Seit Jahren beabsichtige ich, an diesem historischen Marathon, der von Pella, dem Geburtsort Alexanders startet und nach Thessaloniki führt, teilzunehmen.

Beweggrund ist für mich mehr der Mythos, der diesem grandiosen Feldherrn und Eroberer anhaftet, als die sportliche Herausforderung selbst. Die 17. Auflage fand am 30. April 2023 statt.

Anmeldung über die Website

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Die Veranstalter-Homepage liefert alle nötigen Informationen für die Anmeldung wahlweise auf Griechisch und Englisch. Deadline für den Marathon ist der 5. April, die preisliche Staffelung beginnt bei 30 Euro für das „basic package“. Ich entscheide mich für die mittlere Kategorien mit einigen Goodies wie ein Leichtrucksack (Sports backpack) mit dem Marathonlogo, eine Ron Hill Trinkflasche und einen Gurt zum Transportieren für 10 Gelpäckchen zum Preis von 55 Euro. Wer noch eine Armtasche und Laufkappe dazu haben will, zahlt 80 Euro.https://vg04.met.vgwort.de/na/5a485c35af364396b162306c912867ca

Die Beschreibung der Strecke verspricht ein schnelles Rennen, von der Möglichkeit, sogar eine Personal Best zu schaffen, ist die Rede. Eine Grafik erläutert auch bildlich das Profil, doch von einem flachen Kurs kann nicht die Rede sein: langgezogene Anstiege sollten eher bremsen.

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Meine Rückversicherung für das angestrebte Finish ist eine Ergebnisliste von Timing for Sports aus einem früheren Jahr. Während die offizielle Proklamation für 2023 eine Öffnungszeit von 6 Stunden für den Marathon mit exakten Zwischenzeiten für die Halbdistanz, 30 und 40 Kilometer vorgibt, zeigen die Zeitnehmer mehr Toleranz und haben etliche mit Einlaufzeiten um 6 ½ Stunden in der Wertung. Allerdings sollen die Straßensperren auch heuer wieder nach Überschreitung der Zeitvorgaben abgebaut und noch auf der Strecke befindliche Nachzügler auf Gehwege, falls vorhanden, verwiesen werden. Ich bin Optimist und gehe davon aus, dass länger offen sein wird.  

Keine reibungslose Anreise

Als ich am 28. April um 8:20 Uhr auf die S7 warte, kommt kein Zug, Grund wird am Display keiner angeführt. Ich suche einen nahen Taxistandplatz auf – das eigene Auto zu holen, würde zu viel Zeit kosten – und lasse mich zum Flughafen chauffieren. Da ich schon lange nicht mehr mit einem Taxi dorthin gefahren bin, erstaunt mich die Extraverrechnung von 15 Euro zum Fahrpreis von 26 Euro. Dies sei normal, weil eine Landesgrenze überschritten wird und eine mögliche Leerfahrt nicht der Taxler bzw. das Unternehmen erreichbar unter 40100 zahlen werde. Ob das zutreffend ist?

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Dann die nächste Überraschung: das für den Flug nach Thessaloniki vorgesehene Flugzeug ist ausgefallen, die AUA kann nur eine viel kleinere Maschine aufbieten, fast alle Passagiere verlieren ihren gebuchten Sitzplatz. Mein Gangsitz 7C hat sich auf 22C geändert. Ich protestiere beim Schalter, der diensthabende deutsche Chef vom Bodenpersonal hat eine Idee und fragt: „Wollen Sie ganz nach vorne, dann sagen Sie es mir jetzt!“ „Aber ja, gerne“, antworte ich. „Mit 1C in der Businessklasse bekommen Sie nun auch ein Frühstück!“ Da kommt Freude auf, bin seit 2018 mit South African Airlines nicht mehr in einem besseren Ambiente geflogen.

Wir landen zwar verspätet, aber nach dem Do&Co-Meal mit Prosecco, Bier und großer Beinfreiheit vom Sitz nach vorne stört mich dies das ganz und gar nicht. Der XO1-Bus fährt ca. alle halbe Stunde vom Flughafen in das Zentrum von Thessaloniki, mit ca. 326.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Griechenlands – inkl. der Wohngebiete um den Ballungsraum sind es fast 3x so viele. Der Autoverkehr am Freitagnachmittag ist stark, die Fahrt dauert mehr als eine Stunde, bis der Bus die Platia Aristotelous erreicht, wo die meisten Flugpassiere dann aussteigen.

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Zur etwas mühsamen Anreise gehört auch das von booking.com veranlasste Storno meines Hotels, weil Card Complete eine Abbuchungssperre meiner Visa-Kreditkarte veranlasst hat. Grund: Bei der Buchung habe booking.com bei mir (als „guter Kunde“) den zweifachen Secure-Code nicht beachtet, so hat es an diesem Tag mehrere Zugriffe bis um Mitternacht gegeben, die dann zum Storno führten. Als ich dies einen Tag vor dem Abflug bemerke, stehe ich plötzlich ohne Hotel da. Das Astoria an der Ecke Tsimiski und Salaminos Straße ist der letzte Ausweg – an diesem Wochenende sind die Hotels im Zentrum ausgebucht. Statt 242 Euro im stornierten Hotel Mandarino zahle ich nun um 100 Euro für 3 Nächte mehr.

Abholung meines bestellten Startpakets

Nach dem Einchecken an der Rezeption mache ich mich mit einem dort gratis erhaltenen Stadtplan gegen 16 Uhr zu Fuß auf den Weg zur ca. 2 ½ km entfernten Hel-Expo, wo seit gestern die Startpakete ausgegeben werden. Es herrscht fast wolkenloser Himmel, die große Strandpromenade ist nur 100 m vom Astoria entfernt. Ich spaziere am Gehsteig der stark befahrenen Durchzugsstraße Egnatia nach Osten, achte zunächst nicht auf die baulichen Sehenswürdigkeiten am Wege. Mein Ziel ist der Pavillon 2 im Messegelände von Thessaloniki.

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Als ich eintrete, umgibt mich „gähnende Leere“, die Helfer langweilen sich, nur 2 oder 3 andere holen ihre Startnummer ab. Formulare für Nachmeldungen liegen ausreichend auf, die Deadline 5. April wurde aus administrativen Gründen festgelegt – wohl auch, um die Anzahl der für den Marathon benötigten Medaillen genauer zu erfassen.

Ich verweile bei der großen Anschlagstafel, die den Streckenverlauf mit den Versorgungspunkten und der Art der dort ausgegebenen Getränke sowie feste Nahrung darstellt. Klarer könnte die Information nicht sein, Wasser wird beim Marathon sogar alle 2,5 km gereicht werden. Man könnte sagen, die Organisatoren haben den Lauf richtig gut geplant – wohl auch mit Unterstützung des Hauptsponsors bwin, übrigens eine österr. Online-Wettmarke.

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Trotzdem bin ich enttäuscht, als ich das in XL bestellte neonfarbene Marathonshirt öffne: mit dem Aufdruck auf der Rückseite: „Be fast, be sharp & strong, be the One“ zählen nun alle Teilnehmer zum bwin Running Team. Ich hätte mir ein schick designtes Marathonleibchen gewünscht, dass eine Affinität zu Alexander III, dem König von Makedonien herstellt. Schließlich passen Heldentum im Kampf und in der Eroberung mit dem Mythos Marathon irgendwie zusammen.

Zum E-Book Trainingspläne für Läufer und Läuferinnen

Längerer Spaziergang durch die Stadt zurück

Nachdem ich meine Sachen für den Lauf und darüber hinaus geholt habe, nehme ich mir vor, nun auf die Bauwerke näher zu achten. Wie immer habe ich wieder meine Digicam für Belegfotos dabei – und auch wieder vor, einen Bericht zu erstellen ohne die persönliche Sicht auszuklammern. Bei den Sehenswürdigkeiten zählen mehr die Fakten wie etwa beim Galeriusbogen, einem monumentalen Denkmal von 303 n. Chr. mit Reliefs zu Galerius' Sieg über die Perser. Unweit daneben befindet sich die Rotunde des Galerius, ein Anfang des 4. Jahrhunderts als Andachtsstätte errichteter römischer Rundbau mit Mosaiken. Ein weiteres Fotomotiv ist die Hagia Sophia, eine berühmte orthodoxe Kirche mit kunstvollen Statuen, Gemälden und Mosaiken unter massiven Bögen, die es dem Namen nach auch in Istanbul gibt.

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Mich drängt es in die Sonne, zur Strandpromenade Leof. Nikis hinunter. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen, die Mehrheit Einheimische, Alte und Junge, Eltern mit Kindern, Paare, viele ausländische Touristen flanieren auf der ca. 4-5 Kilometer sich von Westen nach Osten erstreckenden für den Autoverkehr geöffneten Straße mit Radweg. Dort werden am Sonntag beim Marathon die letzten 2 km ins Ziel beim Weißen Turm führen. Auch diese berühmte osmanische Festung und ehemalige Gefängnis mit interaktiver Ausstellung zur Stadtgeschichte halte ich fotografisch fest.

Bunte Ausflugsschiffe, die an eine Galeere oder einen Piratensegler erinnern sollen, locken viele zu einer kurzen Mitfahrt an. Immer wieder wird auf den Schiffen ein Ohrwurm gespielt, wie die „Eroberung des Paradieses“ vom griechischen Komponisten Vangelis oder wie Lou Begas Bongo No.5., den die Volksschullehrerin unserer inzwischen 30-jährigen Tochter bei jeder Gelegenheit den Kinder aufgedrängt hat.

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Die größte Aufmerksamkeit bei den Touristen findet das riesige Denkmal mit dem berühmten griechischen Herrscher Alexander dem Großen auf einem sich aufbäumenden Pferd. Die im Westen stehende Sonne verhindert ein scharfes Foto, man müsste die Vorderseite mit dem Konterfei von Alexander in der Früh knipsen. Skater, BMX-Radler, Parkoursportler und urbane Hindernisläufer bevölkern den oberen Sockel des Denkmals, machen ihre halsbrecherischen Stunts und blockieren, weil sie ständig in Bewegung sind, die freie Sicht.

Ich lasse mir bis 21 Uhr Zeit, spaziere langsam zurück. Neben meinem Hotel befindet sich ein Viertel mit kleinen griechischen Lokalen und auch teuren Restaurants. Fast überall sind die Tische im Freien vollbesetzt, warten will ich nicht – es ist bereits 22 Uhr, so setze ich mich in ein Burger Fastfood-Lokal und nehme mir vor, morgen am 2. Tag meines Aufenthaltes es weiterhin ruhig anzugehen.

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Erkundung des Weges zur Abfahrt der Shuttle-Busse am Renntag

Ich koste das morgendliche Buffet im Astoria am 2. Tag fast vollständig aus, bei 115 Euro pro Tag inklusive Frühstück ist das nur zu verständlich. Allen Teilnehmern des Marathons wird ein Gratisshuttledienst zum Startort in Pella angeboten. Die Busse fahren direkt beim Kaftanzoglio-Stadion in Thessaloniki in der Zeit zwischen 5:15 bis 5:45 Uhr ab. Ich will rausfinden, wie weit diese Multifunktionssportstätte vom Hotel Astoria entfernt ist – um abschätzen zu können, ob ich zu Fuß oder mit einem Taxi dorthin fahren soll.

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Der Fußweg am Kai entlang bis zum Weißen Turm nach Osten ist ohne Ampelstopps, wenn man die Straße nicht quert, um einiges schneller – darauf kommt es mir heute am 2. Tag meines Aufenthalts an. Ich marschiere vom Hotel mit aktivierter GPS-Uhr los. Bis zum Weißen Turm brauche ich 20 Minuten. Von hier aus halte ich mich nördlich, ich komme zum Fernsehturm von Thessaloniki, wo sich oben eine Skylinebar befindet. Zur Linken 200 m weiter erblicke ich die Pavillons für internationale Messen – auch heute am Samstag kann man sich in der Halle 2 die Startnummer abholen oder sich ggf. nachmelden.

Ich eile weiter voran, vom Meer steigt das Gelände stetig bergan, nach Westen und Norden hat die Stadt viele Hügelkuppen. Zur Rechten auf der nach Süden gerichteten Seite der Egnatia, eine stark befahrene Straße, befindet sich die Universität von Thessaloniki. Ich überquere die Ag. Dimitrou und erblicke hinter verbautem Gebiet in der Ferne die Scheinwerfer des 1960 eröffneten Kaftanzoglio-Stadions. Bis ich dort ankomme, vergehen weitere 10 Minuten. Der Entschluss steht fest, ich werde mir morgen ein Taxi leisten, fast eine Dreiviertelstunde so zeitig in der Früh zu laufen, will ich mir nicht antun.

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Jetzt wo ich da bin, will ich auch einen kurzen Lokalaugenschein in der wichtigsten Sportstätte von Thessaloniki vornehmen, wo an diesem Samstag kurz vor 11 Uhr Leichtathleten, durchwegs Sprinter, trainieren. Im Innern des Stadions sind verschiedene Hallen auch für andere Sportarten angesiedelt. Es ist offen, kein Ordner verbietet mir den Zugang. Ich betrete einen Tribünensektor, setze mich im oberen Bereich auf einen Sessel und schaue den Sportlern beim Training zu, wie viele andere auch.

Ein Mann einige Meter von mir zur Linken telefoniert auf Deutsch, ich drehe mich um. Er nickt mir zu und kommt rüber. „Do you speak German or English?“, will er wissen. „Sie können gerne Deutsch reden, bin aus Wien“, antworte ich. Er erzählt, dass seine Freunde gerade gelandet sind, sie werden morgen das Fußballmatch PAOK gegen ARIS Saloniki hier im Stadion ansehen. Sie würden regelmäßig ins Ausland zu Stadtderbys reisen, erst vor kurzem waren sie beim El Classico zwischen Barcelona und Real Madrid. Marathonsammler mögen ähnlich ticken, wenngleich diese am Renntag mehr eigene körperliche Aktivität zeigen müssen, um zu reüssieren.

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Ich halte mich noch eine Weile in der Umgebung des Stadions auf, setze mich dann im Unigelände in ein Lokal mit Tischen im Freien, um ein Bier zu bestellen. Anschließend spaziere ich am Kai weiter nach Osten bis zur Segelschule. Viele knipsen das Kunstwerk von George Zongolopoulos aus Regenschirmen auf langen Stahlrohren an der Strandpromenade. Es weht der Wind, in einer Ecke des Kais hat sich allerlei stinkender Unrat angesammelt. Keine Frage, auch der Thermaikos Golf ist verschmutzt ist, aber es gibt in der Nähe ohnehin keine Badegelegenheit.

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An einem Imbissstand bestelle ich eine „echt“ deutsche Bockwurst mit der Bezeichnung „Berliner with Bavarian ingredients“. Sie schmeckt aber so, als wäre sie nicht durchgebraten. Ich habe einen langen Rückweg vor mir, doch nichts Weiteres vor. Den Abend verbringe ich nahe dem Astoria, statt griechisch zu essen, hat es mich in eine Pizzeria verschlagen. Auch wenn der erste Happen der mit Schmelzkäse und Salami servierten Teigware einen verbrannten Geschmack hinterlässt, ich selbst werde für heute nichts mehr „anbrennen“ und entspannt bei einem Viertel Retsina den Abend ausklingen lassen.

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Wieder beginnt für mich ein langer Marathontag

Um 22 Uhr bestelle ich als Frühstückersatz an der Rezeption ein Package mit Brot, Butter, Honig, hartgekochte Eier vom Vortag und Milch. Um 4 Uhr würde ich vom Zimmer kommend dies auf einem Tablet abholen können, verspricht die junge Dame, die sogar etwas Deutsch kann.

Im 24 h geöffneten Shop nebenan vom Astoria habe ich noch Bananen und Joghurt gekauft. Die Rezeptionistin hat Wort gehalten, der Nachtportier überbringt die bestellten Produkte. Ich esse im Zimmer. Als ich gegen 4:45 Uhr aus dem Raum gehe und mit dem Aufzug vom 6. Stock erneut ins Erdgeschoss fahre, steigt ein Läufer zu, den ich gestern mit seiner Begleiterin im Frühstücksraum gesehen habe. Auch er will wie ich ein Taxi zum Stadion nehmen, wir einigen uns auf Kostenteilung. Der Kollege kommt aus dem griechischen Teil von Zypern, er ist schon in Wien gelaufen und verweist auf den 40. Jubiläumsmarathon dieses Jahr im November in Athen. Den habe ich schon vor Jahren absolviert – das Charakteristikum sind mehrere Anstiege vom Ort Marathon aus. Bei Kilometer 32 erreicht man bei Agia Paraskevi mit 240 m den höchsten Punkt. Dann geht es sanft auf den letzten 10 Kilometern ins Olympiastadion hinunter.

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Wir sprechen auch über die Situation auf der geteilten Insel Zypern. Viele Türken aus dem Norden würden täglich die Grenze nach Südzypern passieren und dort arbeiten. Der Lebensstandard sei im türkisch besetzten Teil, der von vielen Staaten auch bald 50 Jahre nach der Invasion völkerrechtlich nicht anerkannt wird, viel niedriger. Aber die Menschen dort würden sich an die Zweiteilung gewöhnt haben.

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Wir finden noch Platz im ersten von 5 aufgereihten Bussen, die Fahrt dauert an die 40 Minuten. Die Morgendämmerung zieht auf, als wir ankommen. Ich habe im Bus sogar gute 20 Minuten gedöst, an das frühe Aufstehen muss ich mich erst wieder gewöhnen. Übrigens finden Marathons in Südostasien, etwa in New Delhi, Bangkok, Penang oder Singapur bereits ab Mitternacht oder sehr früh am Morgen statt, das kann dann sehr anstrengend sein.

Pella ist jene Kleinstadt im griechischen Teil von Makedonien, wo Alexander der Große am 20. Juli 356 v. Chr. geboren wurde – wenn die historischen Aufzeichnungen stimmen. Ich habe inzwischen den vom Regisseur Oliver Stone gedrehten Film über das beeindruckende Leben und Wirken Alexanders, der im Jahr 2004 in die Kinos kam, schon mehrmals gesehen. Colin Farrell (als Alexander), Angelina Jolie (Olympias, Gattin von Philipp II. und Alexanders Vater), Val Kilmer (Philipp II.) u.v.a. Hollywood-Stars spielen überzeugende Rollen. Aber gibt es eine Krux, irgendwelche Widersprüche, Ungereimtheiten?

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Ich glaube ja, wenn man an den langjährigen Streit zwischen Griechenland und dem heutigen Nordmazedonien denkt. Als ich vor einigen Jahren in der Hauptstadt Skopje den Marathon gelaufen bin, fielen mir dort die pseudo-antiken Kitschbauten auf. Gleich mehrere Baustile und Epochen verleihen dem Hauptplatz ein bombastisches Äußeres. Alleine die 23 Meter hohe Statue vor neoklassizistischen Fassaden ist der Mittelpunkt Dutzender Skulpturen, die sich alle auf Alexander dem Großen beziehen. Sowohl Griechenland als auch (Nord-)Mazedonien beanspruchen die antike Bedeutung des Namens Mazedonien für sich und damit das Erbe des Königs und Feldherren Alexander des Großen.

Ob das antike Makedonien zu Griechenland zählte, ist laut den Quellen bereits im Altertum umstritten gewesen und ist es bis heute geblieben. Nordmazedonier (früher ein Teil Jugoslawiens) betrachten Alexander als einen der ihren, die Griechen auch in der Region Makedonien, also um Thessaloniki, als Helenen. Der Marathon wird zu Ehren des großen Helden durchgeführt, Tagespolitik sollte man ausklammern.

Langsam trudeln weitere Busse mit den Läufern in Pella ein, ich knipse die auf einem Sockel befindliche Statue Alexanders. Die Aufschrift ist nur auf Neugriechisch und im griechischen Buchstaben verfasst – 1975 habe ich mich ein Semester im Freifach an der Uni Wien aus Interesse damit beschäftigt, daher kann ich zumindest das Alphabet lesen.

Es ist empfindlich frisch hier oben, Pella liegt gewiss 50 über dem Meeresspiegel. Das alte antike Pella ist noch gar nicht ausgegraben, hier werden die Archäologen weitere Fundstellen aufspüren können.

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Ich sehe mich um, laufe mich ein wenig ein, vor allem aufwärts. Bis zum Start ab 7.45 Uhr für die Elite verbleibt noch eine gute halbe Stunde. Einige tragen das neongelbe bwin-Sponsorshirt, ich habe es im Kleiderbeutel dabei, um es nach dem Rennen gegen ein wahrscheinlich durchgeschwitztes Leibchen auszutauschen. Zwei Extrabusse stehen für die Abgabe der bei der Expo ausgegebenen Originalsäcke mit Kleidung bereit – dezidiert wird in der Proklamation angeführt, dass nur diese angenommen werden, woran sich offenbar alle halten.

Es wird bald darauf warm, ich ziehe mein Untershirt wieder aus, eine Lage reicht heute. Die Platzsprecherin begrüßt 1500 gemeldete Läufer aus angeblich (!) 41 Nationen. Man hat mich in Block 2 zugeteilt, einen dritten Block gibt es eh nicht. Ich kenne niemand, mein zypriotischer Kollege ist verschwunden. Wie letzte Woche in Krakau drücke ich den Auslöser wieder vor dem Startsignal, dass die Platzsprecherin durch Herunterzählen auslöst. Mit einem Bonus von 4 Minuten gehe ich ins Rennen. Die ersten Kilometer führen abwärts, mit 7min/km kann ich passabel einige Zeit mithalten. Bevor die Strecke bei Kilometerpunkt 1 nach Osten abbiegt, spielt eine kleine Kapelle für uns auf.

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Die Grafik mit dem Streckenverlauf auf der Homepage und auf einem Plakat bei der Expo habe ich noch einigermaßen im Kopf, wonach dieser nun volle 10 Kilometer immer leicht abwärts führen werde. Das stimmt so nicht, bereits nach 2 Kilometer steigt der Kurs an, ich kann sogar einige überholen, die aufwärts ihr Tempo nicht halten können. Korrekt auf der Grafik dargestellt ist die erste Versorgungsstation mit Wasser bei Kilometer 5. In einem kleinen Pulk erreiche ich nach einer Stunde die Ortschaft Chalkidona, eine griechische Gemeinde mit ca. 3.000 Einwohnern rund 30 km nordwestlich von Thessaloniki gelegen.

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Als Zielzeit für den Zehner habe ich 1:20 h im Kopf, es werden dann laut GPS-Uhr 1:22 h. Das führe ich auf die vielen Steigungen zurück und auf die schlechten Straßenverhältnisse mit aufgebrochenem und löchrigem Asphalt. Die Labestation bietet hier neben Wasser auch Gatorade, ein Isogetränk, an.

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Bei Kilometer 12 nähere ich mich einem Läufer, der vom Aussehen 70+ zugeordnet werden könnte. Er dreht sich immer wieder um. Und will dann mit kurzen Laufschritten entkommen, das hält er nicht lange durch. Nach der Brücke über den Axios (Vardar), den von Skopje bis ans Meer führt, habe ich ihn endlich „gestellt“. Der ältere Herr keucht und zeigt mit den Fingern zweimal 7 an, „seventyseven“ sei sein Alter. Schon beachtlich, das er sich solange halten kann. Mit „Dimitri“ stellt er sich vor, aber reden können wir nicht, denn er versteht kein Englisch.

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Die Landschaft auf beiden Seiten des Kurses erstrahlt im frischem Frühlingsgrün, hochgewachsene Disteln in voller Blüte, duftende Mohnblumen, gelbe Senfgräser, so hoch wie Stauden, stechen ins Auge. Hinter mir immer ganz knapp Dimitri, der heute finishen will. Bei der 15 km-Marke befindet sich knapp vor der Ortschaft Gefyra die 3. Versorgungsstation, die Zwischenstation bei 12 ½ km habe ich bewusst ausgelassen, um keine Zeit zu verlieren. Ein Stück Banane im Vorbeigehen für den trockenen Gaumen kann nicht schaden, denke ich. Ausgerechnet jetzt fällt Dimitri zurück, ich blicke mich immer wieder um, aber der Punkt in der Ferne wird immer kleiner und stattdessen haben sich weitere Gestalten an ihn herangeschoben, die mir nachrücken.

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Bei Kilometer 19 führt der seit acht Kilometern stetig ansteigende Kurs nach Osten mit Blick in die Morgensonne über eine Autobahn. Ich habe heute eine Sonnenkappe auf, damit das Gegenlicht nicht so stark in die Augen eindringt. Bei der Halbmarathondistanz wird wieder gemessen, 2:45 h wollte ich schaffen, wegen der für mich mühsamen Steigung bleibe ich mit 2:57 nur knapp unter 3 Stunden.

Vor mir schiebt eine Gruppe einen Behinderten im Rollstuhl. 5 Personen, alle mit der offiziellen Marathonstartnummer, wechseln sich ab. Ein sehr sportlich aussehendes Mädchen fällt immer wieder zurück. Ich sehe mit an, wie sie sich von einem Helfer auf einem Roller nachchauffieren lässt.

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Ein junger Grieche hat zu mir aufgeschlossen, wir reden miteinander – ihm es egal, wie lange er heute brauchen werde, nur ankommen sei wichtig. So bleibt er stehen, um bei der Zwischenlabe bei Kilometer 22,5 salzige Nahrung in Form von paketierten Chips und Nüssen entgegen zu nehmen. Das verleiht ihm Energie – er zieht das Tempo an, es geht außerdem nun leicht abwärts. Auch ich kann wieder etwas Boden gut machen, aber alle gute Vorsätze scheinen wie weggewischt, die Luft ist bei mir draußen wie man so sagt – von nun an werde ich wieder 9 Minuten für den Kilometer benötigen.

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In meiner Bauchtasche führe ich 4 Gelpäckchen mit, am hinteren Ende des Tragegurtes steckt im Köcher eine Trinkflasche mit Red Bull. Es wird Zeit, dass ich die Muntermacher nicht nur spazieren trage, sondern konsumiere. Daher nehme ich bei der 25-Kilometermarke nur Wasser zum Nachspülen von 40ml eines Gels. Der Marathonkurs beginnt sich zu ziehen, in der Entfernung sehe ich, wie langsam auch andere wohl wegen der Steigung bis Kilometer 30 vorankommen. Meine Zielzeit wären max. 4:15 h gewesen, um noch unter 6 h zu finishen. Ich liege wieder einmal darüber – in Krakau letzten Sonntag waren es nur 2 Minuten, heute sind es mit 4:22 immerhin 7 Minuten.

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Zweimal bin ich schon gefragt worden, ob alles ok ist. Auch als ich vor den Augen des motorisierten Polizisten eine Amerikanerin „überholt“ habe. Meine Sorge ist eher, ob man die Zeitnehmung im Ziel abdrehen oder länger offen lassen wird.

Die vielen jugendlichen Helfer applaudieren trotzdem artig, offenbar bewertet so mancher das Finish eines Marathons auch mit Überzeit als zu respektierende körperliche Leistung. Auch in Eleftherio Kordelio, einem Vorort von Thessaloniki, den wir bei Kilometer 35 erreichen, habe ich das Gefühl, dass die Strecke immer noch ansteigt. Tatsächlich führt der Kurs über die 20 oder 30 Meter darunter liegenden Gleise der Bahn. Es sind immer noch 5 km bis ins Ziel. Es geht rund 2 Kilometer ostwärts auf dem rechten Streifen der Autobahn Thessaloniki nach Athen. Vor mir erblicke ich in 300 m Entfernung mehrere Gestalten, die wie ich ins Ziel traben. Inzwischen habe ich zwar noch immer kein eigenes Gel geschluckt, dafür aber drei Päckchen bereits beim Kilometerpunkt 30 ausgegebene Stärkungsmittel hinuntergespült.

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Die GPS-Uhr zeigt abzüglich von ca. 4 Minuten bei der 40 km Messstelle 6:02 h an. Und jetzt kommen die letzten 2 Kilometer auf mich zu – zu meiner Überraschung trudle ich in Hunderte langsame Geher und einige Powerwalker über die 5 km-Distanz ein, die auf der Leof. Nikis, der heute für Autos gesperrten Kaistraße bei herrlichem Sonntagswetter dahinspazieren. Der Ordner verweist mich auf den rechten Radstreifen, dieser sei für die Marathonläufer reserviert. Wie schon so oft ärgere ich mich über die Kilometermessung. Letzte Woche in Krakau zeigte meine GPS-Uhr fast 43 Kilometer im Ziel an. Diesmal sind es wieder 500 Meter mehr als 41 km bei der offiziellen Anzeigetafel. Es gelingt mir auf den letzten Metern noch 2 Kollegen einzuholen, die dann im Klassement tatsächlich hinter mir platziert sind.

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Viele Menschen, die gar nicht laufen, strömen 150 Meter vom Alexanderdenkmal ins Ziel. Eine Ordnerin erspäht mich beim Einlaufen, sie dirigiert mich zur Medaillenausgabe – ich freue mich, dass man länger offengelassen hat, aber nicht wegen uns verspätete Marathons, sondern nur, weil die Langsamen eines Nebenbewerbs sich Zeit lassen.

Bei der Getränkeausgabe herrscht Hochbetrieb, Menschen, die mit dem Laufbewerben gar nichts zu tun haben, nehmen sich, was da ist – Fruchtsaft, deutsches alkoholfreies Bier, Bananen, Wasser, Gatorade und wohl auch Kleinigkeiten, die bei meinem Eintreffen längst nicht mehr verfügbar sind.

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Ich frage, wo die Kleiderbusse stehen – sie sind inzwischen leer geräumt, man habe ca. 2 Dutzend Säcke vorne auf die Wiese gelegt, sagt man mir. Eine Gruppe von jugendlichen Helfern berät sich, was mit den Säcken passieren soll, als ich zu ihnen stoße. Ich lasse mir meinen Beutel aushändigen und kehre zum Zieleinlauf zurück. Mit 3 Dosen Bier und einer Metallfolie zum Draufsetzen ziehe ich wieder ab, um mich dann für 2 Stunden in die Sonne zu legen. Es werden dann 4 Stunden, die Füße und Beine sind erholt, als ich am Kai unter Tausenden Spaziergängern in Richtung Hotel zurückspaziere. Wie immer mache ich einige Schnappschüsse, um die Finishermedaille motivgerecht unterzubringen.

Mein Fazit:

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Hervorragende Organisation, bestens betreute Labestellen, sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis, schöne Medaille. Weniger gut bzw. untertrieben ist der Schwierigkeitsgrad der Laufstrecke – viele akkumulierte Höhenmeter, tlw. Straßenabschnitte mit aufgebrochenem Asphalt und Löchern, die für müde Füße und Beine wegen der Unebenheiten beschwerlich sind – was natürlich für all die fitten und orthopädisch nicht eingeschränkten Kollegen kein Kriterium sein kann. Ich habe jetzt den lange angestrebten Marathon auch absolviert, schade, dass das erhaltene Shirt nur Werbung für bwin ist, Alexander dem Großen nicht würdigt.  

Siegerliste Männer:

1 PAPADIMITRIOU Antonius (GRE) – 02:26:19    

2 BOUISSANE Youssef (MAR) – 02:26:43

3 LAMARIS Christos (GRE) – 02:30:01     

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Reihenfolge bei den Frauen

1.NOULA Matina (GRE) – 02:51:48           

2.GAVRIILOGLOU Anastasia (GRE) – 02:56:40

3. AMPNTEL SALAM OIKONOMOU Foteini Nour (GRE) – 03:11:04

1169 Finisher (1013 Männer, 156 Frauen)

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