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Im Gegensatz zu gestern scheint die Sonne, dafür hat der Wind nachgelassen.

Angeblich hat es 8 Grad, das dürfte stimmen. In der Nacht haben wir die Uhren umgestellt, sodass es heute früher finster wird. Andrerseits hilft die eine Stunde längere Tageserwärmung bis zum Start den Temperaturen in die Höhe.

Roman wird heute seinen 25. Marathon laufen, Gerti ihren zweiten. Der Veranstalter verlangt je nach Startwelle einen bestimmten Zugang zur Startlinie. Das bedeutet einen kleinen jedoch stressfreien Umweg über die Herbert Street. 16.000 Starter, das will gut organisiert sein. So wird z.B. die Startnummer erst im Augenblick der Abholung zugeteilt. 16 Damen und Herren sitzen in einem Bogen vor einem Laptop und haben je vier Stapel mit Startnummern vor sich. Vier Startblöcke, vier Farben. Man scannt die unterschriebene Teilnahme-Bestätigung ein, sie nimmt die oberste grüne Startnummer, gibt sie mir und schon ist es erledigt. „Have fun“ und „next one please“.

Ein paar Schritte weiter gibt es einen großen, durchsichtigen Starterbag mit Süßigkeiten und einem Handtuch. Nur diesen großen Beutel darf man am nächsten Morgen beim bag-drop abgeben. Alles darin muss von außen klar erkennbar sein.

Das war gestern, hernach ausgiebiges Sightseeing bei sonnenlosem Wetter und starkem Wind. Die Stadt hat viel zu bieten. Während des Marathons kommt man aber kaum an einer Sehenswürdigkeit vorbei.

Wie bestellt kommt kurz vor dem ersten Startsignal die Sonne raus. Endlich ist blauer Himmel zu sehen. Nachdem die erste Welle gestartet worden ist, werden 10min gewartet. Günther ist auch da sowie Sieglinde, Monika und Evi die uns Fahne schwenkend auf die Strecke schicken.

Ich bin froh dass es endlich losgeht. Die Nacht, bzw. die Stunden vor dem Start mag ich nämlich gar nicht. Den Fitzwilliam Place runter und rechts in die Leeson Street. Die Sonne im Rücken laufen wir auf St. Patrick’s Cathedral zu. Hier fand gestern für Kinder das lustig-gruselige Bram-Stoker-Festival statt. Mit 91m Länge ist St. Patrick’s Irlands größte Kirche, sie stammt aus dem Mittelalter und wurde 1860 grundlegend renoviert. Eifrige Biertrinker versetzten Sir Benjamin Guinness in die Lage, diese Renovierung zu finanzieren.

700m die Straße rauf sind wir bei der nächsten bedeutsamen Kirche: die Christ Church Cathedral aus 1240. Bis ins 16. Jhdt war die gotische Kathedrale eine katholische.

Da links weg, 100m weiter die St. Audeon’s Catholic Church. Ihre Glocken läuten wie verrückt als wir daran vorbei und runter ans Ufer des Flusses Liffey laufen, vorbei am renommierten Pub „The Brazen Head“. Wir laufen ein Stück am Ufer entlang, nach Meile 2 überqueren wir auf der James-Joyce-Brücke den Fluss und es geht wieder rauf. Nach 5km gibt es kleine Wasserflaschen. Bevor wir gegen einen grünen Hop-on-Hop-off-Bus prallen biegen wir links ab und gleich noch einmal. Weiter durch eine Allee, am Horizont erscheint ein großer Obelisk, das Wellington Monument im Phoenix Park. Das Ding ist 62m hoch und damit der höchste Obelisk Europas. Zum Knipsen hüpfe ich zwischen parkende Autos. Nicht, dass man mich über den Haufen rennt.

Bevor wir dorthin kommen, zweigen wir rechts ab in den Phoenix Park, der ist riesig. Vorbei an einer Polizeischule umrunden wir auf der North Road mehr oder weniger den Dublin Zoo. Jemand spricht mich an und will wissen wo Big Sur ist, das steht hinten auf meinem Shirt. Als er hört, „California, Highway No 1“ ist er ganz interessiert und will Details dazu wissen. Er selber wäre aus Ottawa, auch ein klasser Marathon, Ende Mai. Vielleicht 2019, 2018 mache ich an dem Wochenende veraussichtlich Mont Saint Michel.

Ein Pärchen in gelbbunten Clown-Kostümen mit großem lila Ballon überholt mich.

Meile 4, Rechtskurve, hinter mir höre ich Gerti und Günther plaudern. Vor uns liegt eine 3km lange Gerade, die Chesterfield Ave, ständig leicht berauf. Links und rechts viel Wiese, ab und zu Bäume, sehr steppenartig. Sind Zebras und Gnus zu sehen?

Ein 35m hohes weißes Kreuz steht da links leicht erhöht auf der Wiese. Das Papal Cross, im September 1979 feierte der Papst hier eine Messe.

Wir passieren das Phoenix Monument, die Säule ist 355 Jahre alt. Das Pflaster dort ist etwas holprig, kühler Wind von vorne. Nach Meile 6 verlassen wir den Park, knapp unter 1Std habe ich für die ersten 10km gebraucht.

Hier gibt es Zuseher und die sind nicht zu überhören. Ein Gejohle und Geklatsche ist das in Castleknock. Die schwangere Sängerin auf der Bühne singt dagegen an. Beiderseits der Strecke feuern uns die Zuseher lautstark an. Dazu das Klapper der blauen Plastikhände die man auf der Marathonmesse verteilt hatte.

Leichtes Gefälle, wir laufen direkt auf die Saint Brigid’s Church zu, dem westlichsten Punkt der Strecke. Linksschwenk und wieder geht es rauf, direkt auf die Sonne zu.

Meile 7; Große Mülltonnen stehen für benutzte Wasserflaschen bereit. Um das Treffen zu erleichtern kleben auf der Innenseite der offenen Deckel große Zielscheiben. Gegen die Sonne zu treffen ist gar nicht so leicht. Dann geht es runter, relativ steil sogar.

Links eine Schule, dann ein Pflegeheim, ein großzügiges Anwesen. Es sieht nicht billig aus. Meile 8; Wir kommen wieder in den Phoenix Park und laufen eine weiten Bogen rauf, dann rechts runter. Links ist wieder das Papstkreuz zu sehen. Ein Läufer in sehr fortgeschrittenem Alter mit extremen Krampfadern fällt mir auf, den kenne ich aus dem Hotel. Er ist in der ersten Wave gestartet. 13,5km bis hierher.

Vorbei an einem Krankenhaus geht es runter und raus aus dem Park. Bei km15 in Chapelizod bin ich 89min unterwegs. Bisher gab es nur Wasser, nun gibt es auch Lucozade. Ich greife nach einer Flasche und fülle meine Powerade-Flasche auf. War es im Park vom Streckenrand her ruhig, geht jetzt das wilde Anfeuern wieder los.

Wir überqueren den Liffey. Am Bridge Inn nach links, ab jetzt laufen wir stadteinwärts. Ein Geher ist unterwegs, Julian Iglesias Barrio aus Spanien, den habe ich heute schon mehrfach gesehen. Und Anfang September in Vilnius, da habe ich ihn geschlagen.

Nach und nach gewinnen wir wieder an Höhe, einmal unter der Eisenbahn durch.

Kurz vor der Halbdistanz passiere ich das Kilmainham Gaol, ein Museum, das bis in die 1920er Jahre ein Gefängnis war. Eine grausige Vergangenheit hat dieses Gefängnis, schön ist es trotzdem. Leider war an diesem für uns langen Wochenende kein Besichtigungstermin mehr frei.

Rechts runter, über den Grand Canal und rauf. Ich drücke einer Frau am Streckenrand meine Kamera in die Hand und ersuche sie um ein Foto. Die macht das prompt. Mit den Worten „I hoff’ ’s isch guatt!“ kriege ich die Kamera zurück. Oha, eine Schweizerin.

Unsere Reisegruppe ist 17 Personen stark, 10 davon laufen gerade den Marathon. Die anderen sind mit Anfeuern beschäftigt.

Kurz vor Halbmarathon treffe ich auf Evi, Sieglinde und Monika, sie knipsen mich.

Da wir zehn „Flotten Sohlen“ in Wave 2, Wave 3 und Wave 4 starten wird es noch eine Weile dauern, bis die drei alle von uns „abgeschossen“ haben. Anfeuern kann durchaus langwierig und mühsam sein. Bis jetzt war es sonnig, nun hat es zugezogen.

Bei der Labestelle bekomme ich ein verschlossenes Wasserfläschchen mit fummeligem Plastikverschluss. Da ich rechts einen Fotoapparat halte, links eine nachfüllbare Flasche ist der mir unbekannte Verschluss kniffelig. Die übernächste Helferin am selben Stand bemerkt meine Misere. Sie tauscht mir meine verschlossene Flasche gegen eine bereits „entsicherte“ mit offener Klappe.

Kurz nach Halbmarathon überholen mich die 10min nach mir gestarteten 4h00-Ballons,

Riesendinger sind das. Diese großen Ballons mitzuziehen, das stelle ich mir bei dem hin und wieder kräftigen Wind als gar nicht so einfach vor. Einstöckige Häuser stehen beiderseits der Straße, sonderlich malerisch ist es nicht hier.

Viel der Versorgung scheint an die Zuseher ausgelagert worden zu sein. Bereitwillig bekommt man immer wieder Schüsseln mit Gummibärchen, Wine Gums, entgegen gestreckt. Viele davon landen auf der Straße. Wine Gums pflastern unseren Weg.

Sogar Bananen werden gereicht, von Zusehern in Eigenregie wohlgemerkt.

Ich bin froh als es bei Meile 16 mit „High 5“ ein dünnflüssiges Gel gibt, gleich zwei davon nehme ich zu mir. Links in die Templeogue Road durch den Bushy Park, die Straße der Sinnsprüche. Etwa „your body achieves what your mind believes“ oder „Fürchte dich nicht davor davon zu träumen, das Unmögliche zu erreichen

In Terenure geht es zwischen einem Aldi und der St. Joseph’s Church durch, dann an einem Montessori Kindergarten. Einige Mitläufer habe ich schon seit vielen Kilometern. Eine zierliche Blondine in schwarz, einen hünenhaften jungen Schwarzer in orange und besagten Geher in gelb/rot. Als Ziel für heute habe ich mir unter 4h30 vorgenommen, die zahlreichen Fotostopps summieren sich.

Nach einigen Kirchen kommen wir bei einem Königreichssaal der Zeugen Jehovas vorbei, bei km34 an einer Moschee. Alles da. Bei Meile 22 (=km35) gibt es zum letzten Mal Lucozade und eine zertrümmerte Mauer, weil mit Lucozade geht es halt weiter.

Der nächste Anstieg heißt wie in Boston „Heartbreak Hill“, dieser hier fällt mir zum Glück nicht annähernd so schwer. Vielleicht weil uns der Anstieg von einem DJ erleichtert wird? Hier können die Zuseher raufkeuchende Läufer erleben. Das scheint viele zu interessieren. Vielleicht sind sie aber auch nur wegen der Musik hier.

Die Sonne zeigt sich wieder. Links der Universität entlang laufen wir die Fosters Avenue runter und links auf eine Art Autobahn, die N11. Das ist nicht so prickelnd: wir laufen auf dem Pannenstreifen, rechts von uns zweispuriger Autoverkehr von hinten! Vor ein, zwei Jahren hätte ich mir vielleicht noch nichts dabei gedacht. Bei Meile 23 verlassen wir die N11, wir laufen oben drüber und auf die andere Richtungsfahrbahn runter bevor wir rechts in die Nutley Lane einbiegen.

Am Merrion Shopping Center gibt es noch einmal Wasser und reichlich Plastiktoiletten.

Links in die Merrion Road die mich direkt zum Ziel führen wird. Das bestätigt mir auch ein Schild: „Each step takes you closer to your goal“

Eine schicke und ruhige Gegend hier, hier findet man einige Botschaften. Nicht zu übersehen ist die große Britische. Ab Ballsbridge wird es lauter. Gestern war hier im Kongresszentrum RDS Hall die Marathonmesse. Da haben wir über die enorm große Medaille vom Derry-Marathon (Nordirland, am 3. Juni 2018 wieder) gestaunt.

Diese Medaille ist so schwer, die kostet bei einem Ryanair-Flug extra, meinte das Standpersonal. Das würde mich gar nicht wundern. Bei Air Lingus wahrscheinlich auch.

Beim Herbert Park Hotel überqueren wir einen Fluss, noch 1 Meile. Ein Grüppchen Österreicher steht am Streckenrand. Es ist Sonntag, dennoch auf den Baustellen wird gearbeitet. Drei Fahrspuren führen ins Ziel, noch 800m. Beiderseits der Straße nun Absperrgitter, tosender Applaus am Grand Canal. Mittels Schleusensystem können Zuseher die Straßenseite wechseln. Das können sie beim London-Marathon schneller.

Ha, Renate wartet da auf Christian. Noch 400m, der Lärm ist faszinierend. Marshalls kontrollieren, dass nur ja ausschließlich Marathonläufer ins Ziel einlaufen. Zieleinlauf mit Kind oder Freund ist strengstens verboten und wird mit Disqualifikation bestraft.

Die Dublin-Medaille muss man sich ehrlich verdienen. Heuer zeigt sie den vor 350 Jahren verstorbenen Jonathan Swift, Autor von „Gullivers Reisen“. An seiner letzten Ruhestätte sind wir vor 40km vorbei gelaufen. Die ist in der St. Patrick’s Cathedral, Jonathon Swift war dort von 1713 – 1745 Dekan.

4h23:30 wird für mich gemessen. Das ist halb so schnell wie der Sieger und fast doppelt so schnell wie die Letzte im Klassement. 9.700 waren schneller, 6.200 werden langsamer sein. Minütlich kommen 130 Läuferinnen und Läufer ins Ziel. Der Läuferstrom ist kein einziges Mal abgeebbt. Hier sind nur Marathonis am Start gewesen, keine Staffeln und keine kürzeren Distanzen. Ich bin ständig in einer Menschentraube gelaufen, ein idealer Marathon für einen Anfänger. Christian der heute seine Marathonpremiere hat ist nachher jedenfalls wild entschlossen, seine Karriere als Marathonläufer fortzusetzen.

Als Letzte und 15.888. wurde Stephany Shinpock mit 8h23:30 gewertet,

der Sieger heißt Bernard Rotich (KEN) 2h15:53

Nach der Medaille bekommt jeder ein langärmeliges Finisher-Shirt in blau. Bei XL frage ich nach einem Shirt in „Kingsize, please“. „Oh, I like that description“, lächelt mich die Lady an.

Der Zielbereich ist riesengroß. Oscar Wilde lebte hier von 1855 – 1878. Ein Stück weiter vor der National Gallery treffe ich auf das Geburtstagskind Franz, Veronika, Gerti und Roman die schon ihre neuen Finisher-Shirts tragen. Sieglinde, Monika und ich machen Erinnerungsfotos. Schließlich kommt man nicht alle Jahre hierher. Meinen Kleiderbeutel bekomme ich ohne warten zu müssen. Beim Ausgang wird warme Suppe ausgeschenkt, die tut gut. Der Weg ins Hotel dauert etwas, denn dazu müssen wir den Schlussabschnitt der Marathonstrecke überqueren aber da kommen nach wie vor noch ständig Läufer ins Ziel. Und das wird noch eine Weile so bleiben.

Beim Abendessen im „The Gasworks“ sind wir 17 wieder vereint, alle zehn Teilnehmer haben einen erfolgreichen Marathon hinter sich, Appetit und Durst haben alle.

Essen gehen, ein Bier, das Hotel, Startgeld € 73,- wenn man bald dran war, da kommt was zusammen.  Sofia vor zwei Wochen war wesentlich günstiger, mit 390 Finishern aber eine ganz andere Kategorie.

© Herbert Orlinger   

  1. Bernard Rotich 2h25:53
  2. Yuri Ruskyuk 2h25:56
  3. Asefa Legese Bekele 2h26:00
  1. Nataliya Lehonkova 2h28:57
  2. Ashu Kasim 2h34:35
  3. Khapilina Viktoriya 2h35:55

 

Dublin Marathon2017 900b

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