Die Reise nach Dakar beginnt am 9. November am frühen Nachmittag am Flughafen Abidjan.
Der Shuttlebusfahrer des Radisson Hotels setzt mich zunächst am Terminal 1 ab, zusammen mit zwei jungen spanischen Frauen, die offenbar von einer Tagung kommen und ebenfalls nach Dakar fliegen. Doch ich werde misstrauisch: Auf meinem Ticket steht keine Terminalnummer. Auch der Fahrer wirkt unsicher und bringt mich vorsichtshalber zum Terminal 2, rund anderthalb Kilometer entfernt. Um ganz sicherzugehen, geht er selbst in die Abflughalle und erkundigt sich. Die Auskunft ist eindeutig: Der Airbus A320 der Air Senegal hebt planmäßig um 16:45 Uhr von hier ab.
Den Check-in habe ich bereits mobil erledigt, aber die Gepäckabgabe dauert dennoch eine halbe Stunde. Schnell sehe ich, warum: Einige Passagiere schleppen massives Übergepäck an, was hitzige Diskussionen am Schalter auslöst. Nach der Sicherheitskontrolle erreiche ich die Wartezone und stoße dort auf meine Laufkollegen vom Country Marathon Club: Giuseppe, der in Frankfurt lebende Italiener, der vor zwei Tagen in Tunis seinen Anschlussflug verpasst hat und deshalb nicht am offiziellen Club-Marathon in Abidjan teilnehmen konnte, und Klaus, der mit 183 Ländern europäischer Spitzenreiter unter den „Country Marathon Collectors“ ist. Unangefochten an erster Stelle liegt weiterhin Brent Weigner (76) aus den USA mit 205 Marathonländern.
Als ich die Wartezone betrete, sitzen Giuseppe und Klaus bereits entspannt mit einem Bier an einem Imbiss. Ich setze mich zu ihnen; Gesprächsstoff haben wir wie immer genug, und die Zeit vergeht im Nu.
Das Boarding beginnt pünktlich um 15:45 Uhr. Ein Zubringerbus bringt uns zur Maschine, die auf dem Rollfeld steht. Die Gangway ist ungewöhnlich steil, und ich spüre meine Gelenke bei jedem Schritt. Während ich mich am Geländer festhalte, denke ich ironisch: Man nennt sich Marathonläufer, obwohl der Körper längst die ersten ernsthaften Verschleißspuren zeigt.
Beim Online-Check-in habe ich festgestellt, dass mein ursprünglich gebuchter Sitzplatz 4C für 20 Euro einfach an jemand anderen vergeben wurde. Wegen meiner langen Beine brauche ich unbedingt einen Gangplatz – das Risiko eines Mittelplatzes will ich nicht eingehen. Zum Glück ist 9C noch frei. Als ich mich setzen will, entdecke ich allerdings Speisereste auf dem Sitz. Offenbar hat die Reinigungsmannschaft diese Reihe übersehen. Klaus sitzt drei Reihen hinter mir; Giuseppe sehe ich zunächst nicht.
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Der Flug nach Dakar ist mit 2 Stunden und 45 Minuten angesetzt. Schon kurz nach dem Start wird eine durchgehende Anschnallpflicht wegen erwarteter Turbulenzen angekündigt. Meine Stimmung sinkt, denn ständiges Gerüttel verursacht mir schnell Unwohlsein und manchmal sogar Übelkeit. Nach etwa einer Stunde wird überraschend ein Essen serviert – „Poulet avec riz“ –, was auf europäischen Kurzstrecken kaum noch üblich ist.
Wir landen mit leichter Verspätung. Gemeinsam gehen wir zum Einreiseschalter. Als EU-Bürger benötigen wir kein Visum, doch der Grenzpolizist zieht die Prozedur unnötig in die Länge. Er hält unsere Pässe auffällig lange zurück und wiederholt dabei immer wieder das Wort „monnaie“ – Geld. Wir weigern uns, ein Trinkgeld zu zahlen. Schließlich fordert Klaus mit bestimmtem Ton die Rückgabe der Pässe, was der Beamte widerwillig tut.
Fahrt zum Hotel Four Points
In der Ankunftshalle des Flughafens Blaise Diagne International Airport (IATA-Code: DSS) in Dakar fallen mir sofort die übergroßen Werbetafeln eines Telekomanbieters mit der senegalesischen Fußballnationalmannschaft ins Auge. Die „Löwen der Teranga“ haben sich ebenfalls für die Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko qualifiziert. Bei früheren Turnieren haben mich afrikanische Teams immer durch ihre körperliche Präsenz und Athletik beeindruckt.

Ich informiere Giuseppe und Klaus, dass ich eine schriftliche Bestätigung für den Shuttle-Service des Four Points Hotels erhalten habe. Ein Fahrer mit Namensschild soll eigentlich auf mich warten. Ich bitte die beiden, schon einmal vorauszugehen. Während sie mit ihrem leichten Handgepäck Richtung Ausgang verschwinden, bleibe ich am Gepäckband und warte darauf, dass meine Reisetasche endlich erscheint.
Kaum betrete ich mit meinem Gepäck den Bereich „Nothing to declare“, stürzt Giuseppe auf mich zu: „Draußen ist niemand mit einem Schild – wir haben alles abgesucht!“ Kurz darauf kommt auch Klaus hinzu. Er hat derweil einen Taxifahrer nach dem Preis befragt: 35 Euro umgerechnet. So steht unsere erste Herausforderung in Dakar fest: die ausgebliebene Hotelabholung.
Klaus erklärt uns, dass die Taxipreise hier meist Pauschalbeträge sind. 20.000 CFA-Francs seien üblich für Fahrten vom Flughafen in die Stadt oder zu den Hotels. Günstiger hatte ich es mir erhofft, aber bei nächtlicher Ankunft lohnt sich keine lange Diskussion. Klaus bezahlt den Gesamtbetrag. Nach der Ankunft gebe ich ihm 10 Euro und 2 US-Dollar zurück – mehr habe ich nicht, denn meine 33.000 XOF (etwa 50 Euro) sind schon aufgebraucht. Ich nehme mir vor, bald neue Landeswährung zu besorgen.
Ursprünglich hatte Parvaneh für uns das Radisson in Dakar vorgesehen, doch dieses wird seit Monaten renoviert. Daher wich sie auf das Four Points by Sheraton Dakar Diamniadio aus, ein modernes Vier-Sterne-Hotel der Marriott-Kette. Es liegt nicht im Zentrum, sondern im neuen Entwicklungsareal Pôle Urbain Diamniadio – strategisch günstig nahe dem internationalen Flughafen Blaise Diagne (DSS). Die rund 25 Kilometer lange Fahrt dauert je nach Verkehr 25 bis 30 Minuten. Normalerweise bietet das Hotel einen kostenlosen Shuttle-Service an, weshalb ich den Fahrer erwartet hätte.

Mit seinen 173 Zimmern richtet sich das Four Points vor allem an Geschäftsreisende. In unmittelbarer Nähe befinden sich das Abdou Diouf Konferenzzentrum (CICAD), das Olympiastadion sowie die Dakar Arena. Zwei Restaurants, ein Außenpool, ein Fitnesscenter und ein Wellnessbereich mit Sauna und Dampfbad machen das Hotel zu einer komfortablen und serviceorientierten Wahl in dieser aufstrebenden Gegend. Für zwei Nächte zahle ich 454 Euro inklusive Frühstück – kein Schnäppchen, aber der Standard ist hoch.
Wir betreten das Hotel erst gegen 22:30 Uhr. Obwohl mehrere Mitarbeiter an der Rezeption stehen, führt nur einer den Check-in durch; die anderen beobachten uns freundlich lächelnd. Klaus ist als Erster dran, er hat ein Doppelzimmer für sich und Giuseppe gebucht. Die beiden sind seit Jahrzehnten befreundet und ein eingespieltes Team.
Parvaneh, unsere Renndirektorin, schickt inzwischen per WhatsApp die letzten organisatorischen Hinweise. Jeder ist für seine eigene Wasserversorgung verantwortlich – das wissen wir seit Tagen. Ich habe am Flughafen vorsorglich mehrere Wasserflaschen und zwei Colas gekauft. Ein Treffen im Foyer findet heute nicht mehr statt, es ist längst zu spät. Als ich mein Zimmer erreiche, ist es 23:20 Uhr. Die Nachricht von Parvaneh lautet: „Meeting tomorrow at 01:45 at the reception, the start will be at 02:00.“
Das Four Points liegt abgeschieden; die Autobahn A1 ist weit entfernt. Parvaneh hat den vermessenen Marathonkurs schon vorher festgelegt. Die Straße, die zum Hotel führt, gehört zum neuen Straßennetz von Diamniadio Sports City im Pôle Urbain. Genau auf dieser namenlosen Straße wird unser Clubmarathon stattfinden. Der Vorteil ist klar: Auf beiden Seiten eines breiten Fußgängerbereichs verlaufen Fahrspuren, sodass wir vom Verkehr getrennt laufen – und ohnehin herrscht nachts kaum Betrieb, auch wenn es ein Montag ist.
Ein einsamer Nachtmarathon
Ich treffe wenige Minuten verspätet, exakt um 1:41 Uhr, im Foyer ein. Parvaneh begrüßt mich mit einem warmen, beinahe erleichterten „I am glad you did it.“ Diese Worte treffen mich – und sie kommen nicht von ungefähr. Vor zwei Tagen erlebte ich in Abidjan einen schweren Hitzekollaps: Mein Puls stieg über 180, mir wurde schwarz vor Augen, alles drehte sich. Ich dachte ernsthaft ans Aufgeben und daran, ärztliche Hilfe zu holen. Erst nach gut 20 Minuten Pause im Schatten, unterstützt durch zwei stark gesüßte Isodrinks, gelang es mir, mit deutlicher Verspätung ins Ziel zu kommen. Kein Wunder, dass Parvaneh heute skeptisch ist, ob ich überhaupt antrete.
Wir gehen hinaus in die tropische Nacht. An der Kontrollstelle sitzt heute Sonko, eine sportliche junge Frau aus Dakar, die Kampfsport betreibt und von Sezgin, unserem türkischen Läufer, als freiwillige Helferin engagiert wurde.

Der Startpunkt liegt direkt vor dem Hoteleingang. Acht Runden stehen an: jeweils 2,5 Kilometer auf einer leicht welligen Strecke Richtung Osten bis zum Ende der Asphaltstraße, dann 2,5 Kilometer zurück.
Die Nacht fühlt sich erstaunlich angenehm an. 25 Grad, nicht drückend, leichter Wind – perfekte Bedingungen für einen Nachtmarathon. Das Feld ist mit zehn Teilnehmern nur halb so groß wie in Abidjan. Die Amerikaner sparen wie immer ihre wertvollen Urlaubstage, andere – wie Klaus – sind den offiziellen Dakar-Marathon bereits früher gelaufen. Dafür haben wir drei neue Gesichter: Mirko und Andrea aus Dresden sowie Sezgin. Die beiden Dresdner planen danach einige Tage Strandurlaub in Saly Portudal.
Kaum fällt der Startschuss, jagt Sezgin los, als wolle er der Nacht entkommen. Auch ich versuche heute wieder, mich zunächst etwas abzusetzen.

Tatsächlich gelingt es mir, Juhani – meinen ewigen Rivalen – zunächst zu distanzieren. Bernadette, die in Abidjan hinter mir ins Ziel kam, durch ihre spätere Startzeit aber vor mir lag, ebenso wie Giuseppe und sogar Parvaneh, fallen nach zwei Runden etwas zurück. Szegin liegt weiter in Front.

Die Straßenbeleuchtung ist matt, das Licht wirkt wie durch einen Schleier gedämpft. Um 3 Uhr morgens liegt völlige Stille über der Umgebung. Das beleuchtete Stadium wird zu einem Fixpunkt.
Nur ab und zu bellen streunende Hunde irgendwo in der Dunkelheit. Das Umland ist eine weite, kaum erschlossene trockene Ebene mit Gebüsch – ein „verwunschener“ Ort, der beim Laufen ein merkwürdiges Gefühl der Einsamkeit erzeugt. Kleine Tiere, zumeist Vögel, huschen über die Straße; meist sehe ich sie nur im letzten Moment im Schein der Lampen. Jeder von uns läuft/walkt in seiner eigenen Gedankenwelt.
Nach vier Runden holt mich die Realität abrupt ein: Mein Vorsprung ist weg. Ich muss austreten und verliere mehrere Minuten. Und dann passiert das, was ich seit Jahren fürchte: Juhani bewegt sich an mir vorbei. Er walkt nur – aber schnell. Sehr schnell. In der East Caribbean Challenge im Januar erzielen wir beide ein Patt: zweimal er, zweimal war ich um wenige Minuten „schneller“. Doch in meinem Kopf steckt dieses hartnäckige Trauma: Wenn er mich einmal überholt, setzt er sich ab. Immer.

Ich komme einfach nicht mehr unter neun bis zehn Minuten pro Kilometer. Das bedeutet 45 bis 50 Minuten für jeden 5-Kilometer-Abschnitt. Die leichten Steigungen bemerkt man im Dunkeln kaum; erst ab etwa 6 Uhr, wenn der Morgen zu grauen beginnt, werden sie deutlich. Fast alle laufen auf der rechten Seite – auf dem Asphalt, nicht auf dem sandigen Mittelstreifen. Meine GPS-Uhr lässt bei einem kurzen Stopp erkennen, dass meine heutige Finisherzeit wahrscheinlich unter der von Abidjan liegen wird.

Nach vier Runden liegt nur noch Bernadette hinter mir. Jetzt, da das Dunkel der Nacht langsam heller wird, rufen sich die Läufer gegenseitig zu. Ein paar lockere Sprüche fliegen hin und her – das tut gut. Juhani rät mir augenzwinkernd, meine alte Garmin endlich durch eine neue Fenix zu ersetzen. Ihm ist nicht entgangen, dass mein Akku nach sechs Stunden schwächelt und ich ständig andere nach der Laufzeit frage. Ganz so dramatisch ist es zwar nicht, aber tatsächlich hält meine Garmin 225 nach dem Drücken der Go-Taste nur noch etwa zehn Minuten durch.

Auffällig ist auch, dass Sezgin sein Tempo reduziert hat: von sechs Minuten pro Kilometer (früher für mich ein bequemes Joggingtempo) auf geschätzte 8:30. Vielleicht hat er sich übernommen, vielleicht genießt er einfach den Lauf.

Die Morgendämmerung setzt ein, die Sicht wird klarer, und der Kontakt zu den Mitstreitern wird intensiver – man beginnt miteinander zu scherzen. Der Witzbold in unserer Runde ist Peter, der stets ein Bonmot auf der Zunge hat.

Als ich meine fünfte Runde abschließe, treffe ich am Mittelstreifen meinen Kumpel Thomas aus Saarbrücken. Seit seinem angekündigten Toilettenstopp im Hotel liegt er nur noch eine Dreiviertelrunde vor mir. Thomas walkt in einem Tempo, für das andere laufen müssten – 08:15 bis 08:30 min/km sind für ihn Standard.

Mirko und Andrea begegnen mir regelmäßig, immer gut gelaunt und mit einem Spruch auf den Lippen. Mal geht es um Mirkos Winter-Tights – selbst bei + 30 Grad trägt er sie –, mal um seinen Weihnachtsbart, mal um ihren bevorstehenden Strandurlaub in Saly. Ich gebe ihnen den Tipp, dort auf die starken Strömungen im Atlantik zu achten. Mit den beiden zu scherzen lockert die Monotonie der Nacht auf.

Parvaneh ist fast die ganze Zeit mit Peter aus Finnland unterwegs. Die beiden plaudern, als wären sie auf einem Spaziergang und nicht auf einem Nachtmarathon. Sie scheinen unermüdlich.

Sezgin winkt mir regelmäßig freundlich zu, doch ich bekomme schnell den Eindruck, dass er kaum Englisch spricht. Französisch würde wohl besser funktionieren, aber unsere Wege sind durch den Mittelstreifen getrennt – kein guter Moment für längere Gespräche.

In meiner sechsten Runde nehme ich mir vor, das Frühstück für 9:30 Uhr aufs Zimmer zu bestellen. Die Rezeption verspricht es – geliefert wird es aber dann nicht. In der siebten Runde sehe ich Giuseppe vor mir. Er hat wegen Rückenproblemen eine Pause gemacht, Klaus ist ihm entgegengegangen und stützt ihn. Ich überhole beide. Klaus ruft mir nach, Giuseppe sei in seiner letzten Runde.

Nun heißt es für mich noch einmal 2,5 Kilometer hinaus, dann die letzten 2,5 Kilometer zurück. Auf der achten Runde kommt mir Juhani entgegen, vielleicht zwei oder drei Kilometer vor mir, kurz darauf Bernadette. Beide finishen vor mir. Doch heute bin ich fast eine Stunde früher im Ziel als in Abidjan. Parvanehs Entscheidung, den Start auf 02:00 Uhr vorzuverlegen, war goldrichtig.
Für 13 Uhr ist ein Abschlusstreffen im Foyer angesetzt. Giuseppe, der kurzzeitig kaum gehen konnte, hat es ins Ziel geschafft und ist wieder guter Dinge.

Wir sprechen über Parvanehs geplante South China Challenge mit Marathons in Hangzhou (9.1.), Macau (11.1.), Taipeh (13.1.), Brunei (16.1.) und Kota Kinabalu/Malaysia (19.1.). Die Teilnehmerzahl ist auf 15 bis maximal 20 begrenzt – auch Nichtmitglieder dürfen teilnehmen.

Die Kollegen verabschieden sich. Giuseppe, Klaus und Thomas fliegen noch in derselben Nacht nach Deutschland zurück, Juhani und Peter am nächsten Morgen nach Finnland. Parvaneh kehrt in die USA zurück. Ich hingegen bleibe noch zwei Nächte im Ibis Hotel in der City, nahe dem Hafen. Mirko und Andrea haben dort schon vor dem Lauf einige Tage verbracht und loben besonders den Poolbereich. Auch ich habe meinen Aufenthalt etwas verlängert. Dakar kenne ich von einem kurzen Besuch während der Abschiedskreuzfahrt mit der Queen Elizabeth II im Jahr 2005. Gegen Mittag des 11. November fahre ich mit dem Taxi in die Stadt.

Länderinformationen zur Republik Senegal
Die Republik Senegal liegt an der westlichsten Spitze Afrikas und gilt als politisch stabiles Zentrum Westafrikas. Das Land umfasst 196.722 km² und umschließt fast vollständig Gambia. Rund 18 Millionen Menschen leben hier, die meisten entlang der Atlantikküste und im Großraum Dakar, wo über 1,4 Millionen Einwohner wohnen.

Historisch ist der Senegal stark von der Kolonialzeit geprägt. Nachdem portugiesische Seefahrer im 15. Jahrhundert an der Küste anlandeten, entwickelte sich das Gebiet zu einem bedeutenden Handelspunkt – später auch für den transatlantischen Sklavenhandel. Ein zentrales Mahnmal dieser Epoche ist das „Maison des Esclaves“ auf der Insel Gorée, das ich bereits 2005 besucht habe. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Dakar zur Hauptstadt Französisch-Westafrikas; die Unabhängigkeit von Frankreich folgte am 4. April 1960. Seither hat sich der Senegal zu einer vergleichsweise stabilen Präsidialdemokratie entwickelt. Über 90 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch, Amtssprache ist Französisch, im Alltag dominiert jedoch Wolof.
Die senegalesische Flagge spiegelt diese Identität und Geschichte wider: Sie zeigt die panafrikanischen Farben Grün, Gelb und Rot, die für Hoffnung, kulturellen Reichtum und den Kampf um Unabhängigkeit stehen. Der grüne Stern in der Mitte symbolisiert Einheit, Freiheit und die Öffnung des Landes zur Welt. Damit verbindet die Fahne sowohl die historischen Wurzeln als auch den modernen Anspruch des Senegals.

Der Senegal spielt eine wichtige Rolle in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und gilt dort als demokratischer Ankerstaat. Zusätzlich ist er Mitglied der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion UEMOA, deren gemeinsame Währung – der CFA-Franc (XOF) – an den Euro gekoppelt ist. Diese Stabilität fördert Handel und Investitionen; Dakar beherbergt zudem die Regionalbörse BRVM. Wirtschaftlich stützt sich der Senegal traditionell auf Landwirtschaft und Fischerei, gewinnt jedoch durch Bergbau sowie durch neu entdeckte Öl- und Gasvorkommen immer mehr an Bedeutung.
Kulturell prägt der Begriff „Teranga“ – ein tief verankertes Ideal von Gastfreundschaft, Offenheit und Großzügigkeit – das Selbstverständnis des Landes. Auch im Sport genießt der Senegal Ansehen: Die Fußballnationalmannschaft, die „Löwen der Teranga“, nahm mehrfach an Weltmeisterschaften teil und erreichte 2002 sogar das Viertelfinale. Zu den bekannten Sehenswürdigkeiten zählen neben Gorée das monumentale Afrikanische Renaissance-Denkmal und der rosafarbene Lac Retba, dessen ungewöhnliche Färbung durch Mikroalgen entsteht.
Ausflug zur Île de Gorée
Nach dem Check-in im Ibis Hotel am 11. November genieße ich den Nachmittag am Pool bei zwei großen Flaschen „La Gazelle“-Bier.

Den nächsten Tag reserviere ich für einen Ausflug nach Gorée – eine kleine, aber historisch höchst bedeutende Insel vor der Küste Dakars, heute UNESCO-Weltkulturerbe und ein tief bewegender Erinnerungsort an den transatlantischen Sklavenhandel.

Der Ausflug beginnt am Gare Maritime de Gorée, dem zentral gelegenen Fährterminal im geschäftigen Hafengebiet von Dakar Plateau. Die Überfahrt dauert nur 20 bis 30 Minuten. Die Preisgestaltung zeigt die Trennung zwischen Einheimischen und Besuchern deutlich: Senegalesen zahlen gerade einmal 300 XOF, während Nichtresidenten rund 5.200 XOF für die Hin- und Rückfahrt entrichten.

Obwohl die Insel heute eine malerische, fast friedliche Atmosphäre mit farbenfroher Kolonialarchitektur ausstrahlt, steht diese Harmonie in scharfem Kontrast zu ihrer düsteren Vergangenheit. Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert war Gorée ein umkämpfter Außenposten europäischer Mächte und ein zentraler Umschlagplatz des Sklavenhandels. Millionen Afrikaner wurden hier zusammengepfercht, bevor sie in die Amerikas deportiert wurden. Das „Maison des Esclaves“, 1776 erbaut, ist das emotionale Herz dieses Erinnerungsortes. In seinen kargen, dunklen Kellerräumen wurden Männer, Frauen und Kinder unter grausamsten Bedingungen eingesperrt, oft angekettet und monatelang auf ihre Verschiffung wartend. Die oberen Stockwerke dienten den Sklavenhaltern als helle, komfortable Wohnungen – ein bedrückender Kontrast, der bis heute nachwirkt.

Am eindringlichsten bleibt die „Porte sans retour“, die berühmte „Tür ohne Wiederkehr“. Sie liegt am Ende eines schmalen, finsteren Korridors und öffnet sich direkt zum Meer. Durch diesen Ausgang wurden die Versklavten auf die Schiffe geführt – ein letzter Schritt, bevor sie unwiederbringlich aus ihrer Heimat gerissen wurden. Wie viele Menschen über Gorée verschifft wurden, lässt sich nicht exakt beziffern, doch der transatlantische Handel insgesamt forderte Millionen von Opfern. Viele starben bereits in den Kerkern der Insel, weitere 10 bis 20 Prozent überlebten die brutale Überfahrt der „Middle Passage“ nicht.

Trotz dieser tragischen Geschichte ist Gorée heute ein beliebtes Reiseziel. Die Insel verbindet eindringliche Erinnerungskultur mit außergewöhnlichem Charme: ruhige Gassen, pastellfarbene Gebäude und ein fast mediterraner Rhythmus bilden einen starken Gegenpol zur Hektik Dakars. Neben dem Maison des Esclaves zählen auch das Historische Museum im Fort d’Estrées und das Castel, der höchste Punkt der Insel mit großartigem Blick auf die Stadt, zu den Sehenswürdigkeiten. Ein Besuch der Île de Gorée ist damit nicht nur ein geschichtlicher Exkurs, sondern eine tiefgehende Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der Menschheit – und eine Erfahrung, die lange nachhallt.
Zwei weitere Sightseeing- und Shoppingtage in Dakar
Das Ibis Hotel liegt direkt am Atlantik. Durch einen bewachten Hinterausgang gelange ich an den Strand, der jedoch stark verschmutzt ist. Einige düstere Gestalten haben sich dort auf kaputten Liegestühlen notdürftige Schlafplätze eingerichtet. Die Flut spült alles an Land, was man als Müll bezeichnen kann: Plastikflaschen, Textilien, Autoreifen, Holzreste – sogar eine tote Ziege. Oben überwacht die Polizei mit einem Einsatzwagen den Strandbereich.

Touristen begegnen mir an diesem öffentlichen Strand nicht. Lediglich eine Japanerin hat es sich im gepflegten, eingezäunten Abschnitt „Lagon 1“ eingerichtet. Gegen eine Eintrittsgebühr von 20.000 XOF bietet dieser Bereich eine Bar, ein Restaurant und vor allem Sicherheit vor der gefährlichen ablandigen Strömung.

Als ich mich selbst für ein paar Minuten ins Wasser wage, reißt mich die Strömung sofort nach draußen. Nur weil ich mich rechtzeitig am Begrenzungsseil festhalte, behalte ich die Kontrolle. Mit brennend salzigem Wasser in der Nase entscheide ich, dass der Hotelpool die bessere Wahl ist.

Da ich für meinen Nachtflug am 13. November mit Brussels Airlines nicht online einchecken kann, fahre ich zum Büro der Fluglinie in der Stadt. Dort wird mein bereits bezahlter Sitzplatz mit großer Beinfreiheit bestätigt. Den restlichen Tag nutze ich zum Kauf kleiner Souvenirs wie z.B. das offizielle Fußball-Trikot der Mannschaft von Senegal.

Doch als ich am Abend gegen 20 Uhr mein Gepäck am Flughafen aufgebe, stellt sich heraus, dass Sitz 21G und die ganze Reihe bereits neu vergeben wurden. Solche Erfahrungen sind mir nicht fremd: Abflüge aus Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ bedeuten oft, dass reservierte Plätze keine Garantie darstellen – selbst, wenn sie bezahlt sind.
Kurze Replik zu meiner Marathonreise
Während meine Tage in Dakar ausklingen, denke ich über meine beiden Marathonteilnahmen nach. Sie führen mir einmal mehr vor Augen, dass es vielleicht an der Zeit ist, den Sinn meines „sportlichen Tuns“ zu hinterfragen. Wenn die Konkurrenzfähigkeit schwindet, bleibt letztlich nur das Reiseerlebnis. Aber wäre ich ohne die Clubveranstaltungen überhaupt nach Abidjan und Dakar geflogen? Vermutlich nicht. Immerhin kommen so zwei weitere Länderpunkte nach der Zählweise des Country Clubs und der Marathon Globetrotters hinzu. Meine derzeitigen 105 Countries werde ich langfristig nicht verteidigen können – zu viele Jüngere drängen nach. Dennoch habe ich noch einige Marathonländer im Visier.

Schön wäre es auch, die Marke von 500 absolvierten Marathons zu erreichen. Hier zeigt sich ein Unterschied in der Zählweise: Während Clubs wie die Marathon Maniacs oder der Club Super Marathon Italia auch Ultramarathons und den Marathon innerhalb eines Ironmans werten, werden solche Bewerbe auf Marathonaustria – für mich eine Plattform von großer historischer und dokumentarischer Bedeutung – nicht anerkannt. So fehlen mir bis zum Fünfhunderter noch knapp 20 Läufe.
Doch es gilt das Motto: Wer sich selbst abschreibt, hat schon verloren. Es gibt Menschen, die sogar einen Marathon an Krücken bewältigen. Und bei den zahlreichen kleinen Marathons in Deutschland, der Slowakei, oder in Serien wie bei den 10in10 in Italien, England oder Spanien, lassen sich in überschaubarer Zeit weitere Läufe über 42,195 km sammeln.
Wie man in Wien sagt: „Schau ma amoi…“


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