60 Minuten Challenge

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In den letzten beiden Jahren wurde der vom Veranstalter als flach und daher für Anfänger und Laufbestzeiten geeignete Rimini-Marathon an der italienischen Adriaküste in der Emilia-Romagna Corona-bedingt gecancelt. Für die heurige 7. Auflage am 20. März habe ich mich wieder kurzfristig angemeldet.

Mein Hauptmotiv ist diesmal aber die lange Öffnungszeit von bequemen 7 Stunden, wodurch das Finishen für mich endlich wieder einmal ohne Zeitdruck möglich wird. Zwar bin ich bereits 2018 in Rimini gelaufen und kenne daher die Strecke, doch vor 4 Jahren waren meine Knieprobleme noch nicht so gravierend und die 5:15 h von damals bei hohen Temperaturen im April dementsprechend anders zu bewerten.

Etwas beschwerliche Anreise

Nach der etwas strapaziös empfundenen Vielfliegerei zu Marathons in Abu Dhabi, Madeira, Rom (Terni) und Saudi Arabien mit Zwischenstopps in den letzten Wochen und Monaten entschließe ich mich, diesmal wieder mit dem Zug anzureisen (nicht aus Klimaschutzgründen, sondern als Alternative zum Fliegen). Als ich 2 Tage davor am Wiener Hauptbahnhof nach einem möglichen Spar-Bahnticket am Schalter fragen will (am Automaten bekommt man dieses nicht, wohl aber über die OBB-Homepage), drehe ich wieder um, als ich Hunderte ukrainische Kriegsflüchtlinge in einer langen Warteschlange erblicke. Die meisten, die in Wien ankommen, reisen (vor allem mit dem Zug) ja weiter.

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Der Railjet nach Venezia-Mestre am 18. März um 6:25 Uhr in der Früh ist dann erwartungsgemäß vollbesetzt. Österreicher, die zur Arbeit etwa nach Wiener Neustadt fahren, finden kaum Platz. Die Ausnahmesituation bringt es mit sich, dass auch im Ruhewagon, wo ich einen Sitzplatz reserviert habe, viel Lärm produziert wird. Ukrainische Familien, vor allem Frauen mit umherlaufenden und schreienden Kleinkindern, laute Telefonate mit Angehörigen, laute Musik vom Smartphone über WLAN im RJ, sorgen für eine anstrengende 8-stündige Fahrt. Wegen der Kontrollen an der italienischen Grenze in Tarvisio Boscoverde hat der RJ eine 30-minütige Verspätung, nur ganz knapp erreiche ich meinen Anschlusszug in Venezia-Mestre nach Bologna.

Der IC mit Abfahrtszeit nach Rom um 14:34 Uhr ist dann ziemlich leer, ich kann mir den Sitzplatz aussuchen. Der Regionalzug nach Rimini zwei Stunden später dann so voll (mit Menschen, die an einem Freitag von der Arbeit in Bologna in die umliegenden Orte bzw. Städte heimfahren), sodass viele stehen müssen. Inzwischen sieht man mir meine 68 Jahre äußerlich auch an, so nehme ich mir die Freiheit heraus und spreche eine junge, gestylte Frau an, dass ich gerne dort Platz nehmen würde, wo sie ihre schicke Gucci-Tasche abgestellt hat. Den bösen Blick durch ihre Designerbrille ertrage ich mit der Würde des Alters, aber das Sitzen mit angezogenen Beinen mehr als 1 ½ Stunden bis nach Rimini, mit ca. 151.000 Einwohnern schon in den 1960ern ein Zentrum des Badetourismus, ist trotzdem anstrengend. Ich hätte doch lieber den AUA-Flug nach Bologna buchen sollen, den ich aber zwei Tage vor meiner Abreise mit fast 300 Euro alleine für den Hinflug nicht als preisgünstig empfunden habe.

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Alle Hotels nahe dem Bahnhof waren (wohl wegen dem Marathon) ausgebucht, nur Unterkünfte nahe dem Strand von Rimini zuhauf noch frei. Das alternativ für 3 Nächte gebuchte Vierstern-Hotel Villa Rosa Riviera liegt 2 km vom Bahnhof entfernt. Ich spare  mir das Taxi und habe das Bedürfnis nach dem langen beengten Sitzen endlich die Beine zu vertreten, um 18:45 Uhr checke ich ein. Umliegend haben um diese Jahreszeit und nun am frühen Abend schon zahlreiche Lokale, Restaurants, Minimärkte und Souvenirshops geöffnet. In Rimini ist bereits Vorsaison, auch wenn bis zum Frühlingsbeginn noch einige Tage anstehen. Mit einer Pizza in einem Take-away-Lokal mit Sitzgelegenheit stimme ich mich auf die italienische Kost ein. Ein Brasilianer um die 40 mit einem Fußball-Trikot des FCB sitzt am Nebentisch, er wird am Sonntag die 10 Meilen laufen, erzählt er. Er sei aber zur Hauptsache wegen eines Besuchen von Verwandten hier. Mit einem Spaziergang zum nur 100 m entfernten Strand beende ich den langen Anreisetag mit Tagwache bereits um 4:30 Uhr.

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Spaziergang durch Rimini zur Expo

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Meine Vorfreude auf das laut booking.com angesagte Buffetfrühstück im Villa Rosa Riviera trübt sich rasch, als ich die Plexiglaswand vor den Speisen erblicke und zwei Damen nach einem freundlichen „buon giorno“ fragen, was ich denn gerne hätte. Automatisch bestellt man weniger, wenn eine Bedienung die Wünsche aufnimmt. Schnell wird klar, dass sich dadurch das Hotel viel an Essen erspart, Obst ist nicht zu sehen, Wurst und Käse ebenso nicht, stattdessen gibt es Berge von sonst eher in billigen Hotels in Italien verpackten Süßigkeiten. Den Latte macchiato muss ich mir selbst zusammen mischen, die drei Spiegeleier sind nicht ganz durchgebraten. Ich beschließe mir für den Renntag weitere Essensvorräte im nahen Supermarkt Conad zu besorgen.

In vielen Hotels in Italien bekommt man gratis ein einfaches Fahrrad, wenn man es rechtzeitig reserviert. Dass Villa Rosa hat nur E-Bikes zum Mieten, so werde ich heute Ravenna nach 2018 wieder per pedes erkunden. Die Distanzen sind relativ groß, wenn man einen Rundgang zur Expo vorhat. Ich spaziere zum Strand und die Promenade entlang nach Norden bis zur Marina, das sind ca. 2 km. Die Straßensperren wegen der Laufveranstaltung werden auf Tafeln angekündigt, die Sperrgitter sind bereits seitlich der Promenade abgestellt. 2018 hielten sich viele Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger mit Hunden nicht daran, man musste ausweichen und auf die nachfahrenden PKWs aufpassen.

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Der angelegte Kanal von der Adria bis zur Ponte di Tiberio in westliche Richtung ist gut 2 km lang und endet beim Parco 25 Aprile. Hingegen ist der ca. 1 km in nordöstlicher Richtung entfernte fiume Marecchia ein Fluss mit ca. 70 km Länge. Im Altertum hieß er Ariminus und ist Namensgeber der Stadt Rimini. Von der Ponte di Tiberio geht es den Corso Augusto mit vielen kleinen Geschäften und Samstagsspaziergängern in westliche Richtung zum Arco d’Augsto. In unmittelbarer Nähe befinden sich wichtige Sehenswürdigkeiten von Rimini wie bspw. die Chiesa di S. Maria dei Servi aus dem 14. Jh., an der Piazza Malatesta das 1857 eröffnete Teatro Galli (ursprünglich nach dem Stadttheater Vittorio Emanuele II benannt, später wurde es nach dem Komponisten Amintore Galli umbenannt), dahinter das Castel Seismondo (auch als Rocca Malatestiana bezeichnet) aus dem 15. Jh., von dem heute nur der zentrale Kern erhalten ist. Auf halben Weg zum Triumphbogen kommt man zur Piazza Tre Martiri – der Platz der drei Märtyrer ist einer der zentralen Plätze des historischen Zentrums von Rimini, wo angeblich Gaius Julius Cesar vor seinen Legionen sprach. Seinen heutigen Namen erhielt der Platz nach dem Zweiten Weltkrieg als Erinnerung an die Ermordung von drei jungen Partisanen, die am 16. August 1944 dort hingerichtet wurden (Mario Capelli, Luigi Nicolo, Adelio Pagliarani). Weiter geht es zur Chiesa die San Bernadino, eine römisch-katholische Kirche im Barockstil aus dem 17. Jh.

Armband Love Running

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Den Arc d’Augusto sieht man von weitem, wenn man auf dem Corso d’Augusto nach Südwesten zur Expo spaziert. Er wurde 27 v. Chr. vom römischen Senat dem Kaiser Augustus geweiht und ist der älteste erhaltene römische Bogen. Die hier endende Via Flaminia verband Rimini einst mit dem antiken Rom. Schon 2018 war die Expo in Zeltform beim Triumpfbogen aufgebaut, noch bevor die letzten Marathonläufer/innen im Ziel eintrafen, hat man schon mit dem Abbau begonnen.

Ich bin bereits um 13 Uhr dort, Zugang bzw. Einlass bekommt man nur mit dem Nachweis des grünen Passes, also wenn man inzwischen die geforderten drei Teilimpfungen eines in der EU anerkannten Impfstoffes erhalten hat. Ein Ordner legt ein grünes Klebeband um mein rechtes Handgelenk, das ich morgen beim Zugang zum Start vorweisen muss – beim Duschen heißt es daher aufpassen, dass sich das Bändchen nicht infolge zu warmen Wassers löst.

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Entgegen der Verlautbarung auf der Veranstalter-homepage kann man sich nachmelden, alle Registrierten müssen die erhaltene Bestätigung unterschrieben abgeben. Ich sollte erwähnen, dass es bei mir bei der Anmeldung Probleme gab. Der Zahlungsdienstleister ENDU, einer von zahlreichen bei italienischen Marathons, anerkannte meine aufwendige Registrierung zunächst nicht – Grund: der Name auf der Runcard entspräche nicht meinen Eingaben bei der Anmeldung. Ich begreife erst später, dass der angeführte akademische Grad der Grund ist. Darauf kontaktiere ich Runcard mit dem Ersuchen, mir die ein Jahr gültige Lizenz ev. neu auszustellen und den Titel „Dr.“ wegzulassen. Inzwischen hat aber die nette Dame von ENDU händisch nachgebessert und zum Vornamen den für den Marathon belanglosen Titel ergänzt. Ich rechne fix damit, dass dieses „Problem“ bei einer der kommenden Anmeldungen für einen Marathon in Italien wieder auftauchen wird.

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So mühsam die Anmeldung (letzte Preiskategorie 60 Euro plus ca. 6 Euro Transaktionsspesen) für mich war, so rasch geht die Abfertigung bei der Expo vor sich: die Startnummer mit auf der Rückseite angebrachten Chip befindet sich in einem A4-Kuvert, den Paco Gara gibt es im Innern des Expo-Zeltes. Ich gehe an einigen Ständen vorbei, wo die kommenden Marathons in Ravenna, Reggio Emilia, Bologna u.a. beworben werden. Die ausgestellten Medaillen machen Appetit auf mehr. Das inkludierte Shirt nehme ich diesmal wieder in Größe XL, ich mag’s ja bequemer. Im Startsackerl sind neben 2 Ermäßigungsbons noch ein Multifunktionstuch, von Hoka gesponserte Compress Socks, eine oben offene von Scrigno beigestellte Sonnenkappe und 10 Stück verpackte Mundschutzmasken (keine FFP2s).

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Anschließend bestelle ich in der Pastaecke der Expo einen Teller (wegen vorbeugender Corona-Maßnahmen aus Pappe) mit warmen Tagliatelle, eine Variante von Bandnudeln aus der Region Emilia-Romagna in Italien, dazu ein Bier ebenfalls im Becher und setze mich auf einen der zahlreichen Liegestühle im offenen Bereich der Expo. Es hat nur 12 Grad C in der Sonne, den kühlen Ostwind vom ca. 2 km entfernten Meer spüre ich durch meine nicht gefütterte Outdoor-Jacke. Ich grüble, wie viele Lagen ich morgen beim Rennen anzuziehen soll. Einige 100 m von der Expo entfernt sollen Kleiderbusse stehen, wo man eine Tasche abgeben kann. Entscheiden werde ich in der Früh vor dem (selbst zubereiteten) Frühstück, was ich anziehen werde. Vor zwei Wochen in Saudi Arabien hatte es gleich nach Sonnenaufgang schon 20 Grad, morgen um 9:00 Uhr auf dem Weg zum Start wird die Temperatur in Rimini laut Wettervorschau nur einstellig im Plus sein.

Der Renntag

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Ich konsumiere trotz anderer Vorsätze das Frühstück doch im Hotel, schließlich ist es schon bezahlt (12 Euro pro Tag Aufschlag). Um 7 Uhr morgens sitzen auch andere Läufer/innen bei Tisch, oft schon ist es vorgekommen, dass ich Bekannte aus Italien (und auch aus Österreich) im selben Hotel angetroffen habe. Heute sind mir alle fremd.

20 Minuten nach 8 Uhr begebe ich mich auf den kürzesten Weg, der durch einen Park zur Metromare führt. Das ist neuerdings das öffentliche Verkehrssystem – eig. nur ein Bus entlang der Bahnstrecke – das Rimini mit Riccione, wo heute der Marathon vorbeiführen wird, verbindet. Der Fußweg ins Zentrum, der Altstadt von Rimini, wo der Arco d’Augusto steht, beträgt ca. 2 km. Hunderte strömen dorthin, so erscheint mir der Spaziergang auch ohne Unterhaltung kurzweilig. Wie könnte es anders sein, die italienischen Marathonhelden heute wie ich in der 4. Reihe, Marco Simonatti und Massimo Faleo (beide sind wie ich Mitglied im Club Supermarathon Italia und fast jede Woche bei einem Marathon im Einsatz, allerdings nur in Italien) sind auch da. Ich scherze hin zu Marco, der in Terni im Februar (und 2021 im November in Ravenna und Dezember in Reggio Emilia) mir immer einige Minuten abgenommen hat (in früheren Jahren habe ich mich sogar über seine für mich damals „urlangsamen“ Laufzeiten gewundert): „Oggi c'è una vendetta…“, sage ich zum Spaß. Massimo antwortet rascher: „Intendi sul retro, perché oggi è aperto alle 7:00.“ Er hat Recht, man wird auch all jene werten, die länger als 7 h unterwegs sein werden. Aber was uns drei betrifft, man soll bekanntlich nicht vor dem Wirt die Rechnung machen, also warten wir’s ab, wie’s läuft.

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Es herrscht viel Gedränge vor dem Start, man sieht mehr 10-Meilen-Läufer/innen, gut an ihren gelben Startnummern erkennbar. Die Marathonis haben eine rote Nummer, die ebenfalls etwas später startenden 6 km-Läufer/innen sehe ich nicht, anzunehmen, dass deren Start woanders erfolgt.

Als erste kommen ca. 2 Dutzend Behinderte dran, die in Rollstühlen oder ähnlichen Schiebewägen sitzen. Sie werden jeweils von mehreren Helfern, die sich beim Schieben abwechseln, begleitet. Sie starten zuerst, dann stellt sich der 1. Block auf, darunter auch ein Farbiger, dessen Name ich nicht kenne (nach seinem Gehabe gilt er vermutlich als Sieganwärter). Ich bin aufgrund meiner langsamen Laufzeiten vom System her (ENDU speichert die Ergebnisse) dem Block 4 zugeteilt. Die Läufer dort mustern einander, der eine oder andere sieht vielleicht sportlicher aus als er laufen kann. Aber ich bin in guter Gesellschaft, nicht nur Oldies über 60 sind dort eingereiht, auch die 6 h-Pacer und weitaus jüngere Leute als ich.

Eine Trinkanlage mit Bechern zum Herunterdrücken ist links vom Startbereich des Blocks 4 aufgebaut, sie wird rege genutzt. Aber den größten Andrang gibt es bei den drei Dixiklos, selbst als der Marathon schon gestartet ist, stehen noch einige Frauen bei den mobilen WCs.

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Meine Taktik heute ist zunächst, an den 6 h-Pacern dranzubleiben, sie dann ev. zu überholen, um die Halbdistanz mit ca. 2:40 h oder vielleicht darunter abzuschließen. Nur wenn der Vorsprung auf der ersten Hälfte groß genug ist (20 Minuten wären ok), bin ich imstande, die zumeist etwas langsamere 2. Halbdistanz auf eine Zeit sub 6 h auszurichten.

Der Start beginnt etwas nach 9:30 Uhr (für den 4. Block, ich drücke meine Garmin wieder 1 Minute früher, das ergibt einen Zeitbonus) vor dem Triumphbogen. Der Rund- oder treffender Zickzackkurs durch die Altstadt von Rimini führt über die Via Bastioni Meridiali zur Piazza Malatesta, wo ich gestern spazieren ging und eifrig geknipst habe, weiter zur Piazza Cavour und anschließend – um es geometrisch zu beschreiben, in einem Rechteck, mit einer offenen Seite (nach Norden hin zur Ponte Tiberio) langsam auf der Viale Principe Amadeo aus dem Zentrum resp. der Altstadt raus. Inzwischen habe ich den langsamsten 6 h-Pacer (alle haben einen violetten Ballon), den ich nur vom Sehen bei italienischen Marathons kenne, ein- und überholt.

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Noch vor Kilometer 5 komme ich bei meinem Hotel vorbei. Es liegt auf der via Amerigo Vespucci. Hinter mir drängen Hunderte 10-Meilen-Läufer/innen nach und vorbei, das Feld der roten Startnummern gerät so ins Hintertreffen. Es geht noch lange nach Süden weiter, Richtung Bellazzura, Rivazzura und Riccione, ein Vorort von Rimini mit einem sechs Kilometer langen Strand, einen riesigen Wasserpark und einem Delfinarium. Die Trennung erfolgt dann nach ca. 7 km, die 10-Meilen-Läufer/innen scheren nach links Richtung Strand aus, für uns geht es schnurrstracks weiter. Das Marathonfeld hat sich von da an enorm gelichtet. Die 6 h-Pacer-Gruppe ist weit hinter mir, das gibt Auftrieb.

Ich kopiere heute den etwas eigenwilligen Laufstil von Tamas Ulma, ein um 10 Jahre jüngerer Viel- und Ultraläufer aus Prag, mit den ich schon viele interne Wettkämpfe ausgefochten habe. Früher war ich schneller, in den letzten Jahren ist er zwar auch langsamer geworden, aber immer noch rascher als ich im Ziel. Er geht ein kurzes Stück und legt dann einen ebenso kurzen Sprint mit ca. 10 km/h, also eine 6er-Zeit, ein. Das reicht, um andere kontinuierlich zu überholen bzw. Boden gut zu machen. Ich komme mit seiner Taktik mit ca. 7 min/km voran und freue mich über 37 min (brutto) für die ersten 5 Kilometer und wieder einmal 1:15 h für den Zehner, den wir außerhalb von Rimini erreichen. Meine beiden Kontrahenten, Marco und Massimo sehe ich schon seit dem Start nicht mehr, sie dürften heute tatsächlich etwas weiter zurückliegen.

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Auch bei der 10 km-Labe gibt es nur Wasser in 0,5 l-Flaschen, ich befürchte schon, dass ich auf die sonst recht üppigen Gaben an den Versorgungsstellen bei italienischen Marathons heute verzichten muss. Aber warten wir’s ab. Der Kurs verläuft nun in einem langgezogenen Bogen vom Meer weg, bis zur 15 km-Marke finden kleine Positionskämpfe unter den eig. recht langsamen Kolleginnen und Kollegen statt, an denen ich mich auch beteilige – es ist wie beim Rennradfahren, jeder macht mal das Tempo. Ich spreche mit einer Frau um 50, die mich partout immer wieder überholen will. Wir beide staunen aber über eine kleine Powerwalker-Gruppe, die uns und auch weit Vordere zügig mit geschätzten 7:30 min/km überholt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so ein hohes Gehtempo 42 km durchhalten kann.

Es geht nun durch das Zentrum von Riccione, der abgesperrte Kurs wird von den vielen Spaziergängern und Touristen nicht beachtet, Radfahrer kommen von hinten, hie und da auch ein Auto, dass die Quersperren umfahren hat. Aber ich kenne das von 2018, es wird noch dichter, wenn wir dann nach dem Halben zumeist an der Strandpromenade zurücklaufen werden.

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Bei Kilometer 18 kommt es kurz zu einer Begegnungszone, auf der anderen Straßenseite sind die weit vor uns liegenden Marathonläufer/innen bereits auf dem Rückweg. Aber bald dreht der Kurs wieder nach Westen, wir sind in der kleinen Gruppe in Sichtweite von ca. 500 m nach vorne und hinten wieder unter uns.

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Aber noch vor der 20 km-Anzeige geht es für uns  wieder zur Durchzugsstraße nur 50 m vom Strand nach Osten zurück. Diesmal dauert es Minuten, in denen wir mit den auf dem Rückweg befindlichen Marathonläufer/innen auch abklatschen hätten können. Ich knipse eifrig, auf der anderen Straßenseite befindet sich die 25 km-Anzeige. Das Pärchen um die 40 vom meinem Hotel kommt mir entgegen, sie haben rund 5 km Vorsprung, für die beiden sind das nur rund 30, für mich aber 40 Laufminuten.

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Die Halbdistanz erreiche ich noch unter 2:40 h, das passt so. In einer Schlaufe mit einer Begegnungszone sozusagen für auf dem Rückweg Befindliche und Nachkommende, die sich gegenseitig wahrnehmen und grüßen, geht es nun auch für die kleine Gruppe, die immer noch überschaubar zusammengeblieben ist, bei km 22 zurück. Zu meiner Linken schreit der nachkommende Massimo rüber, er hat nur einen Kilometer Rückstand, das ist weniger als ich angenommen habe. Hingegen ist Marco abgetaucht, er dürfte weiter zurückliegen. Auf dem Weg zur 25 km-Anzeige kommen uns die 6 h-Pacer entgegen. Obwohl sie vermutlich im Plansoll laufen, haben sie mehr als 2 km Rückstand auf mich. Heute sollte für mich endlich nach dem Silvestermarathon in Pilsen wieder eine sub 6 h-Finisherzeit drinnen sein. Ich weiß, dass viele (Jüngere) Marathonzeiten nur akzeptieren, wenn wenigstens noch ein 4er davorsteht, nur leider spielt es das bei mir nicht mehr. Es gibt ja auch eine Altersklausel, die grob gerechnet, bei einer 6 h-Finisherzeit mehr als eine Stunde abzieht.

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Bei der 25 km-Labe werden wir dann super versorgt, das Iso ist zwar schon verbraucht – leere Flaschen liegen am Boden – aber es gibt neben Mineralwasser in Flaschen auch Riegel, Obst und sogar Gels. Dennoch spüre ich, dass bei mir viel Energie inzwischen verpufft ist, das rechte Knie mit der Bakerzyste hinten so groß wie ein Ei schmerzt, das linke mit Bandage rebelliert auch, wenn ich das Bein zu sehr vom Boden abstoße, daher stelle ich nun auf schnelles Gehen um. Ich bin fortan mit ca. 8:50 bis 9:20 km/h unterwegs und komme so gut voran. Die GPS-Uhr zeigt 3:18 h für knapp 26 km. 16 verbleibende Kilometer sollten in 2:40 h zu schaffen sein.

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Heute herrscht ideales Laufwetter, es hat nicht mehr als 10-12 Grad C, die Brise vom Meer aus Nordost erfrischt, mag am Rückweg etwas bremsen, aber es ist nie zu heiß. Alle 2,5 km befindet sich eine Schwammstation, nur nimmt kaum einer einen Schwamm. Die zumeist jugendlichen Helfer/innen langweilen sich, finden aber dank ihrer Smartphones Abwechslung.

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Es zieht sich bis zur 30 km-Marke, der Kurs verläuft bei Riccione kurzfristig zum Strand und dann wieder auf die halbseitig gesperrte Ausfahrtsstraße zu den Ferienorten. Auch bei der 35 km-Tafel geht es zum Spazier-und Radweg direkt am Strand. An einem Sonntag ist dort viel los, wie bei uns an einem Frühlingstag auf der Prater Hauptallee. Nur auf die Radfahrer von hinten muss man aufpassen, die sieht und hört man nicht. Ein falscher Schritt zur Seite und schon gibt es einen Zusammenstoß. Die Menschen nehmen vom Marathon keine oder kaum Notiz. Die Uhr zeigt 4:34 h an, verbliebene 7 km sollten in 1:26 h gut im schnellen Gehen zu schaffen sein. Seit Kilometer 25 versuchen 2 Lauffreunde in meinem Alter aus Italien mich ständig abzuhängen, aber stets kommen sie nicht weg. Bei Kilometer 40 direkt bei der Marina ist dann endgültig Schluss, einer fällt zurück, der andere wartet auf ihn.

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Ich beeile mich wegzukommen, es geht nun entlang der Marina auf der Via destra del Porto bis zur Ponte dei Mille, da ist noch eine Schleife eingebaut. Ein Läufer geschätzt über siebzig hat sich herangekämpft, er möchte mit „cinque cinquanta“ (5:50 h) finishen, sagt er zu mir. ich lasse ihn ziehen. In dem Künstlerviertel über der Brücke steht die 41 km-Tafel. Es geht nun über die Ponte di Tiberio zurück und hinein in den von Spaziergängern sehr stark frequentierten Corso Augusto Richtung Triumphbogen. Was mich erstaunen lässt, ist der Umstand, dass 500 m vor dem Ziel ein halbes Dutzend  Läufer/innen nachkommen, die bei km 40 weit zurückgefallen (kaum mehr in Sichtweite) waren. Vielleicht hat sie das nahe Ziel so beflügelt, sonst fällt mir dazu nichts ein.

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Ich finishe mit 5:54 und bin sehr zufrieden. Da ich keinen Kleiderbeutel abgegeben habe, setze ich mich gleich auf einen Liegestuhl in die Sonne. Es ist 15:30 Uhr, man kann es in der Sonne aushalten, aber der frische Wind von der Adria rauf vertreibt auch andere. Im Sackerl, das man vielerorts nach dem Zieleinlauf erhält, sind ein Iso, eine Wasserflasche, ein Apfel und eine Süßigkeit.

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So mancher ist erstaunt, als er die Medaille genauer anschaut: es ist jene, die für den Marathon 2020 hergestellt wurde. Aber die Läufe in den beiden letzten Jahren wurden gecancelt. Man hat, statt die einen Anker darstellende Medaille zu entsorgen, sie heuer erstmals verwendet. Ich habe dafür vollstes Verständnis.

Was sieht mein persönliches Fazit zum diesjährigen Rimini-Marathon aus?

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Die flache Strecke auf Meeresniveau mit nur einigen Brückenüber- und -unterführungen lässt schnelle Zeiten zu. Das Wetter war mit 10 Grad Celsius ideal, die leichte Brise aus Nordost nicht weiter störend. Das Startgeld in der letzten Preisstufe von 60 Euro exkl. Transaktionsspesen (ca. 6 Euro) in Anbetracht der Goodies im Sackerl als günstig zu bezeichnen. Der Panoramalauf durch Rimini bis nach Riccione auf den 21 km und nochmals so viele zurück, bietet einen kompakten Eindruck von der Umgebung von Rimini einschließlich der touristischen Infrastruktur an diesen beliebten Ferienorten an der Adria.

Ich liebe Italien und mag auch die Italiener, weil sie so sportbegeistert sind. Auch wenn sie es mitunter bei der Disziplin (Strichwort: Straßensperren beim Marathon) nicht so genau nehmen. Als besonders positiv ist zu erwähnen, dass die Veranstalter, sprich die Organisation, so viel Herzblut und Verständnis aufbringen, dass man auch nach den veranschlagten 7 Stunden immer noch die Zeitnehmung laufen ließ, solange bis der Letzte im Ziel war. Kompliment und Gratulation zur gelungenen 7. Auflage des Rimini Marathons. Ich kann ihn nur weiter empfehlen.

Weitere Fotos vom Rimini Marathon

Siegerliste Männer:

1. Jbari Khalid (ITA) – 2:19:36

2. Boufars Hicham (MAR) – 2:19:45

3. Hajjy Mohamed (ITA) – 2:25:16

Mein Kollege Marco Simonazzi finisht sub 7 Stunden mit 6:58:51, Massimo Faleo scheint im Ergebnis (zunächst?) noch nicht auf, ich habe ihn aber mit einer Medaille um den Hals im Ziel gesichtet und ihm gratuliert.

Reihung bei den Frauen:

1. Moroni Federica (ITA) – 2:51:43

2. Benvenuti Elisa (ITA) – 3:08:02

3. Scaccia Alessandra (ITA) – 3:11:03

1248 Finisher (1008 Männer, 240 Frauen)

Weitere Informationen zum Rimini Marathon


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