Es ist erst die 9. Edition des Tirana Marathon. Wie mir von einem Südtiroler Läufer berichtet wurde, ging es bei den ersten Marathons ziemlich chaotisch zu.
Es sollte aber heuer nach 8 Jahren reichlich Erfahrung geben. Leider verlief nicht alles reibungslos. Aber dazu komme ich später.
Ich bin ein Ländersammler. Die EU-Länder habe ich komplett erlaufen. In Europa sind nur noch 10 Länder offen. Am Balkan fehlen mir Nordmazedoniern und Albanien. Beide Länder veranstalten Marathons im Oktober. Ich habe mich für Tirana entschieden, weil ich einen günstigen Flug mit einem Billigflieger buchen konnte. Das ist für mich ein wichtiges Kriterium. Als Rentner kann ich mir die teuren Flüge der Standardairlines nicht mehr leisten. Nächstes Jahr werde ich Skopje nachholen. Da werde ich aber noch sparen müssen. Es gibt keinen Billigflieger für diese Destination.
Kosovo wo Albanien beginnt
Vor 2 Jahren bin ich in Pristina der Hauptstadt von Kosovo gelaufen. So ist mir die Mentalität der Albaner nicht unbekannt. Auch deshalb nicht, weil eine mir sehr lieb gewonnene Arbeitskollegin aus dem Kosovo stammt. (Kosovo-) Albaner lieben ihr Land. Die Serben finden das nicht gut. Es kommt häufig zu Grenzkonflikten. Heute träumen die Leute immer noch von einem Großalbanien. Das wird ein Traum bleiben. Aber Mutter Teresa wurde in Skopje, Nordmazedonien geboren, hat im Kosovo gelebt und wird von unserem Stadtführer als echte Albanerin bezeichnet. Gedanklich gehören die 3 Länder zusammen.
Wichtiger Hinweis: Dieses Buch macht dich zum besseren Läufer
Ein geschichtlicher Rückblick
Im Geburtsjahr von Mutter Teresa 1910 gehörte Albanien (inkl. Kosovo und Nordmazedonien) noch zum osmanischen Reich. Im Jahr 1912 wurde Albanien als Fürstentum unabhängig. Im 20. Jahrhundert wird Albanien von Fremdmächten und Diktatoren beherrscht. Besatzungen von Italien und Nazideutschland folgen Diktatoren wie Enver Hoxha und selbsternannte Könige wie Ahmet Zogu. Beim Marathon werden wir auf den ersten 4 Km (und in der zweiten Runde km 21-25) den nach ihn benannten Boulevard Zogu laufen.

Albanien suchte nach dem Krieg immer wieder nach Partnerschaften mit kommunistischen Ländern anfangs mit Jugoslawiens Tito, dann Stalin und Chruschtschow, es folgen Mao Tse-Tung und Fidel Castro. In den diktatorischen Regimen war das Land isoliert. Niemand durfte raus, keiner durfte rein. Mit den freien Wahlen im Jahr 1991 begann die Unabhängigkeit. Aber nur eingeschränkt. Albanien sucht weiterhin nach Partnerschaften, je nachdem wer am meisten zahlt. Beispielsweise die USA. Es gibt eine nach George Bush benannten Boulevard. Oder mit der Türkei. Letztes Jahr wurde eine von Erdogan gespendete Moschee eröffnet. An dieser Moschee werden wir kurz vor dem Ziel vorbeilaufen. Ich habe auch ein bisschen den Eindruck gewonnen, dass hier immer noch das osmanische Reich als Kleintürkei weiterlebt.

Widersprüchlich für mich ist auch, dass im Jahr 1997 mitten in der Stadt ein riesige Gedenkpyramide für den verhassten Diktator Enver Hoxha erbaut wurde. Dieser Pyramide werden wir auf unserer Marathontour zwei Mal begegnen. Seit einigen Jahren schießen auch zahlreiche archetektonisch interessante Hochhäuser aus dem Boden. Unser Stadtführer weiß nicht genau, wer diese finanziert. Bei den Autos ist es einfacher. Jedes fünfte in Albanien zugelassene ist ein Mercedes. Das Land öffnet sich auch in Richtung EU mit einem Beitrittsantrag vor einigen Jahren und seit 7 Jahren läuft das Aufnahmeprocedre. Man möchte bis 2030 EU-Mitglied werden. Korrupte Machenschaften sowohl in der Wirtschaft als auch in der Regierung sind das größte Hindernis für einen Beitritt. Heute
Das Chaos beginnt schon bei der Anreise
Tirana liegt in einem Talbecken umgeben von Bergen. Das ist ideal für den Winter. Es gibt praktisch nie Schnee oder Eis. Im Sommer erhitzt sich das Becken auf bis zu 50°C im Schatten. Und im Herbst liegt oft ein dichter Nebel über der Stadt. Das mussten wir leidvoll miterleben. Die Landung lief schief und der Pilot musste wieder durchstarten. Wir sind dann im Bulgariens Hauptstad Sofia gelandet. Ein Rückflug nach Tirana hat sich um 4 Stunden verzögert, weil auf eine andere Flugmaschine gewartet werden musste. So sind wir erst spätabends im Hotel angekommen. Vorausschauend haben wir schon die Anreise für Freitag gebucht. Damit hatten wir noch einen ganzen Tag für die Marathonvorbereitungen.
Skanderbergplatz, dort wo der Marathon beginnt
Für die Nächtigung buche ich immer ein Quartier möglichst nahe zum Start oder Ziel des Marathons. Wie der Name unseres Center Hotels schon erahnen lässt, haben wir es bis zum zentralen Hauptplatz nicht weit. Dort am riesigen Skanderbergplatz wird die Marathon Expo aber auch das Start- und Zielgelände für alle Laufdistanzen sein. Der Platz ist umgeben von Volkskundemuseum, Oper, der alten Moschee und in der Mitte steht die gewaltige Reiterstatue des Fürsten Skanderberg. Unter seiner Führung haben sich die Albaner im 15. Jahrhundert von den Osmanen kurzzeitig befreit. Ein wahrer Held und ein adäquates Vorbild für uns Marathonläufer. Und wer ein geistliches Bedürfnis hat, der hat die Qual der Wahl, zahlreiche Gottestempel wie Moscheen, katholische, evangelische, albanisch- und griechisch- orthodoxe Kirchen, sogar die Zeugen Jehovas laden dazu ein. Die Albaner sind nicht sehr gottesfürchtig. 51% der Bevölkerung sind Muslime aber nur etwa 10% davon gläubig. Es gibt daher auch kaum Konflikte zwischen den Religionen.

Stadtführung mit viel Überbleibsel aus der kommunistischen Zeit
Wir besichtigen bei unserer Stadtführung die neue von Erdogan finanzierte große Moschee und die neue griechisch-orthodoxe Kirche. Aber auch Bauten, die im Hoxha Regime und Kommunismus eine Rolle spielten, wie die Pyramide, private Villa von Hoxha, Regierungsgebäude und Bunker. Letzterer ist einer von mehr als 200.000 Bunkern, die der paranoide Hoxha im ganzen Land bauen ließ. Die meisten sind inzwischen dem Erdboden gleich gemacht. In Tirana gibt es noch 2 davon. Diese werden als Museum über die Errungenschaften der kommunistischen Zeit genutzt. Beim Marathon werden wir mehrmals an diesen „Sehenswürdigkeiten“ vorbeikommen.

Verwirrung beim Start
Waren die ersten beiden Tage regnerisch und kühl, kündigt sich beim ersten Blick aus dem Fenster ein wunderschöner Tag an. Ich hoffe nur, dass die Temperaturen nicht über 20°C ansteigen wird. Ich bin kein Hitzeläufer und fühle mich zwischen 10 und 15°C am wohlsten. Der Weg zum Marathonstart ist kurz und ich genieße die Sonnenstrahlen. Das Starterfeld ist international. Auf der Promenade zum Ziel sind mindestens 50 Länderfahnen gehisst. Am Vortag finde ich auch die Österreichische. Ich habe im Vorfeld die Datenbank von Marathon Austria durchgesehen und konnte bisher nur 2 Finisher in Tirana finden. Der Start für die Marathonläufer wird nicht wie angekündigt um 9:00 Uhr, sondern erst um 9:15 Uhr sein. Immer dann, wenn die Startzeit kurzfristig geändert und beim Start nicht angesagt wird, wird es chaotisch. So starten einige Marathonläufer gemeinsam mit den 10 Km Läufern um 09:00 Uhr und drehen teilweise verwirrt um oder laufen unverdrossen weiter. Sie sollen alle in die Wertung kommen. Ich treffe kurz nach dem Start meinen ehemaligen Clubkollegen Jürgen. Er ist einer der Irrläufer. Für ihn wird der Marathon um etwa 3,5 km länger sein.

Es geht in die erste Runde
Auf ersten hin und retour Schleife am Boulevard Ahmet Zogu bin ich nach einem kurzen Boxenstopp der Letzte auf der Strecke. Aber ich hole auf und schlucke den einen oder anderen Halbmarathonläufer. Leider ist eine beim Graz Marathon erlittene Wadelzerrung nicht ganz verheilt und ich hatsche im gemächlichen Tempo dahin. Ich treffe beim Überholen auf eine Läuferin des LC Auensee Leipzig. Sie ist auch eine Ländersammlerin. So wie ich wird sie es knapp innerhalb des Zeitlimits ins Ziel schaffen. Wir kommen zurück auf den Ring um den Skanderbergplatz. Die erste Verpflegungsstation serviert Wasser in Plastikflaschen. Das Leitungswasser in Tirana ist ungenießbar, wie uns der Stadtführer am Vortag gewarnt hat. Außer Wasser wird es bei den weiteren 15 Stationen nix geben. Ich habe vorgesorgt und meine eigene Flasche Powerade mit. Ich erspähe meine Frau. Sie jubelt und fotografiert. Ich werde sie heute noch öfter sehen.

Angenehmes Laufen auf breiten Straßen und Boulevards
Die sternförmig angelegte Strecke (insgesamt fünf hin und retour Schleifen) erfordert eine großräumige Absperrung der Innenstadt. Wir laufen ohne Verkehr auf den Hauptstraßen dieser Stadt und kommen immer wieder auf den inneren Ring zurück. Erst nach 15 km erreichen wir den Tirana Lake Park. Jetzt müssen wir einige Höhenmeter hinauflaufen. Meine Garmin wird am Ende rund 400 HM ausweisen. Die schnelleren Läufer kommen schon von ihrer 4 Km Runde um den See zurück. Wir laufen auf einer neu gepflasterten Rundstrecke gesäumt von frisch gepflanzten Bäumen und Sträuchern. Es ist die grüne Lunge von Tirana. Dort können sich die Einwohner in zahlreichen Freizeiteinrichtungen erholen. Am Sonntagmorgen sind wir allein unterwegs. Trotzdem stehen alle 200m Parkaufseher, die uns Läufer vor den nicht vorhanden Zuschauermassen abschirmen sollen. Sie werden den ganzen Tag dort stehen und nichts zu tun haben. Ein ruhiger Job. Für mich ist es schwierig einen unbeaufsichtigten Boxenstopp einzulegen. Es gelingt. Dann verlassen wir den Park zurück und kommen auf die letzten 2 Km bis zum Ziel.

Hitzelauf in der 2. Runde
Dort haben wir Marathonläufer die Hälfte der Distanz geschafft. Wir gehen in die 2. Runde. Die Sonne scheint unbarmherzig herunter. Ich hätte eine Schirmkappe mitnehmen sollen. Meine Augen brennen vom Schweiß. Auf den folgenden 5 Begegnungstrecken kann ich einige Marathonläufer überholen und Abstand zu meiner deutschen Ländersammlerin gewinnen. Viele Marathonneulinge sind es eindeutig zu schnell angegangen, einige davon werden es nicht ins Ziel schaffen. Ich bin gut in der Zeit und sollte das Zeitlimit von 5:45 Stunden locker schaffen. Aber die Hitze macht mir zu schaffen. Die deutsche Ländersammlerin kommt immer näher. Ich reiße mich zusammen und versuche, noch ein bisschen schneller durch den Park zu hatschen. Durch die Schmerzen im linken Wadel belaste ich einseitig. Jetzt spüre ich auch den rechten Wadel. Wann kommt endlich der Parkausgang? Die Uhr zeigt 5:25. Die letzten beiden Kilometer liegen vor mir. Es müsste sich knapp vor Zielschluss ausgehen.

Chaos auf den letzten Metern
Vor mir laufen 2 Studenten ihren ersten Marathon. Ich kann fast aufschließen. Dann werden wir urplötzlich von Polizisten auf die Gehsteige getrieben. Sie werden doch nicht vor dem Zeitlimit den Verkehr öffnen? Leider ja. Auf Nebenwegen verliere ich die Orientierung. Ich kann zum Glück meine beiden Studenten sehen. Ich folge ihnen durch das Chaos. Wir müssen mehrmals die Straßen queren. Die Albaner sind absolut verrückte Autofahrer. Gott sei Dank geht alles gut. Mit meiner Orientierungshilfe komme ich unverletzt auf den Hauptplatz und kann jubelnd 2 Minuten vor dem Zeitlimit einlaufen. Es stehen noch 3 junge Mädels und eine Judge im Ziel. Ich bekomme meine Medaille und bin überglücklich. Meine deutsche Ländersammlerin kommt unmittelbar hinter mir ins Ziel. Sie ist auch ziemlich erschöpft. Ich war ihre Orientierungshilfe. Sie musste so wie ich auf den letzten Metern Vollgas geben. Eigentlich hätten wir 6 Stunden ab Start um 09:00 Uhr zur Verfügung haben sollen. Aber mit der Verschiebung des Marathonstarts auf 09:15 Uhr hat sich das Zeitlimit entsprechend reduziert. Das ist zahlreichen Läufern zum Verhängnis geworden. Insgesamt werden mehr als 30 Läufer als DNF (did not finish) angezeigt.

Resümee:
Meine Frau resümiert konsequent, einmal Tirana und Albanien ist genug. Ich bin nicht der Meinung. Mir hat die Stadt trotz ihrer Wiedersprüche gefallen und das Land soll landschaftlich sehr schön sein. Mein Freund war vor ein paar Jahren auf Studienreise und von der Vielzahl an interessanten Kulturstätten begeistert. Auch die Marathonstrecke kann als abwechslungsreich bezeichnet werden. Die Leute sind freundlich und hilfsbereit. Aber ob ich wiederkomme? Es sind noch acht Länder in Europa offen.
- Startgebühr: € 40,- inkludiert ein Baumwoll- und ein Race-Shirt
- Verpflegung: alle 2,5 km, ausschließlich Wasserflaschen, kein Iso, kein Obst
- Strecke: Großteils auf breiten Straßen und Boulevards, 2 Runden für den Marathon, rund 400 HM
- Insgesamt mehr als 3500 Teilnehmer (10km, HM und Marathon)
- 193 Teilnehmer auf der Marathondistanz, davon 166 Finisher
- Sieger Männer: Benard Kiprotich Too in 2:21:33
- Sieger Frauen: Chelangat Sang in 2:39:19


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