Das große Laufbuch der Trainingspläne

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Gut ein Jahr ist es her, als Eliud Kipchoge hier auf der Prater Hauptallee im Windschatten von zahlreichen Weltklasseläufern die 42,195km in 1h59:40,2 gelaufen ist.

Viele Zuseher säumten die Rennstrecke, das Fernsehen übertrug weltweit. Alle Hindernisse waren von der Top-Organisation im Vorfeld beseitigt worden, stellenweise gab es extra neuen Asphalt. Davon profitieren wir heute, denn der Asphalt auf der Hauptallee war schon sehr rau.

 

Eliud ist in etwa halb so alt wie ich, halb so schwer und um einen Kopf kleiner. Seine Fabelzeit aus dem Vorjahr ist in gelber Schrift auf dem Asphalt festgehalten. Die orangen, strichlierten Linien, denen das Pace-Car folgte, sind auch noch da.

Marathonlaufen bedeutet auch und v. a. meistens zeitig aufstehen. Während der Normalbürger sich am Wochenende noch lange im Bett wälzen kann, ist für den  Marathonstarter um 5h00 Tagwache, unabhängig vom Wetter. Wie für mich heute. Frühstücken, Abfahrt um 05h50, Regen auf der Autobahn, ab St. Pölten wird es hell, um 08h00 habe ich einen Gratis-Parkplatz in der Nähe des Wiener Stadions. Auf dem Weg zum LCC-Wien, der Verein ist in den Katakomben des Stadions untergebracht, komme ich der Corona-Teststraße in die Quere, sieht spooky aus.  Die hat mit unserem Marathon zum Glück nichts zu tun. Schnell und unkompliziert bekomme ich meine Startnummer, Toiletten gibt es auch, um halb 9 bin ich im Startbereich.

Auf dem Asphalt sind die Startpositionen markiert, damit man sich ja nicht zu nahe kommt. Keep Your Distance! Jede(r) sucht sich deshalb eine Markierung, ab der Startlinie darf dann überholt werden. Start um 9 Uhr.

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Die Strecke gleicht einem großen „P“ mit eingedelltem Bauch. Wir starten auf Höhe des Ernst-Happel-Stadions Richtung Lusthaus (16. Jhdt, heute ein Café, 1948 nach Reparatur der Kriegsschäden wiedereröffnet). Unter der A23 durch, nach 1,2km rechts weg, fast eine Spitzkehre, in die Lusthausstraße. Hier ist der Eliud 2019 nicht gelaufen, es ist derselbe Asphalt wie vor 9 Jahren, der war damals schon schlecht.

Rossäpfel und die unzähligen Kratzer von Hufeisen auf der Straße sind nicht zu übersehen, die zahlreichen Kastanien auf dem Boden sollte man besser auch nicht übersehen.                                                                                                                   Wieder unter der A23 durch, ein Streckenposten achtet auf möglichen Autoverkehr und auf etwaige Streckenoptimierer. Für uns Läufer ist mit Hütchen eine Spur abgegrenzt, die andere darf befahren werden, das kommt aber selten vor. Rechts abbiegen in die Stadionallee und bevor 3km absolviert sind, erreichen wir wieder die Hauptallee. Links, nun fast 2km schnurgerade, U-Turn in Nähe des Wiener Riesen-rads (1897), weitere 3,2km schnurgerade „bergauf“ Richtung Lusthaus. Dann hat man schon 8,2km hinter sich und ist bereits im zweiten von sechs „P“s. Nun wieder rechts in die Lusthausstraße, usw.

Die Prater Hauptallee im Laufdress kenne ich schon gut, ist sie doch auch wichtiger Bestandteil des Vienna-City-Marathons, der heuer, wie so vieles, abgesagt worden ist. Und ich weiß auch, dass es da immer zieht. Heuer kommt der Wind von NW, also vom Praterstern her. Es hat etwa 8°C und unter meinem Shirt trage ich eine wind-dichte Jacke, deren Luftdurchlass ich mittels Reißverschluss regulieren kann. Das klappt ganz wunderbar. Zu meiner großen Freude regnet es nicht, in der ersten Stunde scheint sogar die Sonne.

Robert Roithinger macht heute seinen ersten Marathon in Österreich und ist auf eine PB aus, Gerhard Wally ist wieder einmal am Start und natürlich die vielen üblichen Verdächtigen, die trotz oder wegen erzwungener marathonfreier Zeit sich das Sammeln der Marathons nicht vermiesen lassen wollen. Virtuell halte ich für quatsch, das braucht kein Mensch. Ich will echte Marathons.

Alle 30 Meter nun links am Streckenrand die km-Schilder 39, 32, 25, 18, 11 und 4. Jeder km ist unübersehbar markiert. Relativ viele Kastanienschalen und Kastanien liegen hier am Boden, diese kleinen Kugellager stören doch etwas.

Was auch stört ist, dass die Getränkebecher allesamt mit Stretchfolie zugedeckelt sind. Das ist umständlich, v. a. wenn man mit Flasche oder Fotoapparat in der Hand läuft und eine Hand somit eh schon fix vergeben ist. Leider ist noch dazu recht wenig eingeschenkt, sodass ich pro Boxenstopp drei Becher mit Folie verbrauche.

Die Schmalspur-Liliputbahn rattert vorbei. Ich komme seit 40 Jahren immer wieder nach Wien, war da sogar beim Bundesheer, irgendwann fahre ich auch damit. Das nehme ich mir heute fest vor. Und dann gehe ich zum ersten Mal ins Schweizerhaus!

Der Gegenwind setzt immer ein wann man rechts von der Hauptallee abbiegt und am Heustadelwasser entlangläuft, setzt dann kurz aus und kommt wieder auf der Haupt-allee. Mit meiner Laufbekleidung habe ich es richtig erwischt. Etwas Windschatten, wie der Eliud hatte, wäre ganz fein.

1h33min für die ersten 15km, ganz ohne Windschatten.

Witzigerweise, vom Rückenwind nach der Wende bemerkt man kaum etwas. Außer, dass mich hie und da ein welkes Kastanienblatt überholt.

Unter uns Bewerbsläufer haben sich natürlich auch Freizeitläufer gemischt, ein paar laufen recht schnell, viele langsam und paarweise.

2h12min für die ersten 21,1km ist heuer okay.

Bei der Einmündung der Stadionallee in die Hauptallee bekomme ich immer Applaus. An diesem Knotenpunkt haben sich Zuseher eingefunden. Die rufen gerade wie wild „Herbert! Herbert“. Sie meinen aber nicht mich, in Gegenrichtung läuft der spätere Sieger und der heißt auch so!

Als der Sieger nach 6 Runden ins Ziel läuft, beende ich gerade meine 4. Runde und bin gar nicht so schlecht in der Zeit, verglichen mit den letzten paar Wochen. Dass ich jetzt einmal eine Woche nicht gelaufen bin, war gewiss eine gute Idee.

Gerhard Wally musste leider aufhören, fragt mich aber, ob ich was brauchen würde? Danke sehr, alles i.O bei mir.

Der Trommler hatte pausiert und nimmt jetzt wieder die Arbeit auf. Es tauchen die ersten Halbmarathonis auf, denn um 13h beginnt deren Rennen. Wolfgang Thallinger z.B. wartet auf seinen Einsatz und schießt derweil Fotos. Beim Porto-Marathon 2018 war er schnellster Österreicher.

War ich nach der 4. Runde etwas erschöpft, läuft es auf einmal wieder besser.

Hier laufen lauter glückliche Menschen. Sie sind momentan zwar verschwitzt und sehen vielleicht etwas abgekämpft aus, dennoch sind sie glücklich.

Mitte der fünften Runde, begegnet mir der Börni etwas später als bisher, das macht mich zuversichtlich. Ich überhole ziemlich locker erst Birgit, dann Elisabeth und freue mich auf eine meiner besten Zeiten heuer. Niedrige Temperatur, kein Regen, so gut wie keine Höhenmeter, gute Versorgung und Schonung die Tage zuvor. Heute passt alles zusammen. Gegen Ende der 5. Runde taucht Robert Roithinger aus meinem Windschatten auf, überrundet mich und läuft mit sub 3h45 seine PB!

6. „P“, die Hauptallee hinauf Richtung Lusthaus. Ich überrunde den Anton Reiter, der mich dafür erneut fotografiert. Auf Höhe vom Heustadelwasser höre ich den Start vom Halbmarathon. Wenn ich die letzte Runde so schnell wie die 5. laufe, bin ich unter 4h35 im Ziel. Ein etwaiges Warten auf 4h44 habe ich verworfen, zu lange würde ich vor der Ziellinie herumstehen. Ein, zwei, drei Minuten würde ich dafür zwar opfern, nicht aber 10.

Noch bevor ich zum letzten Mal die NW-Wende Nähe Riesenrad erreiche, flitzen die schnellsten Halbmarathonis an mir vorbei, auch Wolfgang lässt nicht lange auf sich warten. Plötzlich läuft Andreas Kraft neben mir. Auch er ist in der Vorwoche den Kärnten-Marathon gelaufen, jetzt trabt er neben mir her, er hat morgen sein Rennen.

Plaudernd vergehen meine letzten 2km recht angenehm und tatsächlich wird meine Zeit mit 4h34min06sec gemessen, fein! Nur in Bad Füssing war ich heuer schneller.

Bei der Ziellabe bekomme ich ein paar abgepackte Waffeln, ein Orangenstück aus dem Papierbecher mit Stretchfolie darüber, sowie eine Flasche Gatorade.

Sehr zu meiner Freude ist mein Kleiderbeutel in der Nähe, sodass ich gleich aus dem verschwitzen Zeug herauskomme.

Helga Marwan-Schlosser, aktuell Österreichs eifrigste Marathondame des Jahres, und Martin Geicsnek sind längst im Ziel und bereit abzureisen. Für ein gemeinsames Foto ist aber noch Zeit. Bernhard Keiler hat heute seinen 194. Marathon beendet und mein nächster ist dann schon mein 200.! Oida!

Während ich auf der Heimfahrt ungefähr auf der Höhe von Melk bin, wird hier der zweite Marathon des Tages gestartet. Man kann dem Veranstalter, der Veranstalterin gar nicht genug danken, dass sie die Rennen heute möglich gemacht haben. Wir Marathonsüchtigen wissen es zu schätzen!

125 Marathonfinisher + 11 DNF

(Aktueller Marathonweltrekord: Eliud Kipchoge in 2h01:39, erlaufen in Berlin am 16.9.2018)

Sieger des LCC-Wien Marathons:  Herbert Kopp in 2h38:38 (geb. 1984, wie Eliud)

die schnellste Dame heute: Melanie Marouschek in 3h29:41

Im Startgeld (Spätanmelder) von € 52,- waren inklusive:

500g Recheis-Nudeln, Schokodrink und Shampoo im Startersackerl

Flache Strecke, nur 30 Höhenmeter, daher Bestzeit geeignet (siehe RoRo),

pentek-timing, guter Stadionsprecher, Zelt für Kleiderbeutel

Sambatrommler in der Nähe des Riesenrads

Eine große Finishermedaille mit schönem, gelbbuntem LCC-Wien-Band

Labestelle(n), mit Gel, Wasser und Gatorade, mit Stretchfolie zugepickte Becher

Ach ja: Ein XL-Baumwoll-Shirt mit Lauf-Logo ist man mir seit Okt. 2011 schuldig! Das mit dem Nachschicken hat wohl nicht geklappt.


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