Das große Laufbuch der Trainingspläne

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Kai Nishizawa, Jg 1991, freut sich wie ein Schneekönig, als er Sonntag früh mein Auto sieht.

Wen wundert es? Kai hatte gestern sein Smartphone darin liegen lassen und die Nacht getrennt davon verbracht. Kein gewohntes Smartphone zu haben ist wohl besonders unangenehm wenn man zwei Monate lang weit weg ist von zuhause. Aber nun ist ja alles wieder gut. Heute wird er seinen ersten Marathon laufen.

 

Die Startnummern gab es am Vortag beim Freibad in Wenns, km31 beim Marathon, dazu eine ordentliche Portion Pasta oder Spinatknödel. Ich habe wieder einmal Nr. 118, Günther Aigner ist Dank seines Familiennamens einmal mehr die Nummer 1.

Habe ich meine bisherigen Gletschermarathons, v.a. ab km25, als sehr warme Rennen in Erinnerung wird es heuer ziemlich kühl sein. Hoffentlich nicht zu kühl, für den Start in Mandarfen wurden uns lediglich 6°C und leichter Regen in Aussicht gestellt.

Beim Freibad in Imst hat es 12°C als sich der Bus um 06h15 in Bewegung setzt. In Mandarfen auf 1.675m angekommen suchen wir ein ****Hotel auf, drinnen wartet es sich angenehmer. Erst wenige Minuten vor dem Start an der Seilbahn zum Rifflsee gehe ich wieder ins Freie wo ich natürlich wieder einige Bekannte treffe, einige vermisse ich aber.

8,5°C hat es nun, es nieselt. Startschuss. Das Ziel, der Sportplatz von Imst liegt auf 780m, es geht 1.223m bergab ins Inntal, mit höchst unterschiedlichem Gefälle, dann geht es noch gut 2km rauf ins Ziel. Ich will heute unbedingt meine beste Zeit heuer laufen, unter 4h12 wäre fein. Entsprechend lege ich mich ins Zeug. Die ersten paar Minuten laufen wir bergauf bis ans Ende des Tals nach Mittelberg zur Gletscherbahn, dann geht es runter.

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Bei km3 laufen wir am Start vorbei, hier werden wir tüchtig angefeuert. Mit Sonne ist heute nicht zu rechnen, die Berggipfel rundum sind in Wolken gehüllt. Mein linker Oberschenkelmuskel spinnt, vorne mittig habe ich Aussetzer. Als könnte ich dieses Stück Muskel nicht kontrollieren, vor 9 Jahren hatte ich da einen Muskelfaserriss. Alle paar Schritte passieren diese Aussetzer, nach einigen Minuten gibt sich das zum Glück.

Ein ganz leichter Anstieg nach Tieflehn. An der ersten Labestelle in Plangeroß gibt es bereits Nutrilite, ich mache meine Poweradeflasche ein bisschen leichter, denn die Labestellen kommen in angenehm kurzen Abständen.  Ich laufe Vollgas, wahrscheinlich nicht so schlau, aber schauen wir einmal was so geht 15 Tage nach dem Scenic Marathon in Salzburg. Ich laufe heute zum vierten Mal hier, die Strecke kenne ich schon ganz gut, die Landschaft ringsum auch, ich kann mich also aufs Laufen konzentrieren.

Momentan geht es mir gut, meine Schuhe sind relativ neu, haben somit noch eine gewisse Dämpfung. Die kann nicht schaden, wenn man so lange wie heute bei jedem Schritt so viel Gewicht wie meines abzufedern hat. Habe ich mir gedacht.

Kalte Finger habe ich nun auch nicht mehr, mein zweifach gelegtes Schlauchtuch am Kopf dient aber immer noch als Kälteschutz.

War der Asphalt ganz zu Beginn nach Mittelberg noch etwas ruppig sind die Baustellen von 2015 abgeschlossen, weitestgehend tadelloser Straßenbelag heute. An der Tunneleinfahrt bei km8 beginnt es zu regnen, durchaus ergiebig.

Die Helfer in Neurur, km9, tragen Anorak mit Kapuze, die Wolken hängen tief.  Wir müssen auf der rechten Spur bleiben, das haben wir am Vortag in Wenns unterschrieben. Die linke Spur wird viel befahren, so viel Verkehr war da früher nicht. Auch lassen sich einige mit dem Fahrrad oder dem Auto begleiten. Es gibt Kennzeichen die überholen mich heute ganz oft. Der Regen hört auf. Der Pitzbach rauscht, den habe ich aber schon viel wilder erlebt.

In Piösmes bei km13 gibt es eine klitzekleine Steigung und zu essen und zu trinken. Einige Staffelläufer warten noch auf ihren Startläufer. Vor dem Alpenhof die nächste Labestelle. Wasser, Nutrilite und Bananen stehen zur Auswahl. Km15 nach 1h21, das ist gut für mich.

Die Strecke wird flacher, weiter nach Hairlach. Kurz nach km16 ist mein erstes PowerGel fällig. Es folgt der längste Tunnel, steil bergab, darin ist es stockdunkel. Nur gut, dass da gerade keine Autos kommen. Meine Gesäßmuskulatur macht sich bemerkbar, die wird immer fester. Ich muss mich etwas einbremsen. An sich hätte ich in erster Linie mit nachhaltigen Oberschenkelproblemen gerechnet.

Eine neue Hinweistafel macht auf die Ski-Erfolge von Bennie Raich und Marlies Schild aufmerksam, er stammt von hier aus dem Pitztal, seine Frau aus Salzburg.

Km 19 nach 1h42. Vorbei an Zaunhof, die Strecke wird steiler. Lange konnte ich meine Position halten, nun überholen mich gleich mehrere in kurzen Abständen.

Halbmarathon unter 1h54, das geht doch. Es wird noch steiler, Spitzkehre nach rechts und – Linkskurve - schließlich Wiese, km22, Labestelle und Staffelwechsel.

Ich nehme ein Stück Banane, wieder überholen mich einige.

Bei der Labe geht es flach weiter, dann runter nach Ritzenried, da ist das Tal eng, einige bayrische Motorradfahrer am linken Straßenrand überlegen wohl, ob sie weiter fahren sollen oder umkehren, von Sonne keine Spur.

Das Gefälle wird stärker, Wiesle, bis die Strecke zu km25,5 abfällt, es geht über den Bach und für 0,5km bergauf, ich freue mich auf die Steigung, jetzt wäre eine frische Gesäßmuskulatur gefragt.

Kurvig geht es rauf, rechts die Felswand, links geht es runter zum Pitzbach. Die Motorradfahrer von vorhin haben sich entschieden, sie fahren nun hinunter ins Inntal.  Auf der Passhöhe in Schön hilft man mir beim Befüllen meiner Trinkflasche. Ich nehme zwei Bissen von einer saftigen Melone und mache mich so versorgt wieder auf den Weg.

2km bergab. Der Straßenverkehr ins Tal wird hier rechts nach Jerzens umgeleitet. Der Lenker des schwarzen PKW sieht mich rechtzeitig als er rechts abbiegt. Dass da Polizei den Verkehr regelt ist sicher auch kein Fehler. Mein Eifer beim runter rennen hat etwas nachgelassen, aber nicht nur ich zeige Wirkung.

Ab km28 beginnt ein harmloser Anstieg, Rechts wir Läufer, links immer wieder Motorräder und Autos. Ein paar Gehschritte erlaube ich mir ab und zu. Im Großen und Ganzen bleibe ich auf Zug. Dann ein leichtes Gefälle bevor der Anstieg nach Wenns beginnt, km39. Hier war es in der Vergangenheit oft schon brennheiß, heute nicht. Nicht nur wegen des Wetters. Zusätzlich erfolgte heuer der Start bereits eine halbe Stunde früher als die Jahre zuvor.

Autos die vorher an uns vorbei gefahren sind wurden angehalten, wir laufen an der stehenden Kolonne vorbei rauf in den Ort.

Km31, seit 2h54 bin ich unterwegs. Hier war vorhin der Start des Halbmarathons. Es gibt einen Streckensprecher der die Läufer mit Namen willkommen heißt. Einige Zuseher feuern uns an. Ich fülle meine Flasche halbvoll. Es beginnt etwas zu tröpfeln, das stört aber gar nicht. Relativ frisch laufe ich weiter, die Temperatur ist geradezu ideal. 

Kurz vor der nächsten Labe, Bieracker, nehme ich mein zweites PowerGel, dazu ein Schluck Wasser. Hier hätte ich auf Coca-Cola gehofft. Ich trinke das im normalen Leben ja nie, bei einem Langstreckenlauf aber ist das etwas anderes. Da trinke ich auch Red Bull.

Eine Läuferin, mit der ich heute schon mehrfach die Position gewechselt habe und die ständig von einem Radfahrer bedient wird, scheint Probleme mit dem rechten Bein bekommen zu haben, so wie sie nun humpelt.

Schon wieder ein Silo-LKW! Mehrere schön lackierte Sattelschlepper parken entlang der Strecke und machen mit ihren Aufliegern Werbung für das PITZTAL, das steht da in großen Buchstaben drauf.

Ein warmer Wind weht vom Inntal rauf, kühl ist es nun nicht mehr.

Nach Arzl rein wird es wieder etwas steiler, drei Zuseher haben es sich auf einer Bank gemütlich gemacht und applaudieren. Die nächste Labestelle befindet sich vor dem Gemeindezentrum in Arzl bei km36,4, hier gibt es sogar Bierbänke für die Zuseher.

„Herbert Orlinger aus Linz ist vor dreieinhalb Stunden gestartet!“, ruft der Sprecher. Auweh, dann wird es aber nichts mit sub 4h00, worauf ich insgeheim gehofft hatte. Ich blicke auf die Uhr und bin erleichtert. Mein Start ist vor 3h26 erfolgt, da geht noch was. Die Strecke steigt leicht an, dann geht es im Wald ziemlich steil bergab. Der Straßen-verkehr hat wieder zugenommen.

Kurz nach der Km38-Markierung überqueren wir auf der Pitztaler Brücke den Inn, der tief unter uns fließt. Vor dem Kreisverkehr wechsle ich auf die linke Spur. Wir Läufer müssen runter zum Inn, ich kann zwei Läufer überholen. Erneut geht es steil hinab. Unten angekommnen geht es erst einmal eben dahin.

Km39, den violetten Blumenschmuck vom prachtvollen GH Neuner sieht man von weitem. An der dortigen Labestelle bekomme ich wieder Coca Cola.

Es geht über den Pigerbach, Ortstafel Imst, die Brennbichler Kirche. Die war in den 1970ern modern, vermute ich. Nun ist sie hässlich, finde ich.

Rechts abbiegen, unter der Eisenbahn durch, dann ein leichter Anstieg.

Km40, ich blicke auf die Uhr, es ist 11h47, die letzten 2,2km schaffe ich unmöglich unter 13min, zumal es 2km davon rauf geht. Unter 4 Stunden einzulaufen kann ich vergessen.

Trotzdem will ich eine möglichst gute Zeit, ich laufe durchs Sägewerk. Wenig später wird an einer Weggabelung noch einmal Wasser ausgegeben. Die Halbmarathonis sind hier nach rechts abgebogen, wir Marathonis laufen links rauf, es wird etwas steiler.

Dann Abzweigung nach rechts, Anrainer feuern uns an. Früher hörte man hier schon die Kinder im Freibad, heute ist es dafür eindeutig zu ungemütlich, das Freibad ist leer. Mehrere Finisher begegnen mir: „Gleich hast du’s, noch 300m!“ Am Schwimmbad vorbei, da ertönen die Mittagsglocken. Vor vier Stunden bin ich losgelaufen, das war es nun endgültig mit sub 4h00.

Für meine leere Flasche suche ich einen Mülleimer. Mit einem gezielten Wurf treffe ich hinein, das kostet mich einen Platz. Martin Schöll überholt mich und wird 5 Sekunden vor mir im Ziel sein. Ein geringes Gefälle führt zum Ziel, ich hetze los, zumindest sub 4h03 soll es sein. Das geht sich gerade noch aus. Gerhard Wally ist schon da und knipst. Kaum im Ziel bekomme ich meine Medaille um den Hals und Sekunden später mein Zielfoto überreicht. Darauf ist es unschwer zu erkennen, dass ich mich bis zuletzt sehr bemüht habe.

Ich schnappe mir einen Becher alkoholfreies Edelweiß und ein Stück Kuchen. Da es mit 18°C gar nicht so warm ist, will ich schnell aus den verschwitzten Sachen raus, mich duschen und in was Trockenes. Die Busse mit den Kleiderbeuteln stehen eine Etage tiefer am Fußballplatz. Gibt es hier wo eine Rolltreppe?

Die Ziellabe genießen und plaudern kann ich hinterher auch noch, mit der AK-Siegerin Helene Macher, Günther Aigner und Helena Barcot.

Die staufreie Rückfahrt über das Kleine Deutsche Eck verläuft zügig und angenehm ereignislos.

 © Herbert Orlinger   

170 Marathonfinisher (42 Damen, 128 Herren)

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Die ersten drei Damen:

  1. Ilse Storch GER 3h 13min 34sec  
  2. Julia Steimer GER 3h 21min 46sec       
  3. Nadine Rühl GER 3h 30min 21sec       

    

Zeit der Sieger  

  1. Günter Kugler AUT 2h 48min 44sec
  2. István Forgács HUN 2h 53min 18sec
  3. Roman Tománek CZE 2h 56min 09sec
  1. Kai Nishizawa JAP 3h 01min 53sec

 

Im Startgeld von € 55,- (Spätanmelder) waren inklusive:

Eine Busfahrt durchs Pitztal  (entweder vor dem Start oder nach der Siegerehrung)

eine sehr schöne Strecke mit 1.223 Höhenmeter bergab und einigen Höhenmeter rauf,

99,5% Asphalt;   durchwegs bewölkt

Pasta am Vortag in Wenns,  Finishermedaille, Stirnband mit Lauf-Logo

viele Labestellen mit flinken, freundlichen Helfern;  Duschen,  Zielverpflegung

Funktions-Shirt gegen Aufpreis


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