Das große Laufbuch der Trainingspläne

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3. April 2016 - Halbmarathon in Berlin. 10. April 2016 - VCM. Zwei Veranstaltungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Berlin hat Charme, Wien auch - irgendwie.

Nachdem ich nun endlich meinen Platz auf meiner Couch bezogen habe, habe ich Ruhe und Zeit, meine letzten beiden Laufwochenenden Revue passieren zu lassen. Letzte Woche zog es mich nach Berlin. Der Halbmarathon stand auf dem Plan, für den ich in den letzten Monaten sehr viel trainiert hatte.

Aber, der Teufel schläft nicht und ich lag die Woche davor mit Fieber daheim. Starten - nicht starten, was sollte ich tun? Ich wollte mich also vor Ort entscheiden. Als ich meinen Fuß über die Schwelle zur Berlin Vital-Messe setzte, war es sofort klar. Ich laufe! Mir wurde ein Bändchen um mein Handgelenk gebunden, innerhalb weniger Minuten hatte ich meine Startnummer und mein Gewandsackerl (Kleiderbeutel im Berliner Jargon). Bei so einer guten und entspannten Organisation kann man doch nicht auf den Start verzichten, außerdem hatte ich mich bereits für den besseren Startblock qualifiziert. Nun denn: "Donn reiß ma hoit de 21 Kilometa owe", wie der Wiener sagen würde, während er in die Käsekrainer beißt und sie mit einem kräftigen Schluck Bier hinunter spült.

Der Tag des Laufes brach heran, ich war am Start und ich fühlte mich gut. Die Plastikschutzhülle, die ich gegen die Kälte bekam, tat nichts für meine Figur, rein gar nichts. So stand ich also wie ein von der Müllabfuhr vergessenes Mistsackerl in meinem Startblock. Es war angenehm warm, fast schon zu warm zum Laufen. Ich war jedenfalls guter Dinge, hatte auch meine schnellen, leuchtend gelben Schuhe an. Was sollte also passieren? Ach ja, da war doch was - ich war letzte Woche krank und meine Wirbelsäule ist chronisch kaputt. Zwei Komponenten, die nicht unbedingt zu einem Halbmarathonerfolg beitragen. Was noch nicht dazu beträgt, ist, ohne Zeitansage zu laufen, wenn man gewohnt ist, dass die liebe Dame von Runtastic jeden Kilometer akribisch bewertet und man es nie gelernt hat, alleine seine Geschwindigkeit einzuschätzen. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich auf die Warnungen meiner Freunde hören würde.

Bis Kilometer 15 war alles gut, ich war im Flow - nach Kilometer 15 war nichts mehr gut, absolut gar nichts! Als erstes bemerkte ich, dass ich meine Körperspannung nicht mehr halten konnte, ich sackte immer mehr in mich zusammen, die Kraft fehlte. Kurz darauf rächten sich die ungedämpften Schuhe - ich spürte meinen Rücken. Als Ausgleich dazu spürte ich aber meinen linken Arm nicht mehr. Fair enough - eins mehr, eins weniger. Ab Kilometer 18 hatte ich kaum noch Gefühl im Arm, doch da bleibt man nicht mehr stehen. Im Herbst in der Wachau war der Wirbel bei Kilometer 13 draußen, da hört man dann auf, aber nicht bei Kilometer 18. Normale Menschen vielleicht schon, ich nicht.

Jedenfalls schaffte ich es ins Ziel. 2 Stunden 8 Minuten und ein paar Zerquetschte war die Bilanz. Aber: Berlin ist wunderschön, die Strecke ist ein Traum und die Organisation dieses Spektakels sucht ihresgleichen und findet es jedenfalls ... nicht in Wien.

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Wien, eine Woche später: der Wirbel ist wieder an seinem Platz, der Nerv nicht mehr beleidigt und die schnellen, leuchtend gelben Schuhe stehen im Schuhregal. Ich musste meinem Mann versprechen, dass ich die Schuhe mit der guten Dämpfung nehme, damit diesmal alles gut geht. "Aber ich laufe doch eh nur Staffel..." - egal, kein Erbarmen, ich schlüpfe also in die (gefühlten) Zementblöcke.

Staffel, meine erste Staffel beim VCM. Mein Mann und zwei Freunde laufen auch, ich bin die Schlussläuferin. Mein Weg führt mich zuerst auf die Mariahilferstraße - meinen Mann anfeuern. Anfeuern ist viel schlimmer als selbst zu laufen, man lebt in der ständigen Angst, den Läufer zu übersehen. Gottseidank, er sieht mich. Ich kann noch schnell ein Foto machen, dann ist er schon wieder weg. Er ist schnell, wieso ist er so schnell? Er ist doch nie so schnell. Panik - ich muss zum Stadion.

In der U-Bahn, unterwegs zur Staffelübergabe, erreicht mich der Anruf: "Der Thomas ist unterwegs". Ich bin in der U-Bahn und er läuft schon? Der nächste Adrenalinschub, ohne dass ich noch einen Schritt gelaufen bin. Staffel ist die Hölle, meine Nerven halten das kaum aus, ich bin eindeutig zu zart besaitet, um Staffeln laufen zu können. Aber ich schaffe es noch rechtzeitig in die Wechselzone und meine Mutter, mit der ich mich unterwegs getroffen habe, nimmt meine Nervosität gelassen. Sie kennt mich ja.

Die Übergabe klappt reibungslos, meine Mutter nimmt meine Jacke und den Chip vom Thomas - er läuft mit mir weiter. Ein Halbmarathon in Berlin und neun Kilometer reichen nicht, da muss er nochmal elf Kilometer drauf setzen. Es läuft eigentlich ganz gut, aber nach sechs Kilometern werden meine Beine zu Blei. Das sind bestimmt die Zementblöcke, die ich an den Füßen habe. Das gute an elf Kilometern ist, dass es eben nur elf Kilometer sind und nicht etwa ein Halbmarathon oder gar Marathon. Wir wollen gemeinsam ins Ziel laufen, alle vier und das klappt. Eigentlich war es das, was ich mir für diesen Tag gewünscht hatte, ein gemeinsamer Zieleinlauf!

Der VCM hat heute bei mir Pluspunkte gesammelt, ganz versöhnt bin ich noch immer nicht. Ich glaube auch nicht, dass ich mich jemals wieder dafür entscheiden würde, Halbmarathon in Wien zu laufen, Marathon schon gar nicht. Grundsätzlich gefällt mir die Kombination, wie ich sie heuer gewählt habe - Halbmarathon in Berlin und Staffel in Wien. Ich denke, das wird mein Frühjahrsprogramm der nächsten Jahre werden.


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