Die Nachricht kam spät, fast zu spät, und sorgte genau deshalb für umso mehr Kopfschütteln.
Laut Runner’s World Spain hat World Athletics den vermeintlichen Halbmarathon-Weltrekord von Jacob Kiplimo aus Barcelona nachträglich kassiert. Ein offizielles Statement des Weltverbandes ließ monatelang auf sich warten. Dass diese Funkstille in der Leichtathletik-Szene als peinlich empfunden wurde, ist kaum überraschend. Der Barcelona Halbmarathon bleibt damit sportlich brillant, aber rekordtechnisch entzaubert.
56:42 Minuten und viele offene Fragen
Am 16. Februar 2025, also vor fast einem Jahr, lief Kiplimo beim Barcelona Halbmarathon scheinbar in eine neue Dimension. 56:42 Minuten, ganze 48 Sekunden schneller als der bisherige Weltrekord. Eine Zeit, die selbst hartgesottene Statistiker zweimal nachrechnen ließ. Genau diese Zeit wird nun nicht anerkannt. Der Grund: Regelverstöße, allen voran die Nutzung des Windschattens hinter dem Führungsfahrzeug.
Videoaufnahmen zeigten Kiplimo über weite Strecken nur etwa zehn bis zwanzig Meter hinter dem Zeitnahmeauto. Laut Regel 6.3 von World Athletics ist jegliche mechanische Unterstützung untersagt. Dort heißt es, „Tempoarbeit durch Personen oder technische Hilfsmittel ist nicht erlaubt“. Die Regeln lassen jedoch offen, wie groß der Abstand zwischen Auto und Läufer sein muss. Eine Grauzone, die der Barcelona Halbmarathon unfreiwillig ins Rampenlicht rückte.
Nicht nur das Auto spielte eine Rolle
Das Auto war allerdings nicht der einzige Kritikpunkt. World Athletics sah auch einen Verstoß gegen das Coaching-Verbot während des Rennens. Obwohl Kiplimos Zeit in den Ergebnislisten bestehen bleibt, wird sie nicht als offizieller Weltrekord geführt. Ein Unterschied, der statistisch trocken klingt, sportlich aber enorm ist. Der gültige Weltrekord gehört damit wieder Yomif Kejelcha.
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Der Äthiopier hatte im Oktober 2024 den Valencia Halbmarathon in 57:30 Minuten gewonnen. Diese Marke ist nun erneut der Maßstab. Dass Kiplimos Leistung in Barcelona deutlich schneller war, macht die Entscheidung emotional umso brisanter. Der Barcelona Halbmarathon wird so zum Paradebeispiel dafür, wie schmal der Grat zwischen historischem Lauf und Regelwerk ist.
Gerüchteküche brodelte monatelang
In der Szene kursierten die Zweifel schon lange. Während World Athletics andere Rekorde offiziell bestätigte, blieb es rund um Barcelona still. Am selben Tag, an dem Grant Fisher, Phanuel Koech und Isaac Beacroft ihre Rekorde anerkannt bekamen, fiel endgültig das Urteil gegen Kiplimo. Ein Timing, das für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte.
Kiplimo selbst äußerte sich zuletzt zurückhaltend. „Ich spreche nicht gerne über Weltrekorde, ich bin ein Marathon-Lehrling“, sagte er einst. Der 25-Jährige war zwischen 2021 und 2024 selbst Weltrekordhalter und holte Olympia- sowie WM-Bronze über 10.000 Meter. Beim Barcelona Halbmarathon wollte er Geschichte schreiben, stattdessen schrieb er eine Debatte.
Wie es weitergeht
Der Barcelona Halbmarathon findet in wenigen Tagen erneut statt, eine Elite-Liste gibt es noch nicht. Kiplimo könnte zurückkehren, bevor er am 26. April seinen dritten Marathon in London läuft. Ironie des Schicksals: Erst diese Woche erhielt er in Barcelona eine Auszeichnung von Mundo Deportivo für jenen Rekord, den es offiziell nicht gibt. Sport kann manchmal brutal ehrlich sein, manchmal aber auch unfreiwillig komisch.
Foto: © Erik van Leeuwen, attribution: Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia), GFDL, via Wikimedia Commons

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