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Die vergangenen Wochen gaben den deutschen Fußball-Fans selbst nach Ablauf der Bundesliga-Saison noch viel Grund zum Jubeln.

Während die U21-Nationalmannschaft die Europameisterschaft in Polen gewinnen konnte, schaffte das Nationalteam der Herren den Sieg beim Confed-Cup und das obwohl man mit einer Art „B-Truppe“ angetreten war. Daran wird deutlich, wie viel Qualität in heimischen Gefilden ausgebildet wird.

Aus Sicht von Werder Bremen gibt es allerdings wenig Grund zur Freude darüber, denn unter all diesen Spielern war nicht ein Mann aus den eigenen Reihen (Gnabry hatte zu diesem Zeitpunkt schon beim FC Bayern unterschrieben). Einerseits ein Umstand den die sportliche Führung zu verantworten hat, andererseits aber auch ein Indiz dafür, in welcher prekären Situation sich besonders die Traditionsklubs befinden, wenn es darum geht wettbewerbsfähig zu sein und zu bleiben.

Vor allen Dingen die finanziellen Rahmenbedingungen gehören hier zu den entscheidenden Faktoren. In den letzten Jahren haben die Bremer kontinuierlich „rote Zahlen“ geschrieben und konnten letztjährig erstmals wieder eine positive Bilanz ausweisen. Eine solche Konsolidierung geht aber unweigerlich mit Sparmaßnahmen einher, die sich wiederum auf das Budget des Kaders und damit die sportliche Leistungsfähigkeit niederschlagen. Dies wird quasi zu einem Teufelskreis, denn allen voran die Gelder aus den internationalen Wettbewerben sorgen für das nötige finanzielle Plus. Jedoch können die oberen Tabellenplätze eben meist nur mit entsprechendem Investitionsaufwand erreicht werden. Hier machen sich die unterschiedlichen Ausgangslagen der Vereine durchaus bemerkbar. Nicht nur die Top-Klubs wie Bayern und Dortmund marschieren vorne weg, sondern auch die „neureichen“ Klubs wie Hoffenheim und Leipzig haben mehr Geld zur Verfügung, was an den Kadern der Teams deutlich ersichtlich wird. Im Vergleich steht ein Verein wie Bremen mit einem geschätzten Marktwert von 68,5 Mio. € lediglich auf Platz 14 der Bundesligisten. Mit Max Kruse hat man nur einen wirklich „wertvollen“ (MW: 12 Mio. €) Star in der Mannschaft. Sobald Spieler eine gute Saison haben, verlassen sie zumeist gleich den Verein, um anderswo mehr Geld zu verdienen. So wird die Vereinsführung unweigerlich gezwungen kreativ zu werden. Die Werderaner haben sich entschlossen neue Wege zu gehen, im Zuge der Internationalisierung wurden zwei neue Kooperationen mit chinesischen Sponsoren eingegangen, die im Gegenzug wenigstens für etwas mehr Liquidität sorgen. Auch der Verkauf des eigenen „Tafelsilbers“ bzw. der Namensrechte des Weserstadions steht immer wieder auf dem Plan und wird langfristig wohl unvermeidbar sein.

Neue Ideen braucht es aber nicht nur auf finanzieller Ebene, sondern auch in sportlicher Hinsicht. Der junge Trainer Alexander Nouri konnte letzte Saison unter Beweis stellen, dass er einige davon im Köcher hatte. Nachdem er im Oktober das Amt von Viktor Skripnik übernahm,schafften er und seine Werder Jungs eine sagenhafter Rückrundenbilanz von 29 Punkten, damit waren sie das viertbeste Team der Liga. Befand man sich in der Hinrunde noch in akuter Abstiegsgefahr, verpasste man zum Ende der Spielzeit nur knapp den internationalen Wettbewerb. Nouri scheint ein Trainer zu sein, der absolut auf der Wellenlänge der Spieler liegt, mit seinen erst 37-Jahren gehört er zu den jüngeren Coaches der Liga. Ebenso gehen seine taktischen Konzepte bisher voll auf. Eine Stabilisierung der Abwehr, durch kompaktere taktische Ausrichtung, zeitweise sogar mit 5er Kette im 5-3-2 System, half eines der größten Probleme der Bremer zu kaschieren. Im Gegenzug münzte man gute Verteidigung durch starkes Umschaltspiel in Tore um und belohnte sich so selbst für hohe Laufbereitschaft und konditionelle Höchstleistung. Kaum zu glauben, aber in der Rückrunde erzielte Werder mit 40 Treffern die zweitmeisten Tore aller Bundesliga-Mannschaften. Kruse, Gnabry und Bartels taten sich hier besonders hervor, es bleibt abzuwarten, wie sich dies nach dem Abgang Gnabrys gestaltet. Nichtsdestotrotz können die Bremer sich auf die Schulter klopfen und wieder etwas hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. So sehen die Experten und Buchmacher den Verein von der Weser zur Zeit nicht in unmittelbarer Abstiegsgefahr, auch wenn man bei einer Quote von 10.00 laut Betway (Stand 20.07.2017), ebenso wenig als sicher gilt. In der Saisonvorbereitung hat der Trainer nun genügend Zeit neue Mechanismen und Konzepte einzustudieren. Der Verbleib von Leistungsträgern wie Kruse und Junuzovic gilt laut Sportdirektor Baumann als gesichert, während wohl eher noch ein weiterer Stürmer verpflichtet werden soll. Dieses Mindestmaß an Planungssicherheit half dem Team bisher sich im österreichischen Zillertal auf die neue Saison einzustellen, nach eigener Aussage bisher durchaus erfolgreich. Es bleibt abzuwarten, ob das neue Modell Werder Bremen auch langfristig und nachhaltig die Trendwende schafft. Für alle Traditionsklubs könnte dies ggf. zum Fingerzeig werden, wie man selbst mit vergleichsweise wenig Mitteln durchaus erfolgreichen Fußball spielen kann.


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