Ein letzter Lauf ins Licht – Die Tragödie um die Marathon-Ikone
Die Welt des Laufsports steht still. Fauja Singh ist tot. Der Mann, der sinnbildlich gegen die Zeit lief, wurde am 14. Juli bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst – und mit ihm wurde ein ganzes Zeitalter ausgelöscht. Der Marathonlauf war für ihn Bühne, Schicksal und Vermächtnis zugleich.
Die Meldung traf die Langstreckenszene mit voller Wucht. Nicht, weil sie überraschend war – sondern weil sie weh tut. Denn mit dem Tod dieses Ausnahmeläufers stirbt nicht nur ein Mensch, sondern ein Kapitel Sportgeschichte. Offiziell soll Singh 114 Jahre alt gewesen sein – ein Alter, das ebenso sagenumwoben ist wie sein Weg auf die ganz großen Laufbühnen dieser Welt. Und trotzdem, oder gerade deshalb: Er wurde zur Legende.
Vom Schatten ins Rampenlicht – und weiter ins Licht
Niemand hatte mit ihm gerechnet, als er in den 1990er-Jahren aus dem ländlichen Indien nach London kam. Witwer, Vater verstorbener Kinder, gebrochen von Trauer – aber voller innerer Glut. Die Geschichte, die dort begann, fand ihren emotionalen Höhepunkt beim Scotiabank Waterfront Marathon im Jahr 2011. Im biblischen Alter von 100 Jahren beendete Singh den Lauf. Ein Mensch. Ein Jahrhundert. Eine Marathonzeit von 8:25:17.
Doch das war nicht sein erster großer Coup. Schon mit 92 Jahren lief er in Toronto 5:40:04 – ein Weltrekord für über 90-Jährige. Und immer wieder stand da dieser kleine, gebeugte Mann mit dem weißen Turban, die Hände zum Himmel, das Gesicht in Tränen – nicht vor Schmerz, sondern vor etwas, das wir nur schwer begreifen: tiefe, stille Freude.
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Der Marathon war sein Herzschlag
Es war Toronto, das Singh zum ewigen Symbol des unerschütterlichen Willens machte. Nicht London, nicht New York – sondern der Waterfront Marathon in Toronto, bei dem er mehrfach startete, auch als 101-Jähriger. Selbst als seine Zeiten langsamer wurden, sein Gang schwerer – sein Wille blieb ungebrochen. Dort, wo andere längst resignieren, lief er weiter. Meter für Meter, Jahr für Jahr, Leben für Leben.
Viele warfen Fragen auf: War er wirklich so alt? War sein Pass echt? Warum gibt es keine Geburtsurkunde? Doch all das verblasst hinter der Wahrheit, die auf der Strecke lag. Singh lief. Und wie er lief. Über 10 Marathons. In offiziellen Wettbewerben. Unter den Augen der Welt. Und mit einem Lächeln, das Hoffnung war für viele – für Alte, für Migranten, für alle, die an Grenzen glauben.
Ein Leben im Lauf, ein Tod in der Stille
Wie tragisch, dass dieser Mann nicht bei einem letzten Lauf, sondern bei einem Spaziergang starb. Die Straße, sein ständiger Begleiter, wurde ihm zum Verhängnis. Der Tod kam nicht durch Erschöpfung, sondern durch das Schicksal, das keinen Rhythmus kennt.
Doch eines bleibt sicher: Der Scotiabank Waterfront Marathon hat in Fauja Singh seinen größten Helden verloren – und wir alle einen Leuchtturm der Hoffnung. Dort, wo einst seine Schritte hallten, bleibt nun ein Echo voller Wehmut. Vielleicht hört man es jedes Jahr im Oktober, wenn der Startschuss fällt und jemand leise sagt: „Für Fauja.“
Ruhe in Frieden, Lauf-Legende. Du hast das Unmögliche möglich gemacht.
Foto: © HiraV, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
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