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Kuus, viis, neli, kolm, kaks, üks – Start. Pünktlich um 9 Uhr geht es los. Die ersten 200m kommt man wegen des Gedränges nicht zum Laufen, was auf dem Altstadt-Straßenpflaster eh unangenehm wäre. Erst ab km42 sind wir wieder auf diesem Pflaster, wenn es ins Ziel geht, dazwischen meist tadelloser Asphalt.

Freitag früh sind Evi und ich von Wien direkt raufgeflogen. Mit an Bord u.a. Herbert Bauer und Bernhard Keiler, der so wie ich soeben seinen 176. Marathon in Angriff genommen hat. Nun trippeln wir durch ein Zuseherspalier an einer langen Reihe von Blumenläden vorbei bis wir auf der Viru väljak endlich ins Laufen kommen. Die Altstadt werden wir während dem Marathon nur von außen sehen, und das ist gut so. Ich bin die letzten beiden Tage viel auf den Beinen gewesen und so wie es sich gerade anfühlt, viel zu viel.  Exzessives Power-Sightseeing at it‘s best, gewiss nicht sehr schlau! Ich habe jetzt schon schwere Beine. Das kann was werden!

Gut, dass es zu Beginn ansteigt, dafür haben wir am Ende etwas Gefälle. Nach einem km passieren wir die Dicke Margarethe, das ist der dickste der vielen Stadtmauerntürme im Norden der Altstadt. Tallinn (bis 1918: Reval) hat an die 430.000 EW und eine weitgehend erhaltene Stadtmauer samt mittelalterlicher Innenstadt. Die Hauptstadt Estlands und ehemalige Hansestadt ist durch den Handel reich geworden und das sieht man den schönen Häusern auch an. Selbstverständlich Weltkulturerbe, was sonst?

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Unzählige Kreuzfahrtouristen werden täglich durch das Zentrum geschleust, die Preise in der Gastronomie sind unverschämt hoch. Aber nur ein wenig abseits der ausgetretenen Trampelpfade kann man sich zu vernünftigen Preisen wirklich erstklassig verköstigen. 

Die Marathonstrecke zeigt uns viel von der Stadt, gleich auf den ersten km einen Teil vom Hafen inkl. Seefahrtsmuseum, Powerzone. Immer wieder geht es ein paar m hoch und wieder runter. Wir laufen an restaurierten Fabriken, nun Wohnhäuser, vorbei und an Holzhäusern, wie man sie auch aus Skandinavien kennt – ist ja nicht weit. Aber auch Fabriksruinen verheimlicht man uns nicht. Immer wieder schirmen quer gestellte LKW die Strecke ab. Labe und km5 nach 30min. Die Tööstuse rauf greift mir eine etwa 50jährige Läuferin unter(!) die Startnummer und redet auf mich ein. Was will die nur? Jedenfalls will ich nicht, dass da jemand an meinem Zeitchip rumfingert und das mache ich ihr auch deutlich. Möglicherweise war sie ja nur von meinen fixpoints-Magneten begeistert?

Wenig später laufen wir am Bahnhof vorbei und am besuchenswerten Großmarkt, dem

Baalti Jama Turg. Bei km8 feuern uns bei der Ironman-Powerzone tanzende junge Mädchen an, Spontananfeuerungen vom Straßenrand aus sind die Ausnahme. Die 2.160 Leute die gerade den Marathon laufen sind aber genug um keine Einsamkeit aufkommen zu lassen. Ich habe den Eindruck, dass vor allem Herren ab 45 und Damen bis 30 daran teilnehmen.

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Es geht die Kolde pst runter, direkt auf die Ostsee zu. Beiderseits der Straße stehen mittelhohe Bäume wie Buchen und Föhren, dahinter neue mehrstöckige Wohnhäuser.

Kurz vor dem Strand biegen wir links ab, km11, und laufen parallel dazu nach Süden.

Rechts von uns, da ist km28, begegnet uns das Führungsauto und einige andere Fahr-zeuge auch, die Läufer dazu sind aber nicht zu sehen. Wir biegen links ab, km12 und Versorgungsposten. Der hat allerlei zu bieten: Wasser, Iso, Brot, Salz, Orangen, Bananen und ein Tablett mit Rosinen. So wie alle anderen Labestellen auch, leider kein Cola.

Da überholt mich einer mit einer kompletten Ananas auf dem Glatzkopf. Ich krieg‘ einen Vogel. Ist das etwa derselbe Typ der vor einem halben Jahr in Jerusalem mit einem Blumenstock auf dem Kopf gelaufen ist? Ja genau, es ist Moshe Lederfine und es ist nicht sein erster Marathon mit Ananas auf dem Kopf. Wie in Jerusalem ist er auch heute schneller als ich, eigentlich eine Provokation.

Km13 – km15 ist fast schnurgerade und zieht sich. Zahlreiche Streckenposten sichern die Läufer vor dem Querverkehr, viel ist da eh nicht. Km15 nach 1h31, von meinem 6min-Schnitt muss ich mich verabschieden. Rechts rum in die Ehitajate tee und bei der Tankstelle rechts rein. Bei dieser Labe gibt es erstmals Enervit-Beutel die großzügig und lächelnd verteilt werden. „Great Job“ verstehe ich, das estnische dann allerdings nicht mehr. Diese Sprache hat mit der unsrigen absolut nichts zu tun. Sie hat wohl einen Hang zu Doppelbuchstaben, das sieht man auf fast jedem Straßenschild.

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Und dann sind wir im Zoo! Ein Marathon durch einen Zoo, das hatte ich noch nie und auch in Tallinn ist das heuer eine Premiere.

Weil? Tallinn hat einen Amur Tiger! Dieser lebt aber, mangels geeignetem Gehege, auswärts in Tschechien. So wird heuer u.a. der Erlös aus dem T-Shirt-Verkauf in den Bau des Tigergeheges gesteckt, sodass dieses Tier möglichst bald die Heimreise antreten kann.

Km16, Bisons sehe ich, einige Kamele, Schafe und Ziegen. Franz Hofer war 6min vor mir da, der hat sogar einen Bären gesehen. Bei mir war das Gehege leer, gesehen habe ich jedenfalls keinen. Aber junge Leute in Tierkostümen hüpfen umher und halten Schilder in  die Höhe deren Bedeutung sich mir nicht erschließt. „Helsingi 82km“, das verstehe ich.

Bis 1885 war die deutsche Sprache Unterrichtssprache und offizielle Behördensprache, dann haben das die Russen abgestellt. Die Sowjets haben sehr viele Russen ins Land geholt, sodass russisch hier die zweite Umgangssprache geworden ist. Seit 1991 gehört sich Estland wieder selber und seit 1.1.2011 hat man den EURO, sehr praktisch!

Fast 2,5km laufen wir durch den Zoo bis wir ihn bei km18 wieder verlassen. Das war durchaus interessant.

Auf einem funkelnagelneuem Radweg folgen wir einer ebenso neuen mehrspurigen Straße, dann unten durch und weiter. Rechts die Parkplätze von Supermärkten und Baumärkten. Auch hier werden Autos angehalten die einbiegen wollen, sollten gerade Läufer kommen. Runners first! So gefällt mir das.

Schließlich ein Birkenwald, ganz ohne Pollen, und die Zwischenzeit nach 21,1km. Sub 04h30 wird heute schwierig werden für mich.

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Nun laufen wir etwa 2km auf einem neuen, etwa 5m breiten Sandweg durch den Wald, beiderseits tiefe, feuchte Gräben. Ein guter Rad- und Spazierweg, die Luft hier ist hervorragend! Labe, ich nehme eine Orange und fülle meine Flasche auf. Powerade ist hier um 40% billiger als in Österreich. Km23, wir sind wieder auf einem asphaltierten Radweg und passieren in Rocco al Mare den Parkplatz des Eesti Vabaõhumuuseum, einem Freilichtmuseum. Von den Exponaten sehen wir nichts, nur Wald.

Mich beschäftigen momentan aber eher meine prallen Oberschenkel, etwas bergab ist super, bergauf aber gar nicht.

Bei km25 verspricht das Streckenprofil eine Abrisskante wie die Klippen von Dover. Tatsächlich sind es keine 15 Höhenmeter die es runter geht ins Schilf, die dafür aber steil. In Folge laufen wir auf einem stabilen 5m breiten Steg mit Holzplanken durch das Schilf. Noch nicht Meer und nicht mehr Land, schön ist das. Ein junges Pärchen überholt mich, er als Banane, sie in braunem Tüll-Tütü, sie unterhalten sich prächtig.

Dann haben wir wieder Festland unter den Füßen, km28. Mein Tempo nimmt mehr und mehr ab. Der 4h30er-Ballon mit seinem Gefolge überrennt mich an der Labe, Wende, etwa 1km lang bleibe ich dran. Ich überlege schon 4h44 anzupeilen.

Das Wetter ist perfekt, muss ich zugeben, etwa 15°C, ab und zu Wind, der nicht zu stark und vom Meer kommend. Eine erneute Wende bei km30, dafür habe ich 3h11 benötigt. Strandpromenade, links von uns nun Sandstrand wie man ihn hier erwartet.

Gardena versprüht kühlendes Wasser, das wäre heute gar nicht nötig gewesen.

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Bei km31 geht es weg von der Küste, die Pelguranna hinauf. Die, die mir jetzt entgegen kommen sind +/- 2km vor mir. Ich mühe mich hoch, biege links ein und sehe einen Buben mit in jeder Hand einer orangen Kartusche. Erst pumpt er Luft rein, dann spritzt er aus beiden Kartuschen sogenannte IcePower auf unsere Beine, wer halt will.

Das Zeug riecht stark, der Sprühnebel davon brennt in den Augen, das kenne ich seit Málaga 2014. Der Bub versprüht aber nicht, sondern es tritt jeweils ein Strahl hervor.

Die Kühlung setzt unmittelbar ein. Dann geht es rein in den Park, den Kopli kalmistu, der früher einmal ein deutscher Friedhof war. Einmal quer durch den Park und ab km33 bin ich es der bergab läuft während links von mir hinaufgekeucht wird.

Fast wieder am Meer, rechts, geht es an alten Holzhäusern vorbei. Die Straße ist da aufgerissen was sich nicht so gut läuft, das ist aber nur für kurze Zeit. Mehrfamilienhäuser und still gelegte Fabriken hier, nicht so die Topp-Wohngegend der Stadt. Das bisschen Steigung die Ankru hinauf setzt mich fast außer Gefecht. Auf der Kopli geht es auch noch über eine Brücke, jeder Höhenzentimeter ist einer zu viel.

Vor mir die Eesti Mereakadeemia, da laufe ich direkt drauf zu. Hier werden estnische Marineoffiziere ausgebildet, der wuchtige Bau sieht sehr nach Sowjetunion aus, ist aber von vor dem 1. Weltkrieg. Diese Akademie befindet sich am Ende der Straßenbahnlinie 1, wir müssen deren Wendeschleife umlaufen. Aber nicht etwa im engsten möglichen Radius. Nein, Verkehrsleitkegel geben die Umlaufbahn vor und Streckenposten achten genau darauf, dass sich da niemand ein paar Meter erspart.

Links die Straßenbahnremise und die nächste Küste. Links weg, km36, ich habe noch immer meine Standard-Ausrüstung eingesteckt: meine 2 PowerGels. Die Enervit-Beutelchen vom Veranstalter bringen nicht den Schub den ich brauche. Ich nehme ein PowerGel mit Koffein, jetzt aber!

Ich höre jemanden meinen Namen rufen. Träume ich? Dann noch mal, ich drehe mich um: Börni ist das! Luftlinie etwa 50m von mir entfernt, aber er hat die 600m der Schleife noch vor sich. Dem scheint es prächtig zu gehen, musste er doch seit April pausieren.

Mich spornt das an und woher auch immer der Schub kommt - er ist da. Plötzlich habe ich richtigen Spaß denn ich kann laufen wie die letzten 20km nicht, sogar die Steigung bei km38 kann ich durchlaufen. Ich bin absolut wieder Herr der Lage und nun bin ich es der überholt, das fühlt sich großartig an. Lauter Leute, die vorhin an mir vorbei gezogen sind sehe ich so nach und nach wieder! Ich genieße die Allee in der Kopli. Ja schon wieder die Kopli, diese Straße ist lang! An der Kreuzung mit der Ristiku hält man extra wegen mir den Verkehr an!

Da schließt sich wieder der Kreis, hier war auch km8. „Less than 3k“, verspricht man mir. „Ja Danke, ich kenne den Weg“, denke ich mir und diese restlichen 3km werde ich fressen.

Km40 nach 4h20, zumindest sub 4h35 sollte sich ausgehen. In relativer Zielnähe sind nun Zuseher die uns immer wieder auch anfeuern. Vorbei am Bahnhof mit seiner beinahe antiken Dampflok, über die Schienen und auf der Suurtüki an einem abbruchreifen ehemals gelbem Holzhaus vorbei. Durch die Bäume hindurch sieht man schon einige Türme der Stadtmauer. Ein Radfahrer ist abgestiegen und feuert den vor mir an. Der hat aber abgestellt, den bringt heute keiner mehr zum Laufen. Da entdeckt der Radfahrer mich und brüllt unablässig meinen Namen und ich tue ihm den Gefallen und laufe, km41, laufe sogar die paar Meter hinauf zur Dicken Margarethe, denn von da ab geht es ja runter! Und ich bin immer noch auf Zug. Ich überhole die Banane mit dem braunen Tütü und sogar noch Halbmarathonis, die 75min nach mir gestartet sind und demnach schon über drei Stunden unterwegs sind.

Die Mere puiestee ist voller Spurrillen, sodass ich mir aussuchen kann, ob ich auf der linken oder rechten Seite der Schüsseln laufe oder gar in der Mitte zwischen den Schienen, da ist es absolut eben. Bim fährt da jetzt keine.

Und wenn, ich wäre schneller! - Zumindest fühle ich mich so!

Es taugt mir unheimlich. Als es links in die 200m-Altstadtpflasterzielgerade geht, stehen da als Aufputz mehrere Damen in ihren prächtigen Trachten. Wenn man ganz links vor den Blumengeschäften läuft kann man dem Altstadtpflaster entkommen. Ein ausgesucht schönes Ziel erwartet mich zwischen den beiden Türmen der Lehmpforte (=Viru Väravad).

Mit 4h34:29 bin ich jetzt zufrieden, nachdem ich so einen langen Durchhänger hatte. Aber mein Schlussfeuerwerk hätte ich noch gerne etwas länger abgebrannt. Da wäre noch was gegangen! Und jetzt weiß ich auch wieder, warum mir Halbmarathons zu kurz sind. Nach Riga 2015 und Vilnius 2017 bin ich nun mit dem Baltikum quasi fertig.

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Fehlt mir noch ein Marathon am 23.5.2020, dann habe ich auch alle EU-Länder belaufen.

Evi gratuliert mir mit einer Tafel Schokolade zum 176. Marathon und freut sich mit mir.

Ich bekomme zwei Trinkflaschen und eine schöne Goldmedaille. Dann sehe ich zu, dass ich ins Hotel komme. Das Three Crowns Residents liegt viel näher bei Start und Ziel als die offizielle Kleiderbeutelabgabe die witzigerweise „Pakihoid“ heißt.

Vielleicht ist Estnisch doch nicht so weit von der Oberösterreichisch entfernt?

Noch immer ist es so kühl wie am Start. Regnen tut es viel später und abends kommt sogar noch die Sonne raus. Alle sind wir mit unserer Leistung zufrieden. Die Flotte Sohle Veronika mit ihrem HM, Franz ist seinen ersten Marathon heuer in 3h57 gelaufen, der Börni erreicht trotz der gesundheitlichen Zwangspause problemlos das Ziel und Herbert  hatte sich wieder genug Zeit genommen um sich die Strecke besonders gut einzuprägen.

Das muss natürlich gefeiert werden und Evi feiert das mit uns in der „Labor Bar“ in der Surr-Karja. Ziemlich lässig das Lokal und dabei preiswert! Sperrt um 19h auf und es geht durch bis 6h früh. Run global, drink local! Diesfalls aus Reagenzgläsern :-)

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EURO 40,- Marathon-Startgeld  

Funktions-Shirt inklusive, eine gelungene Finisher-Medaille, für Halbmarathonis in silber,

interessante Strecke, ein paar Höhenmeter, Sightseeing unterwegs,

genügend Labestellen mit Iso, Brot, Salz, Wasser, Rosinen, Orangen, Bananen, Schokolade

einige musikalische Powerzonen, wenige Zuseher

Sieger                    (KEN)                                Siegerinnen           (KEN)

  1. Josphat Leting             2h12:42          1. Pamela Rotich                   2h32:15
  2. Bernard Cheruiyot Sang 2h13:47 2. Rebecca Korir                    2h32:24
  3. Joseph Kyengo Munywoki 2h14:09 3. Ruth Matebo                             2h38:25                                                                                        

2.160  Marathonfinisher ,  unzählige DNS!

3.390  Halbmarathonis,     unzählige DNS!

4.700 10km-Finisher am Samstag

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Tausende jugendliche 5km-Finisher Freitag Abend + Kinderläufe

Am Montag erkunden Evi und ich mittels Öffis die Stadt und sehen dabei einige Strecken-abschnitte des Marathons. Besonders gut gefällt es uns im Rotermund-Viertel. Moderne Bauten und frisch revitalisierte Lagerhäuser à la Docklands, Hamburg oder Antwerpen.

Schicke Hotels und elegante Ausgehlokale mit Stil finden wir, nur etwa 500m östlich der Ziellinie. Tallinn hat uns überzeugt, die Stadt am Finnischen Meerbusen ist ein lohnendes Reiseziel. Im Idealfall hat man mehr als nur ein paar Stunden Zeit dafür.

Fotos: Eva Orlinger

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