Schoko und Gels) an den Labestellen, einer schweren Messingmedaille mit 9 cm Durchmesser und der disziplinierten Zuschauer und Spaziergänger, die viel Applaus auch für die Nachzügler spendeten. Das Preis-/Leistungsverhältnis würde ich mit super umschreiben – 40 Euro Startgebühr und ein Funktionsshirt um 15 Euro – da könnten sich viele Veranstalter, die NUR auf Gewinn aus sind, etwas abschauen. Die große Toleranz bei Überziehung der zeitlichen Vorgaben von 6 Stunden sorgt bei mir für einen weiteren Sympathiepunkt. Ich kann den Marathon in Krakau daher jedem empfehlen.

Krakau Marathon 60 1682374291

Siegerliste Männer

Rutto Lani (KEN) – 2:16:41

Metto David Kiprino (KEN) – 2:18:03

Kipkorir Ezekiel (KEN) – 2:20:27

Krakau Marathon 81 1682374292

Reihung bei den Frauen

Kiriliuk Lin (LTU) – 2:42:25

Matebo Ruth Chemisto (KEN) – 2:44:24

Jagielska Ewa (POL) – 2:39:44

4996 Finisher beim Marathon (4088 Männer, 908 Frauen), mehrere Hundert DNF (vielleicht wegen der hohen Temperatur zu Mittag?)

Fotos von Anton Reiter

Weitere Fotos und Details zum Krakau Marathon


Kommentare

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Anton Reiter
Dienstag, 25. April 2023 11:08
Liebe Frau Tulipan,

habe Herrn Mag.Bauer per Email gebeten, diesen Ausdruck am Anfang des Berichts zu ersetzen - ich muss gestehen, dass ich bei dieser Wortwahl gestern (24.4.2023) spät abends keine Sekunde an deren Tragweite gedacht habe.
mbG
Anton R.
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Michaela Tulipan
Dienstag, 25. April 2023 07:24
Herr Reiter
Der Ausdruck "durch den Rost fallen" stammt aus der Zeit der Judenvernichtung, er tut weh, bitte korrigieren Sie dies
Mfg Michaela Tulipan
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