Es geht nun in die zweite Hälfte
Der Commander erklärt uns den weiteren Richtungsverlauf der Marathonstrecke, sie führt nach Westen. Sobald wir als Nachhut in Kasese angekommen sind, verläuft der Kurs zunächst über einen Kreisverkehr. Es geht drei Kilometer bereits leicht ansteigend durch die Stadt und nahe am späteren Zielbereich vorbei. Bald darauf beginnt die Straße jäh und steil anzusteigen.

Meine Laufkollegen liegen etwas vor mir, aber noch in Reichweite, sodass ich sie problemlos einholen kann. Daggan jedoch bemerkt, dass das Tempo heute für uns Letzten beinahe mörderisch schnell ist – angeführt vom Commander, der mal vornewegläuft, aber meist als Antreiber hinten im Feld unterwegs ist. Mehrfach versucht Daggan, die Steigung laufend zu bewältigen, aber er kann das hohe Tempo nicht lange durchhalten.

Unterdessen begegnen uns ab Kilometer 25 immer mehr Halbmarathonläufer mit grünen Startnummern. Immer wieder kommen auch relativ schnelle Marathonläufer in Rot vorbei, die bereits die Wendemarke bei Kilometer 30 passiert haben. Ich erblicke auch Edit Kiss, sie liegt mehrere Laufminuten vor ihrem Mann Janos, der auch zehn Jahre älter als sie ist. Nur die Allerschnellsten bis vielleicht zu den 3:30-Stunden-Finishern sind längst nicht mehr zu sehen – sie sind bereits im Ziel.

Wie viele Walker bei Kilometer 30 noch hinter mir sind, lässt sich nicht ausmachen, auch wegen der zahlreichen Kurven beim Anstieg. Daggan ist mit einer Läuferin etwa 50 Meter vor mir unterwegs; die beiden haben sich scheinbar viel zu erzählen. Der Commander hält sich mit Vorliebe an meiner linken Seite auf – sein etwas zu schneller Schritt und sein andauerndes Reden stören mich. Er erzählt mir, dass die Bananenhaine links der Straße in Privatbesitz seien, genau wie die neu gebauten Häuser.

Allerdings kämen nur Beamte der Regierung in deren Genuss. Zudem habe es in den letzten Jahren tagelange und sehr starke Regenfälle gegeben, die Erdrutsche und Überschwemmungen verursacht hätten. Zur Rechten sieht man tief unten eine völlig ausgetrocknete, steinerne Landschaft. Ein breites, trockenes Flussbett zieht sich durch die Talsohle des River Nyamwanga. Wegen der brutalen Abholzung dürfte das Wasser sintflutartig von den Hängen gestürzt sein.

Nun werde ich zum zweiten Mal von einer Tanzgruppe am linken Straßenrand angesprochen – diesmal schickt mich der Commander als armes Opfer vor. Aber den Rhythmus finde ich auch hier nicht; ich mache mir nichts daraus und sehe es als willkommene Chance, mich ein wenig bei den Tanzbewegungen auszuruhen. Das Gehtempo des Commanders von knapp zehn Minuten pro Kilometer ist mir zu hoch – es scheint, als wolle er das Rennen so rasch wie möglich beenden. So gesehen muss man seine Kondition bewundern: Er trägt schwere Geländeschuhe, eine lange Hose aus dicker Baumwolle und ein langärmeliges Hemd. Er erzählt, dass er während seiner Ausbildung zweimal pro Tag 10 km als Training gelaufen sei – mit 6 min/km (zwar nur Joggingtempo, aber für mich längst nicht mehr zu schaffen).

Wir nähern uns der Wendemarke. Die Marathonstrecke, die teilweise auch für die Halbdistanz genutzt wird, geht nun bergab. Es sind nur mehr einige wenige Nachzügler auf dem Kurs anzutreffen. Der Polizeibesenwagen fährt etwa 20 Meter hinter mir und dem Commander her. Der sogenannte mobile Tracker ist auch da – wieder fragt er mich nach meiner Startnummer, die er eigentlich gut sehen müsste, da ich sie vorne trage. Daggan und seine Begleiterin warten auf mich; eine Zeit lang sind wir nun wieder vereint.

Schön wäre es, wenn der Rückweg kontinuierlich bergab verlaufen würde – aber nein, es gibt immer wieder giftige Gegenanstiege, die Kraft kosten. Ich versuche, mit der Kleingruppe mitzukommen. Jetzt sehe ich auch zwei weitere Nachzügler, gut drei Kilometer hinter uns. Der Commander notiert sich ihre Nummern; ich wünsche ihnen, dass sie noch in die Wertung kommen.

Bei Kilometer 40 machen wir wechselweise Fotos, dann geht es nur mehr bergab durch die Stadt ins Ziel in der Stanley Street.

Der Commander läuft neben mir – er gibt mir das Zeichen, die letzten zwei Kilometer wenigstens langsam zu laufen, das sieht sportlicher aus. Viele Zuschauer stehen an der Hauptstraße und applaudieren. Eine Zeitnehmung, etwa eine Matte am Boden, sehe ich keine. Noch gibt es genügend Medaillen; meine wird mir umgehängt. Dem Commander halten sie die symbolische Medaille hin – er ist immerhin an die 25 Kilometer der Marathonstrecke mit uns gelaufen.

Volksfeststimmung im Ziel
Die gesamte Restveranstaltung, besonders nach den Läufen am frühen Nachmittag, verwandelt sich in ein Volksfest. Allerdings fällt auf, dass die vielen Zuschauer wenig bis gar nichts konsumieren. Die übrig gebliebenen Wasservorräte auf den steilen Abschnitten der Marathonstrecke wurden vermutlich von den Helfern mitgenommen. Selbst im für das Publikum gesperrten Zielbereich gibt es nur noch für die Läufer Restflaschen mit 0,5-l-Rwenzori-Wasser. Cola und andere Softdrinks muss man kaufen.
Daggan und seine Begleiterin lassen sich massieren – darauf verzichte ich, denn ich muss dringend einen Bankautomaten suchen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass zwar jeder hier US-Dollar annimmt, aber zu einem sehr ungünstigen Kurs. Privat wird 1 USD oft unter 4000 Uganda-Schilling gehandelt. An einem der ersten Geldautomaten (ATM) hebe ich schließlich 100.000 UGX ab (umgerechnet etwa 30 USD). Dieser Betrag sollte für die Taxifahrt zur Lodge reichen.

Als ich mich seitlich der Absperrung eine Pause gönnen möchte, werden mehrere junge Frauen auf mich aufmerksam und fragen nach einem Selfie. Zwar könnte man dies als große Ehre deuten, doch in Wirklichkeit steht wohl eher der Wunsch nach westlichen Kontakten im Vordergrund. Ich spiele zwar mit und lasse die Situation über mich ergehen, strebe aber keinen weiteren Austausch über WhatsApp an. Stattdessen lade ich die gesamte Gruppe – inklusive der kontaktfreudigen einheimischen jungen Damen – auf eine Runde Tusker Lite ein, jene Biermarke, die als Hauptsponsor der Veranstaltung allgegenwärtig ist. Anschließend verabschiede ich mich von meinen Laufpartnern, insbesondere von Daggan, den ich herzlich einladen würde, sollte er jemals wieder nach Wien kommen.

Morgen geht es dann mit dem Privattaxi zurück nach Entebbe. Dort stehen noch einige Highlights auf meinem Programm: eine Sunset-Tour auf dem Viktoriasee, der Besuch des städtischen Zoos sowie ein Abstecher nach Kampala mit Stadtrundfahrt und dem National Museum inklusive der Folterkammer von Idi Amin.
Siegerliste Marathon:
Übersicht bei den Männern:
1. Bernard CHEPTOCH (UGA) - 02:21:40
2. John Muthui MUSEE (KEN) - 02:21:59
3. Ayeko ANTONY (UGA) - 02:22:11
Wertung bei den Frauen:
1. Rachael Zena CHEBET (UGA) - 02:35:17
2. Chemusto KEREEN (UGA) - 02:35:32
3. Rebecca CHEROP (UGA) - 02:35:48
281 Finisher

Kommentar schreiben