Wir schreiben das Jahr 1645 vor Christus. Der Ausbruch der Vulkaninsel Thera in der Ägäis ist in vollem Gange. Pyroklastische Ströme, eine Mischung feiner vulkanischer Asche und Gas, donnern mit bis zu 400 km/h den Hang hinab und entfalten ihre enorme Zerstörungskraft.
Ascheregen verdunkelt im Umkreis von mehreren hundert Kilometern den Himmel. Ein Inferno! Der Eruption gingen mehrere Erdbeben voraus. Zum Glück! Denn die Bewohner verließen daraufhin die Insel, hatten sogar noch genügend Zeit, ihre Wertsachen mitzunehmen.
Bei neuzeitlichen Ausgrabungen der Stadt Akrotiri, damals ein wichtiger Stützpunkt der Minoer, wurden weder Leichen, Schmuck oder aufwendige Werkzeuge gefunden. Im verlaufe der Thera-Eruption, die der des indonesischen Vulkans Krakatau ähnelte und im Jahre 1883 rund 36.000 Menschen das Leben kostete, gab es durch einen Erdrutsch einen gewaltigen Tsunami. 20 Minuten später zerstörte die gigantische Welle sämtliche minoischen Küstenstädte im 140 km entfernten Kreta und leitete langfristig den Untergang einer der frühesten Hochkulturen Europas ein.
Die Fragmente, welche der Big Bäng vor 3 ½ Jahrtausenden übrig lies, kennt man heute als den Inselarchipel von Santorini, südlichste und schönste der Kykladeninseln, zugleich auch die interessanteste der Ägäis. Als prähistorisches Pompeji wird es von Archäologen gerne bezeichnet, wegen seiner Ähnlichkeit mit einer lebendigen Szenerie aus einer uralten Tragödie. Die Ausgrabungen von Akrotiri gehören zu den aufregendsten archäologischen Schatzkammern der Welt. Der mittlere Teil der Insel wurde damals ins Meer gerissen, zurück blieb eine tiefe Bucht, der Krater der Vulkans, mit einem Ausmaß von 7.5 x 11 km einer der größten der Erde, welcher von der sichelförmigen Hauptinsel Thira, sowie den kleineren Inseln Thirasia und Aspronisi fast umschlossen wird. Die Fahrt durch diese Bucht lässt etwas von der Gewalt ahnen, die die Natur der Insel antat. Sich über Wasser dem halbrunden Vulkankrater zu nähern, der 300 Meter aus dem Meer ragt und an dessen Rand ein halbes Dutzend Orte balancieren, gehört mit zum Größten, was man mit einem Schiff auf diesem Globus erleben kann.
Wichtiger Hinweis: Dieses Buch macht dich zum besseren Läufer

Der Tourismus vereinnahmte diesen Traum von einer Insel schon früh. In der Saison liegt eine Armada von Kreuzfahrtschiffen vor Santorini. Vor etwa 16 Jahren entdeckten auch die Chinesen diesen Archipel, ihre Besucherzahlen wuchsen Anfangs im dreistelligen Prozentbereich pro Jahr! Dies wurde noch einmal verstärkt, nachdem der teilweise auf Santorini gedrehte Streifen „Beijing Love Story“ der erfolgreichste Film des Jahres in China wurde. In Scharen kamen sie nun auch zum heiraten hierher. Dies kam zu einem abrupten Stopp, nachdem die Chinesen im Zuge der Coronapandemie das Land für 3 Jahre zu sperrten. Und vor 10 Jahren wurde eine neue Spezies auf die „Perle der Ägäis“ aufmerksam: Ausdauersportler! Seitdem gibt es mit einem 15 km langen Traumtrail entlang der Klippen und am Vortag einem 2.4 km Ozeanschwimmen in der nicht weniger traumhaften Bucht, einen toll organisierten Event, der Teilnehmer aus der ganzen Welt anlockt.

In aller Herrgottsfrühe werden die Läufer aus allen Himmelsrichtungen quer über die Insel zum Start in Oia gefahren. Der idyllische Ort an der Nordküste wurde 1956 von einem Erdbeben zerstört. Aus den Trümmern wieder auferstanden gilt er heute mit seinen blauen Kirchenkuppeln als der Inbegriff aller Kykladenträume. Jeden Abend fluten unzählige Touristen den Ort, um „den schönsten Sonnenuntergang der Welt“ zu fotografieren, wenn der glutrote Feuerball hinter den Inseln Thirasia und Aspronisi im Meer versinkt. Jetzt liegt dieses Kleinod mit seinen verwinkelten Gassen 150 Meter über dem Meer, direkt in den Kraterrand gebauten Flachdach-Häusern, Tonnendächern und Mühlen, wie ausgestorben da. Langsam kündigt sich der neue Tag an. Der Sonnenaufgang ist eine Offenbarung! Licht, Farben, Weitblick, Horizont – alles scheint hier noch intensiver als anderswo.

Prominentester Läufer im Starterfeld ist Dean Karnazes, amerikanische Ultralegende und Autor des New-York-Times-Bestsellers „Ultramarathon Man: Aus dem Leben eines 24-Stunden-Läufers“. Der in San Francisco lebende Athlet ist seit 9 Jahren Markenbotschafter der Veranstaltung. Seine Wurzeln liegen in Hellas, da Karnazes von einer griechischen Familie abstammt. Die 10- und 15 km-Läufer werden am Ortsausgang von Oia gemeinsam angeschossen und hechten sogleich mit schnellen Schritten auf einem Schotterpfad Richtung Heilige Kapelle Mariä Himmelfahrt, die 180 Meter höher malerisch über Oia thront. Auch wenn die Streckenlängen recht überschaubar sind, auf dem Pendelkurs zwischen Oia und der Hauptstadt Fira sind immerhin anspruchsvolle 570 bzw. 834 positive Höhenmeter mit bis zu 37% Steigung zu bewältigen. Laufeinsteiger dürfen am späten Vormittag noch bei einem 5-Kilometer Rennen mit 313 Höhenmetern ein wenig Trailluft schnuppern. Und auch wenn es klischeehaft klingt, dies ist eine der schönsten Laufstrecken auf der Welt! Ein „Klippentrail“ entlang der Küstenlinie wechselt zwischen steilen Geröllwegen und einem Labyrinth von engen verwinkelten Dorfgassen in den Orten Firostefani und Imerovigli ab. Beim Lauf in die Morgensonne eröffnet sich ein toller Blick über die Caldera und die zum Archipel gehörenden Inseln. Wie von der Empore eines Theaters hat man an jeder Stelle der sichelförmigen Westküste freien Blick auf Dörfer mit weißen, terrassenartig angeordneten Häusern, die sich entlang der schroffen Lavawände fast am Fels festkrallen. Über dieser ganzen beeindruckenden Szenerie steht im Südosten das Profitis Ilias-Massiv, mit 567 Metern die höchste Erhebung des Archipels.

Bei Imerovigli wird der 20 Meter hohe Skaros-Felsen passiert, dessen erhöhte Position ihn im Altertum zu einem bevorzugten Standort für Verteidigungsanlagen prädestinierte. Die venezianische Festung diente vom 13. bis 18. Jahrhundert als Hauptstadt der Insel, bis vulkanische und seismische Aktivitäten ihren Niedergang auslösten. Dann wird in Fira auch schon der Wendepunkt erreicht und es geht auf der gleichen Route wieder zurück nach Oia. Jetzt am frühen Morgen ist es auf den Klippenpfaden noch ruhig, nur ein paar Frühaufsteher fluten mit ihren Smartphones die asphaltierten weißen Gässchen von Fira, machen aber den Läufern artig Platz. Der Rückweg eröffnet noch einmal neue Perspektiven und komplettiert dieses einzigartige Festival der Natur. Über 250 Teilnehmer beenden eine der 3 Traumstrecken über die massiven Steilwände der Caldera.

Der 15 km-Lauf geht an die Griechen: 1:07:33 h durch Alexandros Tzoumakas und Georgios Dimoulas, die sich zeitgleich den Sieg teilen, sowie Nikoleta Tzavara in 1:24:30 h auf dem 6. Gesamtplatz bei den Damen. Der 10 km-Lauf wird eine Beute des Polen Patryk Sobczyk, der sich gleich im Anschluss noch den Sieg im 5 km-Lauf holt. Letzterer fand mit 149 Finishern auch den größten Zuspruch. Aufgrund der Touristen generierte diese recht familiäre Veranstaltung weit über 40 Nationalitäten. Viele meldeten sich spontan an oder werteten ihren Urlaub mit einem sportlichen Höhepunkt auf. Nicht wenige beteiligten sich bereits am Tag zuvor beim 2.4 km Freiwasserschwimmen im Schatten des Vulkans, in der riesigen Bucht von Santorini.

Dort war der Treffpunkt am alten Hafen von Fira, der entweder mit der Kabinenseilbahn oder über die 587 Stufen zwischen der Hauptstadt und dem kleinen Landungssteg erreicht wird. Kreuzfahrttouristen lassen sich gerne auf dem Rücken eines Esels über den steilen Treppenweg transportieren. Unter den 95 Schwimmern befanden sich zahlreiche Internationale und nationale Champions. Die Schwimmelite des Landes liebt den von der Hellenic Swimming Federation sanktionierten Wettbewerb, der nach Regeln der FINA, des Dachverbandes aller nationalen Schwimmverbände, ausgetragen wird. Auf der unbewohnten Insel Nea Kameni, wohin die Schwimmer per Shuttleboot transportiert wurden, fand der Start statt. Sie ist ein Produkt der neuzeitlichen Eruptionen von Santorini und das jüngste vulkanische Land des östlichen Mittelmeeres. Der letzte Vulkanausbruch war 1950 und verlief sanft, so dass er für die Bewohner keine schwerwiegenden Probleme verursachte. Das 3 Quadratkilometer große und 127 m hohe Eiland, auf dessen Gipfel schwefelhaltiger Rauch aufsteigt, wird mit Messinstrumenten des vulkanologischen Observatoriums überwacht und in der Saison von zahlreichen Touristenbooten angefahren.

Aus Sicherheitsgründen musste jeder Teilnehmer ein aufblasbare Boje in Signalfarbe mitführen. Nicht selten wird das Meer von starken Winden aufgewühlt. Doch Äolus, der Gott des Windes, nahm sich rechtzeitig eine Auszeit und am Schwimmtag herrschten optimale Bedingungen. Yasunari Hirai, der japanische Teilnehmer beim 10 km Freischwimmen an den olympischen Spielen in London und Rio, bewältigte die Strecke zurück zum alten Hafen in 31:49 Minuten am schnellsten und holte sich nach 2019 zum zweiten Mal den Gesamtsieg. Bei den Damen erreichte die griechische Eliteschwimmerin Maria Zafeiratou auf dem 7. Gesamtplatz in 35:32 Minuten als Erste das Ziel. Die letzte Schwimmerin wurde nach 1:37:06 Stunden von der versammelten Schifffahrtsflotte im Hafen mit Sirenen, Fanfaren, Hupen und Feuerwerk begrüßt. Mit „the last woman standing“ ging dann auch der Auftaktwettbewerb bei der 8. Edition des Santorini Experience zu Ende.

Santorini ist nicht nur der Inbegriff von Romantik, landschaftlicher Ästhetik und exklusiven Luxusherbergen, sondern vor allem ein Mythos. Ihr vulkanischer Charakter hat einen magnetischen Effekt auf jeden, der die Insel jemals gesehen hat.
Fakten
Die 9. Santorini Experience findet voraussichtlich in der ersten Oktoberhälfte 2026 statt. Die Wettbewerbe:
- Trailläufe über 5/10/15 km am Samstag
- Freiwasserschwimmen in der Bucht von Santorini über 2.4 km von der Insel
Nea Kameni zum alten Hafen von Fira am Freitag - Gesonderte Wertung für Schwimmer mit Neoprenanzug
Website: www.santorini-experience.com/en

Anreise: Internationale Flüge bis Athen. Von dort ist es nur noch ein Hüpfer bis Santorini. Zum Beispiel mit Aegean Airlines mehrmals täglich in 30 Minuten zum Flughafen Thira in Santorini. Direktflüge gibt es auch, zum Beispiel mit Lufthansa, Discover Airlines und Aegean Airlines von Frankfurt, easyJet von Genf und Edelweiss Air ab Zürich.
Außerdem zahlreiche Fährverbindungen von Piräus, dem Hafen der griechischen Hauptstadt, bis nach Santorini. Fahrzeit rund 5 Stunden.
Santorinis Hotellerie und Gastronomie ist Weltklasse, nicht wenige Etablissements kooperieren als sogenannte „Hospitality Sponsoren“ mit dem Event. Zum Beispiel das erst vor einem halben Jahr eröffnete Sandblu Resort in Kamari im Osten der Insel, ruhig gelegen und mit Seeblick am Fuße der Ruinen von Alt-Thera, die 360 Meter höher auf einem steilen Grat thronen.
Infos: www.sandblu.com
Historie
Eine interessante Anekdote aus deutscher Sicht, soll hier nicht verschwiegen werden: Am 14.3.1954 besuchte Konrad Adenauer im Rahmen seiner Griechenland- und Türkeireise Santorini. Er wollte die auf dem Messavouno-Berg in 360 Metern Höhe gelegenen Ruinen von Alt-Thera besuchen, die ab dem Jahr 1895 durch den deutschen Archäologen Friedrich Hiller von Gaertringen systematisch erforscht und bis 1904 ausgegraben wurden. Da man den steilen Grat nur zu Fuß oder mit einem Esel erklimmen konnte, wurde extra für den Besuch des damaligen Bundeskanzlers in nur 7 Tagen eine Schotterpiste bis zu der Ausgrabungsstätte gebaut, auf die er dann mit einem Jeep hochgefahren wurde.


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