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Freitag Abend, ich sitze mit Evi am Golobarskih Trg, dem Hauptplatz von Bovec im Gastgarten der Thirsty River Brewery. Neben uns werden für den morgigen Marathon Bühne und Videowall montiert. Einige Minuten lang verschwindet unsere Kellnerin und kommt wenig später mit ihrem prall gefüllten Goodie-Bag samt Startnummer zurück. Sie wird den Halbmarathon laufen.

Doch wie kommt man nach Bovec (3.200 Einwohner)? Vom Norden her auf interessanten Wegen, das steht fest. Entweder über Tarvis und den harmloseren Passo Predil (1.156m) oder über Kranjska Gora und den Vršič-Pass (1.611m). Beide Passstraßen sind lustig zu befahren, wenn man es gerne sehr steil, sehr eng und gute Bremsen hat. Man wünscht sich wenig bis gar keinen Gegenverkehr und nicht jedes Wohnmobil passt da drüber. Die Straße über den Werschitz-Pass wurde im 1. WK von Kriegsgefangen Österreichs, v. a. Russen, erbaut. Beiderseits des Passes führen 25 Spitzkehren hinauf bzw. hinunter. Eine hölzerne Russische Kapelle auf der Nordseite erinnert an ein Lawinenunglück im März 2016, bei dem 400 Arbeiter ums Leben kamen.

Evi und ich sind heute die Marathonstrecke abgefahren. Nicht alle Abschnitte sind  mit  einem Geländewagen befahrbar, z.T. weil nicht erlaubt, z.T. weil eh unmöglich. Die ersten 10km auf Asphalt sind leicht, aber dann!

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Die Nacht zum Samstag schüttet es wie aus Kübeln, wie schon die Nacht zuvor. Zum Start ist aber alles wunderbar, kühl, kein Regen. Von unserer Unterkunft sind es nur 500m bis zum Start. Der Sprecher ruft die Teilnehmer jeder Nation nach Alphabet geordnet auf, die Hand zu heben. Diese bekommen denn von den anderen Applaus. Außer mir kann ich keinen Österreicher erkennen, neben mir applaudiert mir die junge Lisa Schäller, einzige Deutsche am Start. In den Bewerben sollen 14 Nationen vertreten sein. Gefühlt sind 99% der Starter aus Slowenien.

Auf gut ausgebauter Straße laufen pünktlich um 9 Uhr 235 Leute los. 2019 waren es drei Mal so viel! 2020 gab es diese Veranstaltung gar nicht! Durch den Ort zuerst ein schönes Gefälle. Rechts die Zufahrt zur Seilbahn auf den 2.587m hohen Kanin, oben befindet sich ein slowenisch/italienisches Skigebiet.  Ein kleiner Gegenanstieg nach 1,8km, dann wieder hinunter. Ich schwätze kurz mit Nina der Kellnerin, die mit dem Wetter auch sehr zufrieden ist. Wenn gegen Mittag die Sonne rauskommen soll, wird sie schon im Ziel sein. Wasserstelle, für die ersten 5km brauchen wir 27min. Bei der Brücke über den Boka steigt es etwas an. Ein tosender Wasserfall, breit, hoch, der Slap Boka, versprüht Wasser. Nach Žaga hinauf, km7, und schon kriegen wir wieder was zu trinken. In Srpenica waren wir gestern und haben u. a. die Kirche besichtigt. Dort ist heute km10 und eine gut ausgestattete Labestelle, die Orangen schmecken ausgezeichnet. Wir werden eifrig angefeuert, wahrscheinlich sind wir DAS Ereignis des Jahres. 60min für 10km und ich bin beinahe Letzter! Was für Leute laufen denn da? Was nehmen die?

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Ende Asphalt, auf einem Kiesweg aus zwei Fahrspuren laufen wir durch Wiesen, vorbei an Gehegen für Schafe und Esel. Da höre ich Ziehharmonika-Musik! Ein etwa 10 Jahre junges Mädchen sitzt auf einer Bank, die Mutti daneben, und sorgt für Unterhaltung. Ein Schild „POZOR SPUST“ warnt vor dem steilen Abstieg auf nassen Holztreppen, die im früheren Leben Eisenbahnschwellen waren und jetzt, portioniert, weitere Verwendung finden. Auf die meisten der nassen, teilweise bemoosten Stufen wurde rutschhemmendes Vlies geschraubt – sehr gut! Es dauert eine Weile, bis ich unten am Ufer der Soča bin. Km 11. Und was steht da? „Obligatory Walking“, denn auf dieser schmalen Hängebrücke wäre das Laufen zu gefährlich. Evi und ich haben sie gestern überquert. Es braucht nicht viel, und die fängt sofort an seitlich zu schwingen. Beim Laufen und folglich einer Auf-und-Ab-Bewegung dieser Brücke würde sie einem die eigenen Beine in den Bauch rammen. Hier nicht zu laufen ist demnach das einzig Richtige.

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Drüben geht es auf steinigem Weg, wie man ihn in den Kalkalpen erwarten darf, einige Höhenmeter hinauf und dann am linken Sočaufer flussaufwärts zurück. Die nächsten 3km sind breit genug für einen Traktor, halbwegs flach und bestehen v. a.  aus Geröll, meist scharfkantigen Steinen und fließendem Wasser dazwischen. Schließlich hat es hier in letzter Zeit lange und stark geregnet, stellenweise etwas Matsch. Unten auf der Soča schwimmt  hie und da ein Rafting-Boot mit so 6 – 8 gelbbehelmten Insassen. Eigentlich sitzen sie auf dem Rand des Schlauchboots. Rechts steile Felswände, von da oben kommen viele der Steine auf denen wir laufen.

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Kurz vor Log Čezsoški, das sind nur ein paar kleine Häuser, knipsen uns zwei Fotografen und wir werden versorgt und angefeuert. Ab nun wieder Asphalt. Ich komme zur Mündung des Boka in die Soča. Über die Soča führt eine „One lane bridge“, da drüben ist km6. Aus diesem Blickwinkel liegt der Boka-Wasserfall genau über dem Boka-Hotel, das ergibt ein schönes Bild. Km15 nach 1h37‘

Wir aber bleiben am linken Flussufer, auf schönem, neuem Asphalt laufen wir fluss-aufwärts, rechts Felswände, da und dort liegt ein kleiner heller Felsbrocken auf der Fahrbahn. So schön vor 1 Woche der Kyffhäuser-Berglauf war, als Vorbereitung für den Bovec-M war dieser Marathon vermutlich doch nicht so ideal. Man ist ja nicht mehr der allerjüngste. Nach 18km führe ich mittels PowerGel etwas Energie zu.          Ich und ein paar Halb-M-Damen erreichen Čezsoča. Einige Anwohner feuern uns an. Die Straße schlängelt sich durch den Ort. In der Nähe der Kirche dann ein Versor-gungsposten mit allen Schikanen. In Čezsoča haben viele Vereine und Firmen, deren Haupteinnahmequelle der Sport auf dem Fluss ist, ihr Basislager. Unzählige Neoprenanzüge hängen zum Trocknen im Freien. Bunte Kajaks sieht man auf Autodächern oder Anhängern und immer wieder natürlich Wohnmobile.

Armband Love Running

Kurz bevor sich Halbmarathon und Marathon trennen, treffe ich sehr zu meiner Freude meine Frau, die gerade auf einen Kaffee war. Während der Halbmarathon, der hier 23km lang ist, die Soča überquert, bleibe ich auf dieser Seite und bin von nun an alleine. Ein kurzes Stück auf Kies, km 20, dann wieder auf Asphalt. Die Zeitkontrollmatte piepst. Es folgt ein kurzer steiler Anstieg, km 21, eine etwaige Halbmarathonmarkierung sehe ich keine. Links unten der Fluss, rechts steil ansteigender Wald, immer wieder Haufen von dicht bemoosten, fußballgroßen Steinen, die sehen richtig kuschelig aus. Die beiden Herren nach km22 haben Wasser, H5-Gel und Iso für mich. Während ich meine Flasche auffülle, unterhalten wir uns ein bisschen auf deutsch. Es geht hinunter zum letzten Haus, wo die Straße endet. Auf einem schmalen Steg geht es über einen Bach und hinauf in den Wald. Nach 2km auf Steinen laufe ich hinunter zum Fluss und bei km24 auf einer „Einbreið Brú“ hinüber zur 206. Die 206 ist die Straße von Bovec → Kranjska Gora.

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Diese ist extra für uns gesperrt worden. Labestelle. Ab hier habe ich läuferischen Gegenverkehr. Die, die mir jetzt begegnen sind zuerst 9, später nur mehr 7km vor mir. Flach ist es hier nicht. Im Gegenverkehr Lisa. „Du siehst noch gut aus!“, rufe ich ihr zu. „Ich fühle mich aber gar nicht gut“, ihre Antwort. Tatsächlich wird sie heute nicht ins Ziel kommen. An der Leitschiene lehnen drei rotbehelmte Mädchen und blicken auf den Fluss. Da unten tummeln sich einige Leute in Neoprenanzügen und mit orangen Schwimmwesten. „Ist euch euer Boot abhanden gekommen?“ „Nein, nein, das wird bald kommen.“ Na dann.

Nach etwa 2km schickt man mich über eine schmale Hängebrücke, Laufverbot auch hier, wieder ans linke Flussufer. Jetzt, da die Sonne scheint, leuchtet das Wasser herrlich smaragdgrün. Kein Wunder, dass es hier Campingplätze in Unmengen gibt. Den Autokennzeichen nach hat sich die Schönheit des Sočatals bis Holland und Frankreich herumgesprochen. Österreich, Schweiz und Deutschland sowieso.

Nach zwei km im Wald erreiche ich den Zusammenfluss von Soča und Lepena. Boah, ist das schön hier, schon alleine der Blick das Lepena-Tal hinauf! Unzählige beeindruckende Berggipfel sehe ich da. Immerhin bin ich schon die längste Zeit im Triglav Nationalpark. Auf einer festen Brücke überquere ich die Lepena und bin beim Kamp Klin, wo ich umfassend versorgt werde. „Schön habt ihr es hier!“ Ja, sie sind sich dessen auch bewusst.

Die Soča verengt sich zu einer Schlucht, darin runde Becken, von Strömung und Steinen gebildet. Ein junger Mann hüpft tatsächlich von hoch oben in so ein Becken, sieht aber zu, dass er schnell aus dem Wasser rauskommt. Das Wasser sieht einladend aus, besonders warm kann es aber nicht sein. Die Schlucht wird enger und tiefer, man sieht gar nicht immer bis zur Wasseroberfläche, trotzdem fahren da unten Kajaks durch. Muss aufregend sein, da durchzusausen. Km 29, eine Straßenbrücke über die hier sehr schmale Schlucht und hinauf zur 206. Neben Rettung und Feuerwehr (Gasilci) picknicken hier einige Urlauber, von denen ich Applaus bekomme. Ab jetzt laufe ich wieder Richtung Bovec, die 206 flussabwärts.  Null Verkehr hier, die Straße gehört mir allein. Schade, dass ich nicht frischer bin.

Aber sowohl der Kyffhäuser (normal im April) als auch Bovec schwirrten schon lange in meinem Hinterkopf herum und 2020 ging ja vieles nicht. Ich wollte diese beiden Marathons endlich gemacht haben, das war mir wichtig. Man kann nicht alles auf die lange Bank schieben, man wird ja nicht jünger. Als ich zu km33 = km24 komme, ist die Labestelle schon geschrumpft. Nur mehr sechs Becherchen stehen da. Ich vermute daher, dass nicht mehr allzuviele Teilnehmer nach mir kommen werden. Als e.t.a. habe ich Evi ¼ nach 2 genannt. Wenn man in Berlin nach 5h15 ins Ziel läuft, hat man zuverlässig einige Tausend Läufer und Läuferinnen hinter sich. Das ist hier anders, dafür könnte sich für mich heute ein Platz in den Top-50 ausgehen.

Ein längerer Anstieg ab km34, erste Motorradfahrer überholen mich zaghaft. Nur die Biker und ich. Bei der hölzernen Anlage einer alten Seilbahn geht es wieder runter, bevor es nach Kal-Koritnica ansteigt. Ein Polizeiauto blockiert die 206, dahinter Dutzende abgestellte Auto. Leute stehen daneben oder sonnen sich in der Wiese. Die warten alle darauf, dass die gesperrte 206 wieder für den Verkehr freigegeben wird. Heute ist Samstag und somit beliebter An- und Abreisetag vieler Urlauber.

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Ich hoffe, dass nicht ich der Grund für diese noch andauernde Straßensperre bin.

Als ich rechts hinauf in den Ort abbiege, bleibt die Straße gesperrt. Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass da noch jemand kommen muss. Ende Asphalt, einen km lang geht es auf Schotter hinauf in den Wald, höher als mir lieb ist. Am höchsten Punkt sitzt ein Streckenposten im Auto. Dieses Mädchen soll im Fall des Falles wohl Hilfsmaßnahmen einleiten. Auf diesen steinigen Forststraßen ist ein Knöchel schnell einmal verstaucht.

Es geht hinunter, zwischen Kuhweiden durch, leichter Anstieg, an einem Bauernhof vorbei. Herrlicher Sonnenschein, die Temperatur empfinde ich als angenehm, den Untergrund nicht so.

Eine weite Linkskurve, jemand hat leider einen Griller angeheizt, der Qualm raubt mir den Atem. Die nächste Labestelle ist fest in Kinderhänden. Der Chef ist etwa 10, die drei blonden Mädchen eher so 4, 5 und 6 Jahre alt. Als ich mich beim Chef bedanke winkt er lässig ab: „No problem!“

Die Strecke führt wieder über eine Hängebrücke. Gebaut wie die bisherigen aus Stahlseilen und Holzbrettern, aber etwa doppelt so breit, vermutlich sogar PKW-tauglich. Hier herrscht kein Laufverbot. Km 39

Ich überquere die Straße Bovec – Passo Predil, die 203. Neben dem Streckenposten parkt ein schwarzer Škoda-Octavia mit gelbem Blinklicht auf dem Dach und einem Strohbesen an der hinteren Stoßstange. Ob der etwa auf mich wartet? Nö, der Fahrer schüttelt den Kopf. Ein kurzer Anstieg in den Wald und dann ein Wiesenweg. Fest getretene Erde, noch feucht vom Regen. Es lässt sich herrlich darauf laufen. Sogar noch eine Labestelle! Einer der Berggipfel sieht meines Erachtens besonders gut aus. „We call him Svinjak!“, werde ich aufgeklärt. An einem Schuppen vorbei und dann biege ich im rechten Winkel links ab, direkt auf die 203 zu. Km41. Dort ist für die Läufer mittels Verkehrsleitkegeln eine Laufspur abgegrenzt. Ich laufe am Hotel Mangart vorbei, das leider ausgebucht war. Kreisverkehr und hinein in den Ort.      Da ich so alleine daher komme, habe ich die ganze Aufmerksamkeit der Leute am Streckenrand. Km42. Es steigt an, ich laufe durch mehrere Zielbögen durch bis ich endlich den roten Bogen mit Start/Cilj sehe. Die Live-Musik spielt und Evi kann mich tatsächlich nach 5h15 im Ziel begrüßen. Sie hat einen blitzblauen Blitz-Luftballon für mich, da steht Marathon Nr. 211 drauf. Ich darf ich mir eine Medaille nehmen. Es sind noch ganz viele davon da. Dann bekomme ich so viel Erdinger alkoholfrei bis ich nicht mehr mag.

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Ich ziehe mir trockenes Zeug an, so können Evi und ich die Sonne und das Trara hier noch genießen, die Musik und den spaßigen Kerl im Kostüm eines Riesenkängurus samt Baby im Beutel. Später sehen wir bei den Kinderläufen zu. Hey, ich bin in den Top-50 gelandet! Das schaffte ich beim Berlin-Marathon noch nie!

51 Marathonfinisher (46m + 5 w)  Der andere Österreicher im Ziel war der Sieger, Niklas Kröhn, er brauchte 2h51:18

Im Startgeld  von nur € 25,- waren inklusive:

prall gefüllter Goodie-Bag: 3 Getränke, Laufsocken, 582g-Schafskäselaib

386 Höhenmeter

Ljubljana-Timing auf Startnummer, Garderobe, Showprogramm, Live-Musik bis 17h

schöne Finishermedaille, für die jeweils ersten 3 in Gold, Silber & Bronze

Labestellen mit Orangen, Bananen, Rosinen, Zucker, Gel, Wasser und Iso

Blitz ist Namenssponsor des Marathons, so heißen die hiesigen Wasserarmaturen.   

1

29

KRÖHN NIKLAS

AUT

Kelag Energy

2:51:18

2

10

DEBELJAK ALEŠ

SLO

AD Olimpik

2:54:49

3

56

ROJNIK KLEMEN

SLO

Olimpija TK

2:58:35

1

40

MRAVLJE NEŽA

SLO

AD Kronos

3:29:43

2

48

PODBEVŠEK MAJA

SLO

resi-me.si

3:57:43

3

19

KLANČAR BOJANA

SLO

redke zverke

4:08:51

 

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