Wander- und Marschveranstaltungen erfreuen sich steigender Beliebtheit.
Märsche-, Trekking-, Hiking- und Wanderveranstaltungen in Deutschland wurden Anfang des Jahres auch auf HDsports ausführlich thematisiert.
Doch nicht nur hierzulande, sondern weltweit gibt es bereits unzählige Events in verschiedenen Formaten, die Freunde dieser Disziplin ansprechen. Ähnlich wie beim Trailrunning lockt die freie, wilde und oft noch ursprüngliche Natur. Zu einem globalen Player hat sich der Highlander entwickelt. Vor acht Jahren in Kroatien gegründet, gibt es mittlerweile über den ganzen Globus verteilt 20 Events, die in den spektakulärsten Naturlandschaften stattfinden, im April diesen Jahres kommt noch eine Premiere in Australien dazu. Höchste Zeit also, dieses Phänomen einmal näher zu betrachten. Den im Februar 2025 zum dritten Mal ausgetragenen Highlander Ra‘s al-Chaima in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) hat der Autor unter die Füße genommen.

Die arabische Gastfreundschaft beginnt schon im Emirates-Flieger nach Dubai, wo die Passagiere regelrecht verwöhnt werden. Kein Vergleich zu westlichen Airlines, die aber -und das muss fairerweise erwähnt werden- auch nicht staatlich subventioniert sind. Bei der Passkontrolle gibt es dann neben dem Einreisestempel noch eine kostenlose SIM-Card für das Handy dazu! Die VAE verbinden Touristen meist mit Luxusurlaub, Wolkenkratzern, künstlichen Inseln, Wüstenlandschaften und hochklassigen Sportveranstaltungen. In der Läufercommunity ist der Dubai-Marathon und der RAK-Halbmarathon (Abkürzung für die deutsche Schreibweise Ras al Khaimah), die jeweils Anfang bzw. Ende Januar mit ultraschnellen Kursen und hohen Preisgeldern die Weltelite locken, bestens bekannt. Das wilde Hinterland der VAE, dem sich vor allem die Outdoor-Industrie angenommen hat, ist erst seit kurzem im Fokus des Reisenden angekommen. Hoch über Ra‘s al-Chaima, Hauptstadt des gleichnamigen und nördlichsten der sieben Emirate, erheben sich mit fast 2000 Metern über Meereshöhe die nördlichen Ausläufer des Hajar-Gebirges, welches sich über den gesamten Nordosten des benachbarten Sultanats Oman erstreckt. Hier befindet sich mit dem Jebel Jais die höchste Erhebung in den VAE. Mit seiner spektakulären Felslandschaft, schroffen Schluchten, ausgedehnten Trails und faszinierenden Ausblicken auf den Arabischen Golf ist es eine komplett andere Welt als die nur wenige Kilometer Luftlinie entfernten Badeparadiese an der Küste. Und somit der perfekte Spielplatz für den Highlander.

180 Teilnehmer aus 29 Ländern sind offiziell für die drei Kategorien gemeldet. Die Hauptroute geht in 3 Tagen über 40 km und jeweils 2400 Meter im Auf- und Abstieg. Übernachtet wird unter freiem Himmel, im Rucksack ist sämtliche Ausrüstung (Zelt, Schlafsack, Matte, 4 Liter Wasser etc.) mitzuführen. Die Teilnahme beinhaltet drei Mahlzeiten pro Tag, den Shuttle zum Start, Transport nicht benötigter Ausrüstung zum Zielpunkt, Servicegebühr der Bergwacht, Streckenpläne und GPS-Daten, Finisher-Abzeichen und Urkunde. 20 Helfer stellen den organisatorischen und logistischen Ablauf sicher. Der Highlander ist ein Abenteuermarsch und kein Wettkampf. Allerdings sind aus Sicherheitsgründen ein paar Zeitlimiten einzuhalten. Treffpunkt zur ersten Etappe ist das Bear Grylls Explorers Camp in einem Seitental am Fuße des Jebel Jais, wo ein Team von Survival-Experten Überlebenstechniken für Anfänger vermittelt. Benannt ist es nach dem britischen Abenteurer, ehemaligen SAS-Soldaten und TV-Moderator Edward Michael Grylls, der mit seiner Dokumentarfilmreihe „Abenteuer Survival – Ausgesetzt in der Wildnis“, die in über 100 Ländern ausgestrahlt wurde, weltweit ein Millionenpublikum begeisterte.

Die Route führt vom Camp auf einer Strecke von 7 km durch ein ausgetrocknetes Flussbett entlang imposanter Kreide- und Kalksteinfelsen 700 Meter in die Höhe zum Checkpoint am Shaha-Gipfel auf 1100 Metern. Mit dem schweren „Sturmgepäck“ auf dem Buckel eine schweißtreibende Angelegenheit. Die vorgeschriebenen vier Liter Flüssigkeit haben ihre Berechtigung, denn in dieser ariden und von Kameldornbüschen gesäumten Umgebung gibt es keine Quellen. Es folgen weitere 7 km und 500 Höhenmeter durch eine massive Steilwand die vom Gipfel des Jebel Jais abfällt, bis zum ersten Lagerplatz auf 1600 Metern über Meereshöhe. Das Zelt wird installiert und muss mit umliegenden Felsbrocken gesichert werden, da die Heringe in dem harten Boden keinen Halt finden. Eine steife Brise fegt über das Hochplateau, in der Nacht wird die Temperatur auf einstellige Werte fallen.

Nach getaner Arbeit ist der Hunger nach Abenteuer jedoch noch nicht gestillt. Mit Michal aus Polen und Alex, ein ehemaliger rumänischer Profiradrennfahrer, mache ich mich an die Besteigung des Jebel Jais, dessen Hauptgipfel noch 4 km und 300 Höhenmeter weiter bereits im Oman liegt und somit ein Grenzgang wird. Zwar erhalten wir zu diesem Vorhaben selbst von den Einheimischen nur verwirrende Informationen, aber dafür gibt es ja google maps. Der Empfang in dieser Einsamkeit ist lausig, aber man kann die Karte auf‘s Handy laden und offline benutzen. Dies ist nun, gepaart mit unserer Bergerfahrung, das wichtigste Navigationstool. Der Pfad wechselt ständig zwischen den beiden Ländern, was an den Grenzsteinen zu erkennen ist. Mal sind wir im Oman, dann wieder in den Emiraten. Ein weit ausladendes Plateau auf emiratischer Seite beherbergt den Palast eines lokalen Sheiks. Das riesige, komplett umzäunte Areal hat einen drei Landeplätze umfassenden Heliport, mit dem der hohe Herr sich selbst, Gäste, Hofstaat und Bedienstete einfliegen lässt. Palast ist eigentlich die falsche Definition, der massive und schnörkellose Betonbau ist eher ein zu groß geratenes, luxuriöses Mountain-Retreat. Aber: keine Wache oder Security, weder Kameras noch Grenzposten sind zu erkennen, lediglich ein paar Ziegen streunen über die Hochfläche. Dennoch sind wir uns sicher, dass wir beobachtet werden. Eine Frage geistert mir bei dem langen Anstieg im Kopf herum: hätte mich das Schicksal zu einem vermögenden Mann gemacht, würde ich als leidenschaftlicher Naturliebhaber auch so ein Ding in die Wildnis stellen? Ich sage es mal ganz pragmatisch: bevor man sein Harem im Privatjet zum Shopping nach Paris einfliegt, wäre eine Investition in die meditative Einsamkeit eines solchen Bergpalastes die bessere Lösung…

Doch die Fantasie geht schon wieder mit mir durch, zurück zur Realität! Die pure Einsamkeit und Ruhe, begleitet von großartigen Felsformationen, sind Meditation und Seelennahrung. Mit erreichen des 1934 Meter hohen Gipfels sind wir uns einig, das sich dieser kleine alpine Abstecher ins Sultanat Oman mehr als gelohnt hat. Im Camp, das wir im letzten Tageslicht erreichen, wird vom Catering gerade das Abendessen serviert, danach gibt es Livemusik am Lagerfeuer. Doch die Kälte treibt fast alle Highländer schon früh ins Zelt. Mein Kollege von der schreibenden Zunft, Hubertus Stumpf aus der Oberpfalz, hat auf ein Zelt verzichtet und sich in einem offenen Biwak eingerichtet. Dick vermummt liegt er unter seiner provisorisch aufgespannten Plane. Wir sind die einzigen Deutschen Teilnehmer und stellen bei diesem Unternehmen mit Ü60 den ältesten Jahrgang. Die meisten Highländer sind Jahrzehnte jünger.

Etappe Nummer zwei ist mit 18 Kilometern die längste und beginnt mit einer Gratwanderung, die tolle Ausblicke in den 1600 Meter tiefer liegenden Arabischen Golf gewährt. Ich bin mit Marta aus Polen unterwegs und erfahre, dass sie bereits die Seven Summits (die höchsten Berge aller 7 Kontinente) gemacht hat. Jetzt träumt sie vom K2! Ich verneige mich vor der 40 Jahre jungen Lady – mir sind in 63 Jahren erst dessen vier gelungen und mein Lebenstraum heißt Mount Vinson, die höchste Erhebung in der Antarktis… Am 1484 Meter hoch gelegenen Puno, dem höchsten Restaurant in den VAE, gibt es ein kurzes Intermezzo mit der Zivilisation. Die bis hierher in den Fels gehauene Piste gilt mit ihren sanften, kurvenreichen Anstiegen, unzähligen Serpentinen und dramatischen Höhenunterschieden als eine der besten Bergstraßen der Welt und lockt zahlreiche Radsportler an. So auch die Profis der 7. UAE Tour, die zwei Wochen später stattfand und hier auf der 3. Etappe die Bergankunft zelebrierte. Das Rennen mit sieben Etappen ist Teil der UCI World Tour und wurde von dem Slowenen Tadej Pogačar, derzeit weltbester Radrennfahrer, gewonnen. Am 12. und 13. April 2025 findet am „Jebel Jais Highway“ auch erstmals ein Amateurrennen statt. An den Flanken des Berges können sich auch die Adrenalinjunkies mit zahlreichen Aktivitäten austoben. Zum Beispiel beim „Jais Flight“, der längsten Zipline der Welt. Auf der 2.8 km langen Seilrutsche wird eine Geschwindigkeit von bis zu 160 km/h erreicht. Das ist fast schon wie Fallschirmspringen!

Kurze Zeit später hat uns die Bergeinsamkeit wieder. Das Wetter unternimmt einen erfolglosen Versuch, die aride Berglandschaft einzunässen, aber es bleibt bei ein paar Regentropfen und somit weiterhin staubig und trocken. Direkt nach dem Kontrollpunkt unterhalb des Jabal Rahabah erfordert der technisch anspruchsvollste Abschnitt der gesamten Tour alle Aufmerksamkeit. Ein steiler Klettersteig führt hinab auf den lang gezogenen Bergrücken zum Jabal Naqat. Der Panoramaweg entzückt mit atemberaubenden Ausblicken auf die karge und raue Bergwelt im Osten und den Arabischen Golf mit seinen Küstensiedlungen im Westen. Zu erkennen ist auch das kleine Fischerdorf Al Rams mit der Suwaiti Perlenfarm, eine der letzten des Landes. Die Jahrtausende alte Tradition der Perlentaucherei war bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts Hauptindustrie der gesamten Region. Allerdings auch ein harter und Lebensgefährlicher Job! Mit den ersten Ölbohrungen, die eine neue Ära einläuteten, wanderten die Perlenfarmer ab - hier war schneller und leichter mehr Geld zu verdienen...

Kontinuierlich geht es abwärts ins Camp 2, das nur noch 400 m hoch in einer Senke liegt. Die milderen Temperaturen in dieser geschützten Lage lassen mehr Raum für Begegnungen mit den Teilnehmern, die aus den exotischsten Ecken der Welt kommen. Viele davon leben und arbeiten in den VAE. Bei den Omanis ist die Trekking- und Wanderbewegung noch ein relativ junges Phänomen, weshalb der Highlander als organisiertes Event sehr beliebt im Lande ist. Unser Zeltnachbar Vincent aus Indien lädt Hubertus und mich zu einem Schluck Wodka und eine Zigarette ein. Am nächtlichen Lagerfeuer unter einem gigantischen Sternenhimmel wird chinesisch, englisch, arabisch, französisch und spanisch gesprochen. Dana, eine junge Syrerin, die in den VAE Emiraten geboren wurde, macht hier das erste mal mit und ist total begeistert von einer neuen Welt, die sie hier entdecken durfte. Ein Pärchen von den Malediven ist ebenfalls dabei. Sie erfreuen sich an der ihnen fremden Bergwelt – der höchste Punkt ihres Landes liegt nur 3 Meter über dem Meeresspiegel!

Es wird spät in dieser Wüstennacht und der folgende Tag beginnt früh. Die Schlussetappe mit nur 8 Kilometern auf einem einsamen Eselspfad, den die Einheimischen schon seit Urzeiten benutzen, ist reine Formsache. Im Ziel wartet schon ein DJ für die Abschlussfeier, die Taufe zum Highlander wird mit Urkunde besiegelt und dann löst sich die multikulturelle Truppe recht schnell wieder auf. Auf der Festplatte im Kopf bleiben einzigartige Landschaften, spannende Begegnungen, neue Freundschaften und die Befriedigung, eine körperlich herausfordernde Leistung bewältigt zu haben.
Fazit

Der Higlander nimmt unter den Marschveranstaltungen eine Sonderstellung ein. Anders als bei den Mammut- und Megamärschen werden hier keine Extrem- und Ultradistanzen zurückgelegt. In Ra‘s al-Chaima gibt es noch Routen mit 25 und 20 km, die über zwei bzw. einen Tag gehen, zeitversetzt gestartet und mit der langen Strecke zusammengeführt werden. Somit kommen alle Teilnehmer am gleichen Tag ins Ziel. Die besondere Herausforderung liegt im Gepäcktransport, da die gesamte Campingausrüstung getragen werden muss, was Logistik und Vorbereitung etwas aufwändiger macht. Dafür darf der Highländer bei diesem Adventure-Marsch einige der wildesten und exotischsten Gegenden auf diesem Planeten unter die Füße nehmen. Die 20 km-Strecke ist eine reine Trekkingtour ohne Zeltübernachtung und besonders für Anfänger geeignet.
Weitere Fotos und alle Informationen
Anreise
Ra‘s al-Chaima ist nur 45 Minuten vom Internationalen Flughafen Dubai entfernt. Unterkünfte gibt es in der Stadt, der unmittelbaren Umgebung und den künstlichen Al Marjan Inseln in allen Kategorien. Wer es etwas rustikaler mag kann sich auch direkt im Bear Grylls Explorers Camp am Fuße des Jebel Jais einmieten.

Touristische Informationen
Fotos: © Hubertus Stumpf und Stefan Schlett


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