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Nach der Pensionierung vor 2 ½ Jahren habe ich mir vorgenommen, mein Kontingent als Marathonländersammler sukzessive auf den Hunderter auszuweiten, doch die Corona-Pandemie seit bald 2 Jahren hat das Leben der Menschen weltweit stark eingeschränkt, wovon auch Laufsportveranstaltungen betroffen sind.

Ein neuer Länderpunkt für mich hätte sich bei einer erfolgreichen Teilnahme am Kuwait Marathon am 20. Nov. d.J. ergeben können, doch trotz Ansuchen über die kuwaitische Botschaft in Wien wird mir ein Visum verweigert (früher bekam man ohne Probleme ein kostengünstiges Arrival-Visum am Flughafen). Das wegen der Deadline für Registrierungen eingezahlte Startgeld von ca. 80 Euro wird mir vom Veranstalter nicht rückvergütet. Als Ende letzter Woche ein weiterer Lockdown für ganz Österreich behördlich angekündigt wird, buche ich kurzfristig einen Emirates-Flug im komfortablen Airbus A380 von Wien nach Dubai und melde mich parallel dazu für den Marathon in Abu Dhabi an.

Mein letzter Aufenthalt in der boomenden 3.5 Mio. Einwohner zählenden Glitzermetropole am Persischen Golf mit den teuersten Hotels und höchsten Wolkenkratzern der Welt, einem prosperierendem Banken- und Finanzzentrum, einer vollautomatischen Metro ohne Fahrer, Millionen von Touristen aus aller Welt (gerade jetzt im „Shopping-Wonnemonat“ November) liegt bereits 1 ½ Jahre zurück – wie bei allen Reisen zu Marathons in asiatische Länder ist Dubai stets eine Zwischenstation für mich. Im Februar 2020 kassierte ich meinen letzten Marathonländerpunkt (74 Countries sind es bisher bei 430 Marathons mit einigen Ultraläufen seit 2001) auf den Seychellen, das Deira-Viertel in Dubai nahe dem Terminal 3 ist inzwischen eine Art Domizil, ich habe in den umliegenden Hotels schon genächtigt.

Erschwerte Einreise nach Dubai

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Der Nachweis des „grünen Passes“ (auf Basis einer in der EU anerkannten Corona-Impfung) und die scheinbar entgegenkommende 72-Stunden Gültigkeit bei in Österreich durchgeführten PCR-Tests sind keine Rückversicherung, denn nach der Ankunft kurz vor Mitternacht am 21.Nov. werden alle Flugpassagiere in eine große Teststraße eingewiesen und erneut gecheckt. Das negative Resultat wird mir per SMS bereits früh am Morgen mitgeteilt – die Hoteladresse ist vorher bekanntzugeben. Was für das Emirat Dubai gelten mag, trifft nicht auf das ca. 150 km entfernte Abu Dhabi zu, dort gelten PCR-Tests nur 48 h, man muss eine App namens Al Hosn am Smartphone installieren und alle Zertifikate uploaden. Die Gesundheitsbehörde von Dubai bietet auch eine App an, doch ich verbringe Stunden damit, mich hier zu registrieren – meine Emirate Unified Number, die bei der Einreise nach Dubai bei der Passkontrolle vergeben und eingetragen wird, ist seit August 2020 abgelaufen. Das System ist nicht ajour, es dauert einen ganzen Tag, bis die Einreisedaten „automatisch“ eingespeist sind. Wer in Dubai Resident ist, für den ist alles einfacher, nicht aber für Touristen in Corona-Pandemiezeiten.

Die nächste Hürde ist die Gültigkeit des PCR-Tests für die Starterlaubnis beim Marathon. Mit meinem negativen Einreisetest vom 21.11. um Mitternacht bekäme ich kein Band um das Handgelenk, ich brauche also einen neueren negativen Test. Am Flughafen in Dubai werden täglich Zehntausende bei der Einreise getestet, aber umgekehrt gibt es keine Testmöglichkeit für amtliche Zertifikate, wie dies in den meisten Flughäfen der Welt für Schnelltests möglich ist. Ich werde dann in der Deira City Mall fündig – 150 Dirham, ca. 40 Euro, kostet der Test. Mir wird mitgeteilt, dass ich ein SMS bekäme und dann über die DHA-App Einsicht nehmen könne. Doch die SMS enthält keinen Link, ich komme nicht ins System rein, verbringe einen ganzen Abend, um mich leider vergeblich wieder und wieder zu registrieren. So begebe ich mich am nächsten Morgen erneut zum Testcenter, um einen Support einzuholen. Es stellt sich heraus, dass die von mir fotografierten Fotoinstruktionen auf Poster Screens von der Vorgänger-App sind und die neu installierte eine andere Oberfläche und Syntax hat. Aber mit Hilfe des Managers komme ich zu meinem ersehnten, am 23. 11. um 10 Uhr abgenommenen und  negativen PCR-Zertifikat, das pdf lade ich in den Dateiordner. Damit ist der Start beim Marathon definitiv gesichert, ich kann die max. 96 h-Frist (vom 23. bis zum 26.11.) so einhalten. Im Royal Continental Hotel lasse ich mir das Zertifikat auch auf Papier ausdrucken, doppelt hält besser.

Sonst fühle ich mich in Dubai gut aufgehoben

Im Jahre 2014 zum gemeinsamen 60er machte ich mit Gattin und Tochter (nach 1994/95) eine weitere Kreuzfahrt um die Welt, die mehr als 3 Monate dauerte. Mit Hilfe von Laufclubs organisierte ich lange vor Reisebeginn Marathons in Grenada, Honolulu, Auckland und Sydney. Die Teilnahme am Lauf an der Huntington Beach in LA ging sich so aus. Mit einer Laufgruppe veranstalteten wir auch auf dem Kreuzfahrtschiff vor Santa Lucia in der Karibik einen Marathon. Der Kapitän gab sein OK, der 1. Offizier wurde zwecks Kontrolle der Runden und Zeitnehmung abgestellt, und die Gattin des verstorbenen Landeshauptmanns Dr. Haider half bei der Labe aus. Kleine Anekdote dazu: ein Zeitgenosse aus der heimischen Läufercommunity kritisierte dies mit der Begründung, dass man ja gar nicht feststellen könne, wie weit jemand bei einem fahrenden Schiff gelaufen sei. Bei so viel Überintelligenz kommt man ins philosophische Grübeln, gewertet wurden für die 42,195 km auf einem amtlich vermessenen Schiffsparcourt natürlich die Runden und nicht die Seemeilen).

Zum E-Book Trainingspläne für Läufer und Läuferinnen

Ich komme nun nach diesem „Abweg“ auf Dubai zurück: Wir besuchten im März 2014 auf der letzten Etappe nach Europa zurück auch die Emirate Dubai und Abu Dhabi und buchten kostspielige Exkursionen und Sightseeing-Touren: in Dubai bestiegen wir den letzten Abschnitt hinauf auf den 828 m hohen Burj Khalifa (bislang das höchste Gebäude der Welt), waren im Aquaventure Waterpark, machten ein halbtägige Wüstensafari, legten Kilometer in der riesigen Dubai Mall (von denen gibt es ja gleich mehrere nahe den Metro-Stationen) zurück und leisteten uns ein Dinner im teuren Jumeirah Beach Hotel (7 Sterne). Die Costa Deliziosa bot ähnlich exklusive Ausflüge auch für Abu Dhabi an – etwa zur Scheich Zayid-Moschee, zum Emirates Palace und Präsidentenpalast (Qasr Al Watan) und als Highlight ein Mittagessen im Emirates Palace, wie der Burj Al Arab in Dubai ist der Emirates Palace eines der wenigen 7*-Hotels der Welt. Diese Abstecher im Rahmen eines dichten Programms kosteten damals für 3 Personen an die 2000 Euro, aber sie bleiben unvergessen.

Wir verbrachten zu Ostern 2018 einen Familienosterurlaub im Hilton Jumeirah Beach, an diesen Ort kehre ich immer wieder gerne zurück, so auch vor meiner Abreise nach Abu Dhabi. Die Fahrt mit der roten Metro bis zur Station DMCC  dauert eine Dreiviertelstunde, bis zum Strand sind es noch einen Kilometer zum Gehen. Es ist jetzt Hochsaison in Dubai, das Hilton hat sein Liegebettenkontingent verdreifacht, nur mehr wenig öffentliche Strandfläche steht den Nichthotelgästen zur Verfügung – für ein Bett zahlt man 100 AED pro Tag, mehr als 20 Euro. Die vielen internationalen Arbeitskräfte in den umliegenden Hotels kommen in den Pausen auch zum Strand und gönnen sich ein Sonnenbad – das Meer hat angenehme 26 Grad, um 17:30 Uhr ist das Wasser wärmer als die Lufttemperatur. Ich mache es mir auf einer mitgebrachten Badematte und dem Handtuch vom Hotel bequem, doch im Sand kriechen viele Ameisen, die alsbald meine Idylle stören. Aber man gewöhnt sich daran.

Besuch der Expo 2020 in Dubai

Wer einen Emirates-Flug nach Dubai bucht, kann ein Gratisticket für die wegen Corona von 2020 auf heuer verschobene Expo im Wert von 95 AED (ca. 22 Euro) geltend machen. Man hat für die erste Weltausstellung im arabischen Raum, an der ca. 190 Länderaussteller vertreten sind, die rote Metro verlängert und mitten in der Wüste ein Areal in der Größe von 438 ha (das entspricht über 600 Fußballfeldern) bebaut, wobei 230.000 Menschen in den letzten zehn Jahren an dem Bau des Geländes beteiligt waren und die Kosten mit rund 7 Milliarden US$ beziffert werden. Die Veranstalter rechnen im Zeitraum 1. Okt. 2021 bis zum 1. März 2022 mit ca. 25 Mio. Besuchern, davon etwa 70 Prozent aus dem Ausland. Die Expo steht unter dem Motto „Gedanken verbinden, die Zukunft gestalten".

Armband Love Running

Wenn ich schon in Dubai bin, dann will ich auch hin. Wie bei einem Flughafen-Check werden alle Besucher/innen genau kontrolliert, auch das Gepäck durchläuft eine Röntgenkontrolle. Wenn man nun drinnen ist, dominiert die 800 Tonnen schwere und 724.000 Kubikmeter große Kuppel des zentralen „Al Wasl Plaza”-Gebäudes das Panorama – von ihr aus führen alle Wege zu den Distrikten mit den drei Hauptthemen Nachhaltigkeit (Sustainability), neue Formen der Mobilität (Mobility) sowie soziale Innovationen (Opportunity). Der „Sustainability District“ zeigt fortschrittliche Technologien aus aller Welt, die Nachhaltigkeit fördern sollen. Im „Mobility District“ sollen die reale und digitale Welt vernetzt werden und der „Opportunity District“ soll verdeutlichen, dass jeder die Zukunft mitgestalten kann.  

Ich nehme mir einige Stunden Zeit und besuche gut 2 Dutzend Pavillons. Saudi Arabien beeindruckt mit einer tollen immersiven Multimedia-Show über ihr Land, die Chinesen zeigen einen Hochgeschwindigkeitszug in full motion, der Betrachter erlebt so 350 km/h visuell. Der Andrang zum Schweizer Pavillon ist sehr groß, besonders die Sonnenschirme mit dem Schweizer Kreuz sind eine Attraktion wie dann auch der künstliche Nebel beim Aufwärtsgehen wie auf einem Berg im Gebäude. Und Österreich? Für mich sehr enttäuschend, kaum Besucher, unauffällig, nachhaltig spartanisch die winzigen Architekturtürme, die laut Auskunft der gelangweilten österr. Betreuerin aus Lehm sind. „Österreich“, ergänzt sie, „kann überall bauen, wir passen unsere Bauweise den Gegebenheiten an“. Von Gastfreundschaft (wohl Corona geschuldet) keine Spur, der österr. Besucher kauft sich den Kaffee aus der Maschine, der pakistanische Ober versteht aber kein Deutsch.

Für eine Weltausstellung braucht man mehrere Tage, mein Interesse hält sich in Grenzen. Ich fahre zurück und lege mich noch an den Strand beim Hilton Hotel.

Aufbruch nach Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Emirate

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Bei der Bushaltestelle Ibn Battuta warten geschätzt 150 Personen auf die Ankunft des Buses E101. Die Busfahrt würde nur 25 AED kosten. Nur 55 passen rein, der nächste Bus fährt erst wieder in einer Stunde (wegen der Mittagspause). Ich nehme ein Taxi (250 AED) und bin nach ca. 1 ½ Stunden direkt beim Hotel Khalidiya Palace Rayhaan, das ich für 3 Nächte gebucht habe. Das first-class-Hotel hat einen Innenpool, ausreichend Liegebetten und auch einen längeren Strandzugang, somit eine sehr gute Infrastruktur. Von meinem westlich ausgerichteten Zimmer im 15. Stock blicke ich direkt auf den ca. 1 km Luftlinie entfernten Emirates Palast.

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Ab 17 Uhr kann man die etwa 1 km entfernte Marathonexpo beim Adnoc Tower, Sitz der größten Ölfördergesellschaft des Emirates, besuchen. Die Öffnung fällt mit dem einsetzenden Sonnenuntergang zusammen, dann wird es hier etwas kühler – nur mit einem lichtschwachen Objektiv (ob Handy oder Digicam ist einerlei) sind Fotos bei Dunkelheit unscharf, das wird mir wieder bewusst, als ich nach einigen Knipsern einen Bilddurchlauf mache. So wird es mir wohl auch beim frühen Marathonsstart um ab 5:45 Uhr ergehen.

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Wider Erwarten erfolgt die Startnummernausgabe rasch und völlig reibungslos. Die Mädchen kichern als ich mich über die vielen Apps beklage und reichen mir das “wrist band“ mit dem Kommentar: „Use it first on race day“. Das Band könnte beim Duschen nass werden und sich lösen. Es gibt noch ein Funktionsshirt, ich entscheide mich für die Größe XL, die bequemer zu tragen ist. Ein Ami fragt woher ich komme – „wow, Vienna, far away, pls make a note on the board“ – mache ich gerne und vergesse auch nicht den Pfeil auf HDSPORTS. Bis 20 Uhr ist offen, dies nun schon seit dem 22. Nov., der lokale Andrang bei den kürzeren „Nebenbewerben“ 10 km, 5 km und 2.5 km for fun ist vielleicht größer als beim Marathon – ein Halber wird hier nicht angeboten (wie beim VCM zum Auffüllen der Teilnehmerzahlen). So steht mir morgen ein unbeschwerter Tag zur Verfügung, den ich gut nutzen möchte mit einem Rundgang eines Teils der Laufstrecke und Baden im Meer.

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Der Marathonverlauf

 In arabischen Ländern ist bekanntlich der Freitag der Ruhetag, wie bei uns eben der Sonntag. Der 3. Abu Dhabi Marathon findet am 26. Nov. 2021 an einem Freitag statt. In früheren Jahren bin ich oft einen Doppler gelaufen, also den ersten Marathon an einem Samstag und dann Hunderte Kilometer gefahren, um am Sonntag in einem anderen Land den nächsten zu bestreiten. Das ginge sich diesmal auch aus, mit einem Flug nach Bologna und dann mit dem Tren Italia nach Firenze zum maratona. Doch bei mir ist der Saft draußen, die Schäden an den Knien haben auch meine Motivation und den Glauben verringert, die Sturm- und Drangjahre beim Hobbymarathonlaufen je wieder aufleben lassen zu können. Für mich ist der heutige Marathon die Möglichkeit, 10 Tage Urlaub in der Sonne mit einem Lauf zu verbinden. Einen Länderpunkt kann ich hier nicht machen, den Marathon in Dubai bin ich schon vor Jahren gelaufen, damit sind die VAE abgehakt.

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Das Lunchpaket als Ersatz fürs tolle Buffetfrühstück enthält nur Süßes, daher stelle ich mir selbst etwas Nahrhaftes zusammen – ich erwähne gerne, dass ich stets bemüht bin, in Hotels den zumeist vorhandenen Kühlschrank aufzufüllen. Um 5 Uhr mache ich mich auf dem Weg zum Startareal an der Corniche vom Hotel kaum 800 m entfernt. Die Beleuchtung auch zum Zeichen der 50 Jahresfeier des Bestandes der 7 Emirate ist üppig, die Lufttemperatur beträgt 22 Grad. So könnte man es aushalten, aber die Wüstensonne wird bereits ab 9 Uhr, 3 Stunden nach dem Start, voll ihre Wirkung gemäß Breitengrad entfalten, dann wird es eine harte Sache werden – ich wundere mich über mich, warum ich darüber vorher nicht nachgedacht habe.

Ich bin dem Block E zugeteilt, man konnte sich selbst seinen auswählen, aber mit der angegebenen überoptimistischen 5:30 h Finisherzeit reicht es nur für den letzten Block. Der Nachteil zeigt sich bald nach dem Start, alle in der Gruppe E verlieren mehr als eine Viertelstunde, die zwar dann bei der Berechnung der Nettozeit abgezogen wird – wie üblich – aber als Richtzeit für die Schließung der Rennstrecke und deren Freigabe für den Verkehr gilt vielerorts die Bruttozeit.

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In der letzten Gruppe erblicke ich auf zwei finnische Kollegen des Country Marathon Club – für Esa und Unto ist der heutige Marathon ein Länderpunkt. Es ist 3 Jahre her, da habe ich mir beim Bangkok Midnight-Marathon Sorgen gemacht, ob der 2 Jahre ältere Unto unter 6 h finishen könnte – die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch – es ging sich für ihn knapp nicht aus, aber man hat die Langsamen trotzdem gewertet. Und heute könnte es mir so gehen, mal sehen, wie ich zurechtkomme.

Ich versuche die ersten Kilometer etwas schneller anzugehen. Esa und Unto halten sich zurück, beide leben in dem Glauben, dass ich sozusagen schneller bin – wie das in früheren Jahren unter uns Langsamen gegenseitig registriert wurde. Aber nach ca. 3 km holen sie mich ein und ziehen vorbei, vermutlich etwas überrascht, dass ich nicht mit 7:30 min/km mithalten kann oder will. Einen Hoffnungsschimmer bekomme ich trotzdem als ich merke, dass ich wieder mehr Antritt mit dem rechten Bein habe, daher etwas Tempo zulegen kann. Das sollte ich noch nutzen können.

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Auf der Website wird der Marathonkurs in einer Animation gezeigt, auffallend die vielen Wenden eigentlich auf engstem Raum. Bei der Pressekonferenz auf der Expo hat ein Verantwortlicher erklärt, dass man sehr schnelle Läufer/innen aus Afrika eingeladen hat, die vielleicht den Streckenrekord brechen könnten. Auch die Siegerpreise sind hoch: vom Ersten bis zum Dritten gestaffelt 50.000. 20.000 und 10.000 US$ bei Männern und Frauen gleich, bis zum 10.Platz bei den Eliteläufern werden Prämien vergeben.

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Mehr und mehr Läufer/innen schließen zu mir auf, nach 4 km dreht der Kurs nun nach Osten, in einer Schleife geht es auf der anderen Straßenseite wieder zurück und dann erneut nach Norden entlang der Corniche. Noch laufen wir im Finstern, im künstlichen Licht nimmt man die Akteure nur unscharf,  konturenhaft wahr. Bei der 5 km-Markierung blicke ich auf die GPS-Uhr, 38 min sind ok, ich könnte noch zulegen. Aber der anderen Straßenseite winken mir die Voranliegenden zu, als ich mich ihnen straßenmittig wegen der Schnappschüsse nähere. Der in kurzen Schleifen angelegte Kurs beim Qasr al Hosn könnte bei so manchem eine Drehwurmparanoia auslösen, überspitzt gesagt, bin ich froh, dass wir irgendwann bei Kilometer 8 wieder an die Corniche vom Ausflug in östliche Stadtviertel zurückkommen. Dann geht es nun ein kurzes Stück wieder nach Norden mit Gegenverkehr auf der anderen Straßenseite – auch Esa und Unto winken rüber, sie haben vielleicht einen Kilometer Vorsprung auf mich und bewegen sich bereits wieder nach Süden zurück bei einem leichten Abwärtsgefälle.

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Inzwischen ist der neue Sonnentag längst erwacht, als ich zur 10 km-Anzeige komme, wird gehupt, ein Einsatzfahrzeug kündigt die Führenden an. Schnappschüsse gelingen diesmal, es ist ja genügend Platz und die Lichtverhältnisse sind gut. Der Marathonkurs führt nun rüber zur Marina, hier gibt es einige schöne Abschnitte, die zum Verweilen einladen, würden wir nicht läuferisch unterwegs sein. Ich probiere wieder etwas, was ich früher gut beherrscht habee: schnell gehen und bis 20 zählen, dann ca. 100 m „sprinten“ – früher mit einer 5er-Zeit, jetzt schaffe ich 6:30 min/km. So überhole ich nach und nach einige Läufer/innen, die mich unbewusst schon abgeschrieben haben. Die Marathonstrecke im Marinaabschnitt ist wieder als Schleife angelegt, Esa und Unto kommen mir bei Kilometer 16 entgegen. Mit einem Philippino namens Antonio komme ich ins Gespräch, er trägt Winterlaufkleidung und ist triefend nass, aber auch er beherrscht die Methode Gehen mit Laufen zu verbinden. Wir laufen eine Zeitlang bis zum Halbmarathonmarke zusammen, die wir beide knapp unter 3 h brutto passieren.

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Der Kurs führt nach einer Passage vorbei beim Adnoc Tower in westliche Richtung bis zur Wende bei Kilometer 24. In einer Schleife geht es zurück. Mein Optimismus ist weggeschmitzt, trotz Sonnenkappe setzt mir die Hitze zu, ich muss kurzfristig sogar innehalten und mir Wasser über den Kopf schütten. Antonio lacht und zieht schwitzend, aber gut gelaunt (bei 160 m Körpergröße und 80 kg) davon. Bei der 27 km-Anzeige ist wieder eine volle Schleife (man kommt zum Ausgangspunkt zurück und setzt in die ursprüngliche Laufrichtung fort) eingebaut – bei der Labe gibt es kein Wasser mehr, gar keine Flüssigkeit, ich finde eine halbleere Flasche mit einem Isogetränk, die ich mir über den Kopf schütte. Beim Singapurmarathon Anfang Dez. 2018 ging es mir ähnlich, nur hatte es dort 90% Luftfeuchtigkeit, hier in der Wüste wird die Sonneneinstrahlung durch keine Wolke gedämpft.

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Endlich sind wir wieder an der Corniche, nur fehlt das kühle Lüftchen vom Meer, bei Kilometer 29 geht es wieder nach Norden. Glücklich sind die, welche uns nun auf der anderen Seite entgegenkommen, sie werden heute um 4 h finishen. Ein Kilometer kommt mir heute länger als sonst vor, woran liegt das wohl? Es könnte am leichten Anstieg des Strecke nach Norden liegen oder an der Hitze, die die Sinne trübt. Fürs Fotografieren habe ich keine Reserven und keinen Geist mehr, jetzt geht es ums Vorankommen. Hinter mir sind noch einige Dutzend, die auch gegen die Hitze ankämpfen und wie ich den Willen zum Finish haben – bis dann bei Kilometer 33 ein Streckenauto nachkommt und der Fahrer einige Einheimische anspricht, um mitzuteilen, dass man zeitgerecht den Kurs schließen werde. Die Läufer/innen mögen sich auf die Gehsteige begeben, die Barrieren und Pylonen werden demnächst abgebaut. Meine Uhr zeigt 5:17 h an, 9 Kilometer konnte ich früher locker in einer Dreiviertelstunde im Training laufen, wenn man nach 6 h wirklich zumacht, dann nehmen die Veranstalter es eben sehr genau. Ich versuche an der kleinen Gruppe dran zu bleiben, doch die Frauen bekommen Unterstützung durch einen Radbegleiter und postierte Helfer, die sie mit Getränken versorgen. Ohne die verdammte Hitze hätte ich sicher zulegen können, ich werde wohl noch eine Stunde bis ins Ziel brauchen. An den Versorgungsstellen gibt es kein Wasser mehr, wohl aber eingeschweißte Datteln und ein Überangebot an Gels, die man ohne Flüssigkeit bei ausgetrockneter Kehle schwer schlucken kann. Was mich irritiert, sind die vielen nachkommenden Walker mit der gelben Marathonstartnummer – sie alle gehen fest davon aus, dass auch sie noch finishen und eine Medaille bekommen werden.

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Bei der 40km-Anzeige kommt mir eine Amerikanerin entgegen, die mich anfeuert. Sie erwähnt, dass man im Ziel auf alle warten würde und ich mich beeilen soll. Zwei Läufer kommen nach, ich lasse sie bei Kilometer 41 ziehen, ich schone meine letzten Kräfte. Nach 6 ½ Stunden trabe ich beim Adnoc Tower ins Zielareal. Esa und Unto erholen sich auf beigestellten Sesseln, ich setze mich dazu. Wahnsinn, die beiden haben sich ihren Länderpunkt heute im Schweiße ihres Angesichts schwer erarbeitet und so redlich verdient. Pandi aus Indien, Mitglied wie ich beim Club Supermarathon Italia, mit 500 Marathons ein erfahrener Sammler, drängt auf ein Gemeinschaftsfoto. Antonio, der Philippino kommt zu uns rüber, er erzählt dass in seiner Familie seit 4 Generationen dieser Name „vererbt“ wird. Ich bleibe länger als die Finnen sitzen, innig freue ich mich auf das Bier an der Hotelbar.

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Gibt es ein Resümee?

Für einen Länderpunkt würde ich in Abu Dhabi wieder starten, nicht aber aus purer Freude am Laufsport. Vielleicht auch wenn man den Marathon mit einem Urlaub kombinieren kann, extra anreisen würde ich nicht mehr. Warum? Weil der Lauf zur falschen Jahreszeit stattfindet, im Jänner hat es hier nur 20 Grad C, der Dubai Marathon ist in diesem Monat angesetzt. Allerdings gibt es eine Einschränkung: ein 3h-Finisher kommt hier bestens zurecht, wenn er ins Ziel einläuft, ist die Sonne noch erträglich.

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Der Kurs selbst ist wegen der vielen Drehungen eine Verlegenheitslösung, Sehenswürdigkeiten werden eigentlich ausgespart. Nur bietet Abu Dhabi auch viel weniger als Dubai als Entertainment-Paradies des arabischen Raumes.

Das Preis-/Leistungsverhältnis ist ok, ca. 80 Euro Startgeld inkl. Shirt entsprechen der Norm. Leider kommt es bei der Getränkeversorgung mit Fortdauer des Marathons zu einem Engpass, Datteln und Gels bleiben zuhauf übrig.

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Positiv für mich vermerke ich eine Besserung der Belastungsmöglichkeit meines kaputten rechten Knies. Wenn ich wieder den Fuß nur mehr mit leichtem Schmerzgefühl abstoßen kann, kommt Hoffnung auf bessere („schnellere“) Zeiten auf.

Siegerliste Männer:

1.Titus EKIRU (KEN) – 2:06:14

2.Alphonce Felix SIMBU (TAN) – 2:07:50

3.Reuben Kiprop KIPYEGO (KEN) – 2:08:25

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Reihung bei den Frauen:

1.Judith Jeptum KURIR (KEN) – 2:22:30

2.Eunice Chebichii CHUMBA (BRN) – 2:26:01

3.Immaculate CHEMUTAI (UGA) – 2:28:30

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1173 Finisher beim Marathon (924 Männer, 249 Frauen inkl. EliteläuferInnen);  61 Marathon-Zweierstafeln (41 bei den Männern, 20 bei den Frauen): 10 km-Lauf (1916 Männer, 911 Frauen)

Weitere Fotos vom Abu Dhabi Marathon


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