Am 11. Januar machen sich Thomas und ich nach dem late Check-out im Grand Coloane Resort mit dem Taxi auf den Weg zum Internationalen Flughafen Macau. Gemeinsam mit Deborah, Peter und sowie weiteren Teilnehmern haben wir den Direktflug um 17:30 Uhr nach Taipeh gebucht.
Obwohl ich durch meine Marathonreisen in den letzten Jahren zum Vielflieger geworden bin, stelle ich fest, dass einige Clubkollegen wesentlich exklusiver unterwegs sind. Das beginnt bei Flügen in der Premium Economy, geht weiter über Business und First Class bis hin zum Besitz einer Jahres- oder Dauerkarte für die Lounges an den größten Flughäfen der Welt – oft mit der Option, eine Begleitung mitzunehmen. Dazu kommen Sondertarife in 5-Sterne-Hotels, die über eigene Flugmeilenpölster finanziert werden, und bereitgestellte Leihautos vor Ort.
Da kann ich nicht mithalten, da mein Reiseverhalten noch aus der Studentenzeit der frühen 1970er-Jahre stammt und etwas in der Vergangenheit verhaftet ist. Umso mehr staune ich, als Peter aus Finnland mir vorschlägt, gegen einen Aufpreis eine der Lounges am Flughafen genauer kennenzulernen – das Buffet dort lässt tatsächlich keine Wünsche offen.
Der Flug mit Air Macau in einem Airbus A321neo dauert etwa anderthalb Stunden.

Es ist Sonntag, und nach der Landung in Taipeh herrscht am Flughafen ein großes Passagieraufkommen. Während Thomas mit zwei Umhängetaschen reist, die die Maße für normales Handgepäck wohl überschreiten, suche ich vergeblich auf den Anzeigetafeln nach der Ausgabe meines aufgegebenen Gepäcks vom Flug NX618 aus Macau. Wegen der vielen gleichzeitigen Ankünfte wechseln die Ansagen jedoch so schnell, dass man kaum folgen kann.
Glücklicherweise entdecke ich meine braune, inzwischen recht ramponierte Samsonite-Tasche – erkennbar an dem auffälligen hellblauen Spanngurt – bereits auf einem fast leeren Kofferband. Nun habe ich freie Bahn und treffe Thomas, der wie verabredet vor den Einreiseschaltern wartet. Dort werden die Ankunftskarten, die man frühestens drei Tage vorab ausfüllen kann, akribisch kontrolliert – obwohl unsere Daten durch die elektronische Voranmeldung längst im System erfasst sind.
Wichtiger Hinweis: Dieses Buch macht dich zum besseren Läufer
Vor uns stehen zwei junge Frauen, die Englisch sprechen. Der Beamte am Schalter hält sie offenbar absichtlich auf, bis eine von ihnen ihm verdeckt etwas in die Hand drückt. Dann dürfen sie passieren. Bei uns versucht er sein „Willkommensprozedere“ erst gar nicht; wir werden rasch abgefertigt.
Mit dem Taxi fahren wir in die etwa 30 Kilometer entfernte Innenstadt. Zwar gibt es eine Metro-Verbindung, aber Thomas möchte lieber möglichst schnell im CitizenM Taipeh North Gate Hotel ankommen. Dieses ist nun kurzfristig zum offiziellen Rennhotel bestimmt worden. Auch wir beide haben umdisponiert und – statt wie ursprünglich geplant im Holiday Inn Airport by IHG – für zwei Nächte das zentral gelegene CitizenM Taipeh gebucht.
Micro-Living Hotelkonzept: citizenM Taipei North Gate
Schon beim Betreten beeindruckt das Hotel durch sein konsequent futuristisches Design, das sich nahtlos im Check-in-Prozess fortsetzt. Eine klassische Rezeption sucht man hier vergeblich; stattdessen erfolgt die Anmeldung an etwa zehn vernetzten Terminals. An diesen Tablets scannen Gäste ihren Reisepass ein und ergänzen fehlende Daten händisch, wobei zwei Mitarbeiter unterstützend bereitstehen. Nach Abschluss dieses digitalen Prozedere erhält man zwei Keycards aus Pappe in einem praktischen Umschlag.
Das Hotel verfolgt ein radikal effizientes „Micro-Living“-Konzept, das auf kompakten 15 m² maximale Funktionalität bietet. Für einen Preis von ca. 129 Euro pro Nacht (etwa 4.750 TWD) erhalten Gäste ein Zimmer, das konsequent auf Zweckdienlichkeit ausgelegt ist. Statt sperriger Schränke finden sich eine platzsparende Kleiderablage sowie eine große Schublade unter dem XL-Kingsize-Bett. Letzteres ist das Herzstück des Raumes: Es ist direkt am Panoramafenster platziert und ermöglicht so einen spektakulären Blick auf die Stadt.

Die gesamte technologische Steuerung erfolgt zentral über ein iPad (MoodPad). Damit lassen sich die farbige Ambiente-Beleuchtung, die Blackout-Rollos und die Raumtemperatur intuitiv regulieren. Der Sanitärbereich ist als kompakte, pflegeleichte Kabine integriert, die optisch an ein modernes Fertigmodul aus Kunststoff erinnert und eine leistungsstarke Regendusche beherbergt. Ein kritischer Punkt im System ist die permanente Luftzirkulation: Was das Hotel als modernes Klimakonzept versteht, kann in der Praxis aufgrund der nicht vollständig abstellbaren Belüftung als störend empfunden werden. Insgesamt bietet das Haus ein stimmiges Lifestyle-Erlebnis für Reisende, die eine zentrale Lage und technische Innovationen über klassischen Hotel-Luxus stellen.
Unterwegs im Zhongzheng Distrikt
Nach dem Bezug des Zimmers begebe ich mich in den nur ca. 500 Meter entfernten Stadtteil – das lebendige Ximending –, wo mich ein faszinierendes, traditionelles Ambiente erwartet. In den belebten Gassen reihen sich Verkaufsstände für Güter des täglichen Bedarfs aneinander: von Kleidung und Obst bis hin zu Souvenirs. Besonders auffällig sind die traditionellen Apotheken. In diesen hängen oft getrocknete Wurzeln, Pilze und allerlei fernöstliche Kostbarkeiten, denen heilende oder gar potenzsteigernde Wirkungen nachgesagt werden – ein tiefer Einblick in die jahrhundertealte chinesische Medizin.
Zwischen bunten Leuchtreklamen von Spiel- und Vergnügungslokalen pulsiert das Leben. An diesem Sonntagabend sind die zahlreichen Garküchen und Restaurants bis auf den letzten Platz gefüllt. Es erfordert etwas Geduld, einen freien Hocker zu ergattern, doch das Warten lohnt sich: Die frisch zubereitete Won-Ton-Suppe schmeckt herrlich authentisch. Dabei lässt sich die lokale Esstechnik beobachten: Taiwaner essen die festen Bestandteile der Suppe geschickt mit Stäbchen, während die kräftige Brühe mit dem typischen flachen Löffel verzehrt wird – eine Übung in Koordination, die den Genuss erst perfekt macht.
Nur wenige Schritte weiter wandelt sich das Bild erneut, wenn man auf die prachtvollen, rot leuchtenden Tempelanlagen stößt, die inmitten des modernen Trubels Ruhe ausstrahlen und den Duft von Räucherstäbchen verbreiten.
Einige touristische Informationen
Die Insel Taiwan umfasst eine Fläche von etwa 35.801 km2 und beheimatet im Januar 2026 rund 23,2 Millionen Einwohner, was sie zu einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt macht. Politisch agiert die Inselnation als stabile Demokratie mit de facto Autonomie, wobei die völkerrechtliche Statusfrage international weiterhin sensibel bleibt. Wirtschaftlich ist Taiwan ein globaler Gigant, insbesondere im Halbleitersektor, und erreicht 2026 ein geschätztes BIP pro Kopf von über 40.000 USD. Für Reisende aus Österreich und Deutschland ist die Einreise bis zu 90 Tage visumfrei möglich, sofern ein gültiger Reisepass vorliegt und die seit Ende 2025 obligatorische digitale Einreisekarte (TWAC) vorab ausgefüllt wurde. Das Klima im Januar ist im Norden mit 13°C bis 18°C eher kühl und feucht, während der Süden oft deutlich mildere Temperaturen bietet. Gezahlt wird in Neuen Taiwan-Dollar (TWD), wobei für die berühmten Nachtmärkte stets ausreichend Bargeld eingeplant werden sollte.

Die Hauptstadt Taipeh liegt im Norden der Insel und bildet mit rund 2,8 Millionen Einwohnern im Stadtkern das politische und kulturelle Zentrum des Landes. In der gesamten Metropolregion, die auch New Taipei City einschließt, leben über 7 Millionen Menschen auf engem Raum. Das unverkennbare Wahrzeichen der Stadt ist der 508 Meter hohe Taipei 101, der mit seiner Bambus-Optik und der riesigen Winddämpfer-Kugel die Skyline dominiert. Taipeh gilt als extrem sicher und verfügt über ein hocheffizientes Nahverkehrssystem (MRT), das Besucher schnell zu Sehenswürdigkeiten wie dem Nationalen Palastmuseum oder den heißen Quellen von Beitou bringt. Trotz der modernen Wolkenkratzer bewahrt die Stadt ihren traditionellen Charme in den zahlreichen Tempelanlagen und den verwinkelten Gassen der Garküchen. Im Januar empfiehlt sich für den Aufenthalt in der Metropole wetterfeste Kleidung, da der Nordostmonsun häufig für leichten Regen und bewölkten Himmel sorgt.
Morgenerwachen an der Zhonghua Road
Wenn man morgens am Fenster des Citizen M Hotels steht, wird man von einer Szenerie begrüßt, die weit über ein einfaches Panorama hinausgeht. Der Blick von meinem Zimmer ist fast ein 3D-Erlebnis: Durch die hohe Perspektive und die klare Morgenluft wirkt die Stadt plastisch, fast wie eine Miniaturwelt zum Greifen nah. Es ist ein Moment der Ruhe vor dem eigentlichen Ansturm, denn der Sonnenaufgang war bereits um 06:38 Uhr. Das sanfte, goldene Licht der frühen Stunde legt sich wie ein warmer Filter über die Fassaden der Hochhäuser und lässt die fernen Berge am Horizont in einem pastellfarbenen Dunst erscheinen.
Tief unten breitet sich das logistische Ballett der Metropole aus. Der Verkehr auf der mehrspurigen Zhonghua Rd. wirkt geordnet, fast meditativ in seiner Struktur. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich das typische Straßenbild Taipehs hier sortiert: Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, steht ganz vorne die Kolonne der Zweiradfahrer. Dutzende Motorroller bilden eine kompakte Phalanx direkt an der Haltelinie – bereit, beim Umschalten der Ampel wie ein Bienenschwarm in die Kreuzung auszuschwärmen.
Die Autos stehen brav dahinter, in Reih und Glied über die breiten Fahrspuren verteilt. Die glänzenden Dächer der Limousinen und die bunten Farbtupfer der Busse bilden ein geometrisches Muster auf dem grauen Asphalt, der von den langen Schatten der Bäume und Gebäude durchzogen wird. Es herrscht eine disziplinierte Betriebsamkeit; man meint fast, das leise Summen der Motoren und das ferne Rollen der Reifen durch die Glasscheibe spüren zu können, während die Stadt langsam, aber unaufhaltsam an Fahrt aufnimmt.
Frühstück in internationaler Runde
Gegen 8 Uhr treffen wir uns – meist ohne feste Verabredung – im Frühstücksraum des Hotels. Für ein Haus dieser Größe wirkt der Raum fast schon intim, um nicht zu sagen: verhältnismäßig klein. Noch bescheidener als die Einrichtung ist jedoch das kulinarische Angebot. Jedes durchschnittliche Dreisternhotel, ja sogar jede einfache Pension in Österreich, bietet ein reichhaltigeres Buffet auf.
Schon bei der Ankunft wird man nach dem gewünschten Heißgetränk gefragt, nicht ohne den mehrfachen Hinweis, dass Flaschengetränke oder Milchprodukte wie Joghurt separat in Rechnung gestellt werden. Auf Spiegeleier wartet man vergeblich, und die hartgekochten Eier sind auch nicht nach meinem Geschmack. Diese ausgeprägte „Sparmeister-Mentalität“ empfinde ich als wenig einladend – erst recht nicht, wenn einem das Personal dabei gefühlt ständig auf den Teller schaut.

Umso bereichernder ist dafür die Gesellschaft am Tisch. Da ist zum einen Peter aus Finnland, ein herrlich humorvoller und kommunikativer Mittsechziger, der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, alle fünf Marathons zu absolvieren. Ebenfalls in der Runde sitzen Parvaneh, unsere Renndirektorin, und Sally, eine reiselustige New Yorkerin Ende 50.
Sally ist eine wahre Kosmopolitin und glühende Opernliebhaberin. Da sie regelmäßig in Wien weilt, besitzt sie dort sogar eine Wohnung. Ihre Verbindung zu Österreich ist eng: Eine ihrer Töchter hat ihr Pferd in einem steirischen Reitstall untergebracht, und die Familie zieht es zum Skifahren regelmäßig nach Tirol. Primär ist Sally jedoch in unserer Runde, weil sie sportlich Großes vorhat: Nach dem bevorstehenden Hongkong-Marathon (18. 1.) plant sie, die klassischen 42,195 km auch in Islamabad (26. 1. 2026) zu bestreiten.
Erkundungsgang am Tamsui: Zwischen Baustellen und Vorfreude
Wer will, kann heute vormittags vom Hotel geruhsam ca. 1 km zum Tamsui-Fluss hinunter spazieren, wo sich unsere Marathonlaufstrecke befindet. Die Gegend ist eine ca. 20 km flussaufwärts angelegte Freizeitzone mit allerlei sportlichen Möglichkeiten wie eine Laufstrecke mit Abschnitten auf einem Tartanuntergrund, zumeist aber Beton, eine Radstrecke, ein Bereich für den Rollschuhlauf, Restaurants und Parkbänken zum Verweilen. Derzeit allerdings finden dort umfassende Umbauarbeiten statt, in die die Stadtkommune beträchtliche Summen investiert. Die gesamte Uferfront flussaufwärts soll verbreitert und modernisiert werden – die Fertigstellung ist bis zum Sommer 2026 geplant.

Nach dem Frühstück macht sich ein Teil unserer internationalen Marathongruppe auf den Weg zum Fluss, um die Laufstrecke vorab zu erkunden und sich wichtige Orientierungspunkte einzuprägen. Es ist ein besonderes Stimmungsbild: Während wir auf dem schon etwas aufgebrochenen Asphalt der Rad- und Fußwege dahinspazieren, müssen wir immer wieder kurz innehalten und den emsigen Baufahrzeugen Platz machen, die das Gelände umgestalten.
Trotz der Hindernisse und Absperrungen kommt der Spaß nicht zu kurz. Immer wieder halten wir an, um Juxfotos zu machen – besonders vor den farbenfrohen Wandgemälden an den Schutzmauern, wo wir uns gemeinsam in Pose werfen. Der Blick schweift dabei immer wieder über das Wasser zum markanten Taipei 101, der majestätisch, wenn auch etwas dunstig, am Horizont als Fixpunkt unserer Strecke dient.

Besonders eindrucksvoll ist der Kontrast zwischen der massiven urbanen Architektur der Autobahnbrücken, die wie Kathedralen aus Beton über dem Wasser thronen, und den rustikalen Uferabschnitten. Dort liegen bei Ebbe kleine Fischerboote im grauen Schlamm zwischen flachen Gebüschen und warten auf die nächste Flut. Es ist ein stilles, fast dörfliches Bild inmitten der wachsenden Metropole, das uns kurz innehalten lässt, bevor der sportliche Ernst des Marathons beginnt.

Zwischen Sightseeing und Vorstart-Routine vor dem Marathonverlauf
Während der Rest der Gruppe beschließt, den Nachmittag für einen Ausflug zum weltberühmten Taipeh 101 zu nutzen, trennen sich unsere Wege vorerst. Die anderen nehmen das Taxi zum Tower, um mit einem der schnellsten Aufzüge der Welt die Aussichtsplattform zu stürmen. Der Wolkenkratzer war bis 2004 das höchste Gebäude der Welt und überragt mit seinen 508 Metern majestätisch die Skyline. Seine markante Architektur ist einem Bambusstab nachempfunden – ein Symbol für Stärke und unendliches Wachstum, das uns Läufern am Tamsui-Fluss auch aus der Ferne immer wieder als markanter Orientierungspunkt dient.

Ich entscheide mich jedoch gegen das Sightseeing; ich möchte mich für den Lauf schonen. Stattdessen gönne ich mir in der Nähe des geplanten Startbereichs eine Auszeit in einem kleinen, authentischen Restaurant für Einheimische. Für umgerechnet weniger als 2 Euro bekomme ich eine stärkende Portion Grillhuhn mit warmem Reis und einer klaren Gemüsesuppe. Sogar eine kleine Flasche Apfelsaft ist im Preis inbegriffen – ein unschlagbares Angebot. Gut gesättigt kehre ich in das nahegelegene Hotel zurück, um noch etwas Kraft zu tanken.
Um 17 Uhr wird es dann ernst: Im CitizenM Hotel steht das obligatorische Briefing für alle Marathon-Teilnehmer an. Die Stimmung im Raum ist eine Mischung aus Vorfreude und Erleichterung. Besonders die Läufer/innen, die ihren Rückflug mit Royal Brunei Airlines für 15:00 Uhr gebucht haben, atmen auf. Da sie bereits um 11:00 Uhr auschecken und zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein müssen, ist die großzügige Zeitvorgabe für den Lauf essenziell, damit niemand am Ende in Zeitnot gerät.
Abendliche Aufbruchstimmung
Gegen 19:30 Uhr macht sich die Gruppe schließlich noch einmal auf den Weg hinunter zum Fluss. Vor dem CitizenM Hotel herrscht geschäftiges Treiben, während wir versuchen, diesen Moment festzuhalten. Doch wie so oft bei größeren Gruppen ist das perfekte Mannschaftsfoto eine Herausforderung: Irgendjemand fehlt immer auf dem Bild. Daher weichen einige Kollegen auf Einzelfotos aus, wobei die künstlerische Bedeutung des knallbunten, fast schon psychedelischen Hintergrunds direkt am Hoteleingang wohl für viele ein Rätsel bleibt.
Die Wand mit ihrer Mischung aus Pixel-Art, Comic-Elementen und traditioneller Symbolik wirkt jedenfalls wie praktizierte Kunst im öffentlichen Raum. Es ist eine jener Fassaden, die man im Vorbeigehen bestaunt, ohne nach der tieferen Intention zu fragen – sie ist einfach da, leuchtet in der Dämmerung und gibt unseren Schnappschüssen eine extrem moderne, urbane Note.
Nächtliches Renngeschehen bei moderaten Temperaturen
Es wird heute wieder ein Nachtmarathon werden. Doch sowohl die Amerikaner als auch die Mitteleuropäer haben kaum Grund, sich über einen Jetlag zu beklagen, selbst wenn sie noch nicht vollständig akklimatisiert sind. Da die Zeitdifferenz zu Mitteleuropa derzeit sieben Stunden beträgt, wird der Marathon nach unserer inneren Uhr eigentlich am Nachmittag ausgetragen – ein idealer Zeitpunkt, um körperliche Höchstleistungen abzurufen. Eigentlich also kein Grund zu jammern.
Der Marathonkurs verläuft nur wenige Meter über dem Niveau des Tamsui-Flusses und ist zwar flach, doch die ständigen Wechsel des Untergrunds – von Beton und Fliesen bis hin zu Tartan- und sogar Schotterabschnitten – fordern volle Konzentration. Auch wenn man nicht von einem Trail sprechen kann, ist die Strecke aufgrund dieser wechselnden Beläge für Füße und Beine gewiss anspruchsvoll.

Wir sind uns einig: Zum bereits vorhandenen Gruppenfoto vor dem CitizenM Hotel gehört unbedingt ein offizielles Startfoto. Dabei unterstützt uns dieses Mal Nannicha P. aus Bangkok. Der erfahrene Läufer Klaus hat sie eigens als Helferin für die gesamte Marathonserie über fünf Länder engagiert und übernimmt einen Teil ihrer Reise- und Unterbringungskosten. Zudem bittet Renndirektorin Parvaneh die Teilnehmer um einen freiwilligen Beitrag zur Unterstützung für Nannicha.
Marathon-Bericht: Zwischen Beton-Charme und sportlicher Ausdauer
Den gesamten Marathonkurs haben wir bereits am Vormittag besichtigt. Unser Stützpunkt befindet sich an einem markanten Ort direkt unter den weitläufigen Brückenabfahrten der Stadtautobahn. Von dort aus führt die Strecke ca. 2,5 km flussaufwärts, bis ein Durchgang in der massiven Kaimauer den Wendepunkt markiert. Dieses Tor ist durch eine auffällige Malerei kaum zu übersehen.
Nach der Wende geht es zurück zum Startpunkt unter der Brücke. Dort nimmt Nannicha die Durchgangszeiten ab und prüft gewissenhaft die Runden. Tatkräftige Unterstützung erhält sie von Michael aus den USA, dem Ehemann der 75-jährigen Chau. Diese beeindruckte schon vor zwei Jahren bei der East Caribbean Marathon Challenge, als sie meist nur wenige Minuten hinter mir ins Ziel kam.

Die Wetterbedingungen sind erstklassig: etwa 20 °C, windstill und trocken; Niederschlag ist nicht zu erwarten. Wir Läufer sind heute allerdings in der Unterzahl, denn hunderte Freizeitsportler – Läufer, Walker und Spaziergänger – trainieren ebenfalls auf der Strecke. Sogar vereinzelte Liebespaare genießen die Kulisse.
Ich komme heute gut voran, der Untergrund ist weitaus einladender als der aufgebrochene Betonkurs in Macau vor zwei Tagen. Mehrere Runden halte ich mich in der Nähe von Parvaneh und Thomas auf, die beide eine Finisherzeit um die sieben Stunden anpeilen. Durch den Wendekurs kommt es immer wieder zu schönen Begegnungsmomenten.

Ich orientiere mich zunächst an den Zeiten von Thomas, der ein sehr flotter Geher ist und bei anderen Bewerben Kilometerzeiten um 8:30 min erreicht hat. Da muss man ordentlich Gas geben, auch wenn Thomas meist nach 25 oder 30 km etwas abbaut. Er hat binnen weniger Monate die Marke von 100 Marathon-Ländern überschritten und rangiert mit aktuell 114 Ländern an 16. Stelle der Weltrangliste – noch vor einem halben Jahr lag er hinter mir (derzeit 107 Länder).
Während der 51-jährige Bryan unbeeindruckt wie ein Flitzer seine Runden dreht, gehen es alle anderen moderater an.

Früher dachte ich oft, dass an diesen internationalen Marathonreisen nur noch Kollegen teilnehmen, deren sportlicher Höhepunkt längst überschritten ist. Doch ich muss mich korrigieren: Für einen Siebzigjährigen ist die Bewältigung von 42,195 km – selbst wenn sie primär im Gehen absolviert werden – eine beachtliche körperliche Leistung. Wer sich ganz zurückzieht, baut schließlich noch schneller ab.
Es gab eine Zeit, da waren Zielzeiten über fünf Stunden für mich kein Gedanke, und über sechs Stunden wurde gar nicht erst gesprochen. Doch Alter, Verschleiß und Operationen haben mich spürbar zurückgeworfen. Damit bin ich nicht allein – so mag es vielen gehen.

Auch die anderen Teilnehmer beeindrucken: Sally hat stets eine Zeit knapp über fünf Stunden vor Augen, und ich wundere mich jedes Mal, wie ihr Laufleibchen in jeder Klimazone völlig trocken bleiben kann.
Klaus kennen wir als zuverlässigen 6-Stunden-Finisher, allerdings bremsen ihn derzeit gesundheitliche Probleme aus. Mit über 130 Ländern liegt er in Dänemark bereits an zweiter Stelle hinter Vaughn Kirkegaard (144 Länder). Alles, was für ihn nun kommt, ist eine Zugabe.

Peter verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: In Finnland führt Tenho Lauri die Marathonsammlerliste an, ist aber seit Jahren nicht mehr aktiv. Mauri Volama, ein hochdekorierter Major der Armee, sieht sich trotz seiner 77 Jahre und 92 Ländern als Nachfolger. Doch Peter möchte sein Kontingent in den kommenden Monaten so deutlich vergrößern, dass Mauri bereits eine Anfrage an die Rennleitung gestellt hat, um die Ergebnisse zu überprüfen.

Henry Fleischmann, der in unserer WhatsApp-Gruppe sehr aktiv ist, scheint den heutigen Marathon – genau wie Bryan – eher als Trainingslauf für Hongkong am 18. Januar zu sehen.

Und Chau beweist der Welt mit ihrer Leichtfüßigkeit, dass 75 Jahre kein Alter für eine gut trainierte Sportlerin sind: Sie finisht den Lauf nach 7:10 Stunden, ganze 20 Minuten vor Parvaneh.

Nannicha händigt mir die Finshermedaille aus, auf dem Weg zum Hotel hole ich Chau und ihren Mann noch ein.

Abreise nach Brunei
Durch den frühen Start haben wir Zeit gewonnen für ein bequemes Auschecken und den Transfer zum Taoyuan International Airport von Taipeh. Mit Royal Brunei Airlines fliegt der Großteil der Reisegruppe am nächsten Tag weiter nach Bandar Seri Begawan.

Kommentar schreiben